Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 16 (15.8.1929)
- Article
- Protokoll der Verhandlungen der siebenten Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden in Aschaffenburg am 30. Juni und 1. Juli 1929
- Date
- 1929-08-15
- Page
- Seite 260 (sequence 8)
- Language
- German
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260 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 16 Rechtsanwalt Feilchenfeld: Es ist heute von berufener Seite die Mahnung ertönt, daß der Verband nach Überwindung der Kinderkrankheiten nicht der Gefahr verfallen möge, einer gewissen Selbstzufriedenheit Raum zu geben. Diese Mahnung besteht zu Recht, wenn wir auch in der bisherigen Arbeit des Verbandes keinerlei Anzeichen für eine solche Entwicklung wahrnehmen können. Ich möchte mich vielmehr dem herzlichen Danke meines Vorredners dafür anschließen, daß die Verbandsleitung die Aufgaben der Gesamtheit der bayerischen Juden, und das find alle Aufgaben, die von Einzelpersonen und Gemeinden nicht erfüllt werden können, auch in diesem Jahre vorbildlich erfüllt hat. Aber wir müssen uns bewußt sein, daß noch vieles zu tun ist. Man verkennt leicht bei solchen Tagungen, wenn man in einer gewissen feierlichen Stimmung ist, wie wenig Grund zu dieser Stimmung vorhanden ist. Sehen wir uns doch im Lande um. Ich muß wiederholen, was schon ausgesprochen worden ist, daß wir im gegenwärtigen Zeitpunkt keinen Grund haben, uns in Bayern besonders wohl zu fühlen. Cs ist in furchtbarer Weise an uns gesündigt worden, vor allem in der Schächtfrage. Die Angriffe gegen das Schächten haben mit sachlicher Bekämpfung nichts mehr zu tun, sie sind auf das Gebiet politischer Leidenschaft gelangt. In Wien auf dem Tierschutzkongreß sind Leute überhaupt nur auf die Tagung gekommen, um das Schächten zu bekämpfen, ohne daß sie sich die Gegenreden überhaupt angehört haben. Die Frage des Schächtens ist auf eine Bahn geraten, daß wir allen Grund haben, uns gegen diese Art der Behandlung zu wehren. Wir sind die ältesten Vertreter des Tierschutzes; denn in der Bibel sind die Grundsätze verbündet, die die Scheu vor der Mißhandlung des Deres uns einprägen. Ich glaube, wir müssen auch hier zum Ausdruck bringen, daß wir allen Anlaß haben, uns gegen eine solche Behandlung einer uns heiligen Sache zu verwahren. Das zweite ist die Schmach der Ritualmordlüge. Auch hier stehen wir mit Entsetzen vor dem Abgrund, von dem man nicht geglaubt hat. daß er sich im 20. Jahrhundert noch auftun kann. Trotzdem findet diese schandbare Lüge noch gläubige Anhänger. Wir erheben mit Abscheu Verwahrung dagegen. Aber auch die amtliche Politik der bayerischen Regierung, z. B. in der Einbürgerungsfrage, wird unseren berechtigten Anforderungen nicht gerecht. Wir kommen nun zu den inneren Verhältnissen. Es ist schon sehr viel von der Wirtschaftslage gesprochen worden. Wir haben heute zwei Anschauungen gehört. Auf der einen Seite den Ruf zum Sparen und auf der anderen Seite den Stolz auf neue Ausgaben. Aber auch hier ist der Mittelweg der richtige. Ich werde noch darauf zu sprechen kommen, wie sich dieser mit einer zweckmäßigen Wohlfahrtspolitik vereinigen läßt. Gerade hier ist die Mahnung am Platze, nicht in ausgefahrenen Geleisen zu gehen und nicht zu sagen, man dürfe neue Verpflichtungen nicht eingehen. weil sie neue Lasten mit sich bringen. Man darf keine Arbeit scheuen und nicht glauben, bis jetzt schon genug getan zu haben. Cs ist gerade in diesen Dingen nötig, immer von neuem wieder über die gestellten Aufgaben zu sinnen, und zwar nicht über einen Abbau, sondern über eine Rationalisierung der vorhandenen Arbeiten, und wie man Mittel schaffen kann für neue notwendige Aufgaben. Ich möchte nicht auf alle die Einzelheiten eingehen. die mein Herr Kollege vorgebracht hat. Ich habe im vorigen Jahre an dieser Stelle von der Notwendigkeit der jüdischen Schule gesprochen. Ich möchte heute nicht ausfiihrlicher darauf zurückkommen, aber ich sehe, daß dieser Gedanke noch nicht Allgemeingut der Tagung geworden ist. Ich greife nur das eine heraus und möchte sagen: Sie haben heute gehört von dem Ideal, das Mendelssohn verkündet hat, von der Verbindung der deutschen Kultur mit dem ererbten jüdischen Kulturgut. Sie wissen, daß er mißverstanden worden ist. Sie wissen, daß man die eine Seite betont und die