Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 16 (15.8.1929)
- Article
- Protokoll der Verhandlungen der siebenten Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden in Aschaffenburg am 30. Juni und 1. Juli 1929
- Date
- 1929-08-15
- Page
- Seite 255 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 255 Wir kommen nun zu Projekt 4: Zum Ausbau des Kranken- und Pfründnerhauses in Würzburg. Es sollen hier Räume für weitere 21 bis 28 Betten geschaffen werden, außerdem ein größerer Speisesaal bzw. Aufenthaltssaal, die im Verbindungsgang zwischen Alt- und Neubau im Erdgeschoß liegen würden. Im 1. und 2. Stock sind je 7—8 Zimmer vorgesehen, davon je ein 2 zweibettiges. In dem Verbindungsgang zwischen Alt- und Neubau, der Speisesaal und Aufenthaltsraum enthält, befindet sich auch ein Ärztezimmer. Ein besonderer Vorteil ist, daß der Neubau mit allen modernen Einrichtungen, Kalt- und Warmwasser- sowie Zentralheizung usw. ausgestattet wird. Er liegt südlich und hat einen Ausblick auf einen sehr schönen Garten. Es ist auch keine Veränderung der Verwaltung notwendig. Wenn der Verband einen Bauzuschuß von 20 000 RM. und leihweise einen Betrag von 40 000 RM. zur Verfügung stellt, der in jährlichen Raten zurückbezahlt und hypothekarisch gesichert werden soll und zu verzinsen ist, ist der Neubau gesichert. In diesem Falle hat der Landesverband keinerlei Pflichten bezüglich der Verwaltung, die Anstalt kann in gleicher Weise wie bisher fortgeführt werden. Er hat allerdings auch kein Besitzrecht. Die Verpflegung in der Anstalt war, wie sich alle Herren überzeugt haben, außerordentlich zufriedenstellend, die Insassen fühlen sich sehr wohl. Die Verwaltung hat uns übrigens auch bestimmte Zusagen wegen der Anstellung' jüdischer Schwestern gemacht. Ich fasse also kurz zusammen: 1. Anwesen Löwinsky, erforderlich 125 000 RM., Bezahlung je nach Vereinbarung, eigene Regie und eigene Betriebsnahme. 2. Hotel Ehrenreich, erforderlich 175 000 RM., wobei 60 000 RM. als Hypothek stehenbleiben können, Anzahlung 30 bis 50 000 RM., Rest in fünf oder zehn Jahresraten, eigene Verwaltung, jedoch gesichert durch Übernahme der Verwaltung durch die bisherigen Besitzer. 3. Burgpreppach, Erfordernis etwa 40 000 RM., Pachtvertrag mit der Stiftungsverwaltung, jedoch eigene Regie, die leicht zu regeln ist. 4. Würzburg, erforderlich 20 000 RM. a koncl8 psräu und 40 000 RM. leihweise, Verwaltung unnötig durch Übernahme durch die Kranken- und Pfründnerhausstiftung. Oberlehrer S t o l l: Meine Damen und Herren! Wenn ich in der Reihe der für die einzelnen Haushaltposten bestellten Referenten als letzter das Wort nehme, so hoffe ich, daß es mir nicht so geht wie dem Poeten, der zu spät kam, weil die Welt schon verteilt war. Mein Schmerzenskind ist die Lehrerbildungsanstalt. In den letzten Tagen ist Ihnen ein gedruckter Bericht zugegangen, von dem ich wohl annehmen darf, daß Sie ihn eines Studiums gewürdigt haben. Sie konnten aus der Broschüre die Tatsache entnehmen, daß das Seminar heute von 55 Schülern besucht wird, einer Ziffer, die doppelt so hoch ist als der Durchschnitt der vergangenen 65 Jahre. Schon im vergangenen Jahre hätten wir mit der Frage des Ausbaues der Anstalt an Sie herantreten müssen. Wir wollten aber zuwarten, bis die auf der Tagesordnung des Landtags stehende Frage der Neuregelung der Lehrerbildung geklärt war. Im Landtag ist die Frage aber inzwischen zurückgestellt worden. Durch diesen Aufschub sind wir in räumliche Schwierigkeiten gekommen. Die Raumverhältnisse in unserer Anstalt sind, wie die Kommission des Verbandes am 9. Mai d. I. durch Augenschein festgestellt hat, unhaltbare geworden. Die Weiterführung des Unterrichtsbetriebes ist gefährdet, wenn nicht in kürzester Frist Abhilfe geschaffen wird. Ein kleiner geschichtlicher Rückblick soll Ihnen zeigen, wie der gegenwärtige hohe Besuchsstand sich entwickelt hat: zu Anfang des Jahrhunderts hat man in Deutschland etwa 1500 Stellen für seminaristisch vorgebildete jüdische Beamte gezählt. Diese Zahl ist inzwischen ständig zurückgegangen. Die Ursache des Rückgangs liegt in der Abwanderung der jüdischen Bevölkerung vom Lande in die Stadt und das dadurch herbeigeführte Verschwinden vieler Gemeinden. Anderseits ist allerdings in den großen Städten der Bedarf an jüdischen Lehrkräften gestiegen. Während z.' B. München und Nürnberg im Jahre 1900 je drei seminaristisch vorgebildete Beamte hatten, ist ihre Zahl, insbesondere infolge der Errichtung jüdischer Volksschulen, auf je 12 gestiegen. Nach einer ziemlich zuverlässigen Schätzung, die ich im vorigen Jahre auf Grund des mir zugänglichen Materials durchgeführt habe und deren Richtigkeit, soweit die Verhältnisse Preußen betreffen, mir von maßgebender Stelle bestätigt worden ist, darf die Zahl der für seminaristisch vorgebildete Lehrer noch tragfähigen