andere vernachlässigt hat und daß dies die jüdische Seite gewesen ist. Sie wissen auch, daß heute allgemein versucht wird, diesen Zustand zu bessern und die Verwurzelung unserer Jugend in der jüdischen Kultur zu stärken. Und da wollen Sie eine Anstalt, die seit 60 Jahren besteht, nämlich die Israelitische Realschule in Aürth, einfach abbauen und Sie fraaen sich nicht, ob man vielleicht durch eine Verlequna oder durch sonstige Maßnahmen die Schule retten kann. Wir stehen einmütig hinter dem Antrag des Kuratoriums der Lehrerbildungsanstalt. Nach eingehender Aussprache in unserer Fraktion sind wir zu dem Ergebnis gekommen, daß wir nicht etwa alles bewilligen, was von einer unserer Weltanschauung nahestehenden Seite kommt, aber wir sind der Meinung, daß diese Mittel gut angewendet sind, nicht nur ideell, sondern auch materiell. Sie wollen doch immer Judentum aufbauen und Sie wollen doch, daß nicht nur materiell sondern kulturell geholfen wird. Was hier verlangt wird, ist auch ein Stück jüdischer Mittelstandshilfe, Sie geben den Söhnen des jüdischen Mittelstandes die Ausbildungsmöglichkeit. Sie sollten hier nicht abbauen, sondern aufbauen. Und wenn weiter gesagt worden ist, daß die Großgemeinden so große Opfer bringen und daß deshalb abgebaut werden muß, so möchte ich sagen, es ist nicht wahr, es bringen nicht die Großgemeinden so große Opfer, sondern die Kleingemeinden bringen viel größere Opfer. Es zahlen doch nicht die Gemeinden, sondern die Einzelpersonen an den Verband. Das muß jeder einsehen, der sich ernstlich mit der Sache besaßt, und Sie würden erschrecken, wenn Sie aus einer Statistik sehen würden, wie sehr die Juden auf dem Lande trotz der Verbandszuschllsse belastet sind, Sie würden diesen Idealismus bewundern und nicht von Ausnützung des Verbandes sprechen. Dabei möchte ich eines betonen: Wir sind durchaus dafür, daß in schärfster Weise gesiebt und geprüft wird. Wir sind mit der schärfiten Kontrolle einverstanden. Aber Sie dürfen das nicht einfach über den Kopf der Bezirksausschüsse hinweg machen. Ich glaube, daß gerade die Bezirksausschüsse wertvolle Mitarbeit bei dieser Kontrolle leisten können. Es muß die Heranziehung lokaler Institutionen zu dieser Kontrolle verlangt werden. Ich glaube, daß das auch von liberaler Seite so gemeint war. Wenn ein gewisser Gegensatz zum Ausdruck gekommen ist zwischen den Leuten, die sich um ihr tägliches Brot plagen müssen, und denen, die eine gesicherte Existenz haben, so muß ich doch sagen, daß gerade die Sicherung der Existenz unserer Kultusbeamten, die früher alle möglichen Nebenberufe, wie Versicherungsagenturen und kaufmännische Vertretungen ausüben mußten, die Errungenschaft war, auf die wir so stolz sind. Man sollte gerade in diesem Bunkt besonders vorsichtig sein. Es handelt sich hier um Männer, die lange genug gekämpft' haben, und wir wissen, daß sie die Träger des Judentums auf dem Lande sind. Ich gebe zu. daß einzelne darunter sind, die wenig Beschäftigung haben. Es sind vielleicht auch man^ dabei, die nicht geeignet sind für ihren Posten, ^ch bitte iedock bei der Kontrolle darauf zu achten, wenn einer Gemeinde der Lehrer genommen wird, dann ist die Jüdischkeit aus dieser Gemeinde fort. Und darum stehen wir solchen Abbaumaßnahmen mit großem Mißtrauen gegenüber. Es muß selbstverständlich irgendwelchen Auswüchsen entgegengetreten werden Ich habe bezüglich der Steuersenkung bessere Hoffnungen als der H?rr Vorredner. Ich hoffe, daß bessere wirtschaftliche Verhältnisse wieder eintreten werden und daß wir dann weitere Aufgaben erfüllen können und nicht abbauen müssen. Wenn davon gesprochen wurde, die Tagung nur alle zwei Jahre einzuberufen, so möchte ich folgendes sagen: So sehr ick davon überzeugt bin, daß die Tagung zur Erfüllung praktischer Arbeiten überflüssig ist und daß die Herren in München ganz allein fertig werden können, so bin ich doch der gegenteiligen Meinung, daß man die Tagung stärker heranziehen müßte, um ihr zum Bewußtsein zu bringen, daß sie nicht nur berufen ist, einmal im Jahre l. 1U] nun 1PI IOMLUPIH1BI |E|.|T|;|R| |l||E| mm Caf6 Luitpold — Palm engart en Tabarin Luitpold neue Leitune: Hans Keckeisen Erstklassige Küche u. Wirtschaftsführung jeder Art zu mäßigen Preisen Täglich nachm, und abends Konzert. 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