Stellen in Deutschland zur Zeit mit etwa 1100 angenommen werden. Das bedeutet, daß die jüdische Lehrerbildung in Deutschland einen Jahresbedarf von etwa 35 Anwärtern zu decken hat. Nun gab es vor dem Kriege neben den bayerischen Anstalten fünf Seminare in Preußen, näm- - lich in Kassel, Hannover, Münster, Köln und Berlin. Während des Krieges sind die drei erstgenannten eingegangen, teils aus Mangel an Mitteln, teils aus Mangel an Schülermaterial. Die Anstalt in Berlin wurde 1926 geschlossen. An ihre Stelle ist nunmehr die dreiklassige Oberstufe einer Oberrealschule getreten, welche als Vorbereitungsstätte für die künftige akademische Lehrerbildung dienen soll. Eine ähnliche Entwicklung vollzieht sich zurzeit in Köln. Der Besuch der Berliner Anstalt beziffert sich pro Jahrgang auf 10 Schüler. Es muß aber damit gerechnet werden, daß ein Teil der Absolventen dieser Oberrealschule sich einem anderen akademischen Studium zuwendet, so daß also im Verhältnis zum Gesamtbedarf an jüdischen Lehrkräften ein wesentlicher Zugang aus diesen akademischen Lehrervorbildungsstätten nicht erwartet werden darf. Deshalb richten die gesamten jüdischen Landesverbände von Deutschland heute ihren Blick auf Bayern. In der Arbeitsgemeinschaft der Landesverbände wurde die Frage der Lehrervorbildung in letzter Zeit auch wiederholt besprochen, so am 1. September und 20. Oktober vorigen Jahres in Berlin, am 13. Januar dieses Jahres in Leipzig. Von den sämtlichen deutschen Landesverbänden, von Preußen mit gewissen Einschränkungen, ist anerkannt worden, daß nach Lage der Dinge ein entsprechend großer Nachwuchs an jüdischen Beamten zur Zeit nur von den bayerischen Lehrerbildungsanstalten erwartet werden kann. Die in Bayern günstigeren Verhältnisse, auch wenn die Umwandlung der Lehrerbildungsanstalten in Aufbauschulen Platz greifen wird, liegen in dem Umstande begründet, daß in Bayern dafür gesorgt war, daß diejenigen Schichten der Bevölkerung dem Lehrerberuf zugesührt werden, welche zuerst die ganze Volksschule durchlaufen hatten. Das sind aber die Kreise der Minderbemittelten auf dem platten Lande, in den kleineren und mittleren Städten, welche aus wirtschaftlichen Gründen höhere Schulen, die meist nur in den größeren Städten vorhanden sind, nicht besuchen und und deshalb einen akademischen Beruf nicht ergreifen konnten. Für diese soziale Schicht bildete der Übergang von der Volksschule zur Lehrerbildungsanstalt die einzige Möglichkeit des Aufstiegs in einen geistigen Beruf. Wesentlich erleichtert wurde der Zugang zu den Lehrerbildungsanstalten nach der wirtschaftlichen Seite durch die mit den Anstalten verbundenen Schülerheime. Demgemäß haben auch die sämtlichen Landesverbände sich bereit erklärt, sich ihrer Finanzkraft entsprechend an der Subventionierung der bayerischen Anstalten zu beteiligen. Erst vor wenigen Tagen konnten Sie in den Zeitungen die Mitteilung lesen, daß der preußische Landesverband von seinem im Haushaltplan für 1929 für Lehrerbildung vorgesehenen Betrag von 100 000 RM. (50 000 RM. waren von vornherein für die Berliner Anstalt, 20 000 RM. für die siebte Klasse der Oberrealschule in Köln reserviert, 10 000 RM. werden für Stipendien verausgabt, von denen mindestens die Hälfte bereits in die bayerischen Anstalten fließt), den verfügbaren Rest von 20 000 RM. den bayerischen Anstalten zugesprochen hat und dies in einem Zeitpunkte, in welchem das in Köln noch mit den zwei obersten Klassen bestehende Seminar Anspruch auf Subvention beim Preußenverband erhebt. Daraus mögen Sie erkennen, wie stark die sämtlichen deutschen Landesverbände an der Erhaltung und dem Ausbau der bayerischen Lehrerbildungsanstalten interessiert sind. Gelegentlich der Beratung der Kommission des Landesverbandes, welche am 9. Mai d. I. im Seminar zu Würzburg stattfand und zu welcher auch die Vertreter des badischen Oberrats erschienen waren, haben die Herren aus Baden zugesichert, daß sie nachdrücklichste für eine wesentliche Erhöhung des bisher 6000 RM. beziffernden badischen Zuschusses an die bayerischen Lehrerbildungsanstalten eintreten werden. Auch die übrigen Landesverbände bemühen sich im Rahmen ihrer Finanzkraft um eine Erhöhung ihrer bisherigen Subventionen. Unsere bayerischen Anstalten, deren Besuchsziffer in den sechs Klassen zur Zeit 110 beträgt, werden nämlich aus ganz Deutschland frequentiert. Hatten wir in früheren Jahren durchschnittlich in der Klasse 8—10 Leute, die hauptsächlich aus Bayern stammten, so hat sich diese Zahl infolge des Zustromes aus ganz Deutschland in den letzten Jahren verdoppelt und verdreifacht. Die im Seminar vorhandenen Lehrzimmer haben aber gerade ausgereicht, um einem Klassenstande von etwa 10 Schülern Unterrichts- und Studiergelegenheit zu bieten: die Unterrichtsräume dienten dabei zugleich als Studierzimmer. Das ging an, solange