Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 15 (1.8.1929)
- Article
- Kunst und Religion
- Date
- 1929-08-01
- Page
- Seite 239 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 15 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 239 Wesen der Schauspielkunst, als einer vollbewußten Heuchelei und Verstellung, ein^ derartiger Verstoß gegen jede Sittlichkeit, daß der religiöse Mensch, unbestimmbar angewidert, eine greifbare Ursache für seinen eingeborenen Abscheu suchte und dieselbe in der Sittenlosigkeit des Theaters zu finden meinte. Mit dieser Verallgemeinerung beging er ja auch kein Unrecht: Zweifellos gehört, die Theatergeschichte aller Zeiten beweist es, Zuchtlosigkeit irgendwie naturnotwendig zum Theaterwesen und sind Reinheit und Zucht im Theaterbetrieb unmöglich. Woraus wieder folgt, daß es die Sache selbst ist, das Agieren mit Menschenleibern, die das Schauspiel so verwerflich macht wie Tanzkunst und Körperkultur. Nicht mißbraucht werden kann das Theater, sondern es ist selber an sich ein großer Menschenmißbrauch, dem beide, Schauspieler wie Zuschauer, gleicherweise zum Opfer fallen. Soll aber, das Theater abgetan, nun die Dichtkunst auf Berechtigung, auf Wert oder Rangordnung betrachtet werden, so erweist hier schon der eine oder andere große Name, Shakespeare oder Dante, die Unmöglichkeit völliger Verwerfung. Denn diese Namen und noch einige wenige sind uns keine leeren Worte, sondern lebendige Bürgen für eine sie erleuchtende Glorie. Nicht über der religiösen Kritik stehen sie — auch sie nicht! — aber der Eindruck ihrer erschütternden Größe ist so gewaltig, daß, noch ehe der Verstand sprach, das Gefühl diese wenigen Namen als unantastbar erkennt — daß auch der gläubige Mensch als ganz sicher fühlt, daß die großen Schöpfer der großen Gedichte niemals Gott können entgegengehandelt haben und daß er in ihnen zum ersten Male das sich erfüllen sieht, was das eigentliche Wunder aller Kunst ausmacht: Die Fortsetzung von Gottes Schöpfungswerk durch Menschen! Wohl beweisen also diese Namen ohne weiteres die Rechte der Dichtkunst und ihren Rang. Sie beweisen das aber, um es nochmals zu betonen, nicht etwa darum, weil die religiöse Kritik an sie nicht herandürfte, sondern weil Größe nur von Größe kommen kann, Wahrheit nur von Wahrheit, Herrlichkeit nur von Herrlichkeit — ein ewiges Kunstwerk nur von Gott. Mit welch letzterer Erkenntnis zugleich umgekehrt die zweite Erkenntnis gewonnen ist, daß ein Werk nicht groß sein kann, das nicht von Gott stammt. Vielleicht bei keiner anderen Kunst aber läßt eben dies wichtigste Kennzeichen, der Ursprung des Werkes, sich so deutlich erkennen, wie in der Dichtung. Und wenn ja wohl auch diese Kunst mißbraucht wird, so leuchtet es doch ein, daß Mißbrauch hier niemals sehr gefährlich werden kann. Das klare, deutliche Wort verhindert den feinen Betrug und ermöglicht es dem Verstände, sich vor niederen Einflüffen zu schützen. Bei keiner anderen Kunst fällt es dem Einzelnen so leicht, selbst zu ermessen, ob das Kunstwerk seine Pflichten vernachlässigt, seine Rechte überschreitet, sein letztes Ziel erreicht — ob es von dieser oder jener Welt ist, vom Staube oder von Gott. Scheinbare Größe mag da eine Weile täuschen, aber von wahrer dichterischer Größe ist uns ein Muster gegeben in der Bibel — von ihrem Offenbarungscharakter hier abgesehen. Was im Shakespeare oder im Dante, im Nibelungenlied oder bei Dostojewski stellenweise aufglüht als heiligste Kunst - dort in der Bibel lebt es in jedem Satz: wortkarge Einfachheit, erzenes Pathos, überwältigende Nacktheit des Wortes. Nur die paar Fürsten der Dichter haben das -manchmal gekonnt. Shakespeare beispielsweise in der Szene vom Tode Lears oder in Hamlets abgeleiertem und doch unvergeßlich großem Monolog. Innerlich böse Dichtungen werden also, mögen sie auch ein paar Jahrhunderte lang — Stunden Gottes! — bewundert werden, mit der Zeit sicherlich in ihrem Unwert erkannt und verworfen werden. Dauernder Mißbrauch der Dichtkunst ist unmöglich. Desto unbezähmbarer ist die Musik. Nicht kann der Verstand sie überwachen, noch das Gefühl sie kontrollieren. Jenseits der Sinnenwelt aus rein geistigen Sphären aufblühend, wendet sie sich doch an das allersinnlichste Sinnesorgan, das zugleich am wenigsten zu Unterscheidungen taugt. In keiner anderen von den hohen Künsten ist demgemäß der Lüge und der Verführung so leichtes Spiel gegeben. Wo der sittliche Mensch, läse er's mit Worten, sich längst unwillig abwenden würde, da horcht er noch gerne den Tönen, die doch dasselbe sagen. Gerade vor der Musik könnte denn auch noch am ehesten der ungeduldige Gedanke aufkommen, daß der von ihr ausgehende sittliche Schaden alle ihre Schönheit und Majestät so sehr überwiege, daß sie wirklich besser nicht bestünde! Ihre Undeutlichkeit ist ihre Schuld. Hier ist nichts sicher, nichts fest, wie in der Dichtung und Malerei-. Hier schwankt alles und alles ist des Zuhörers augenblicklicher Stimmung anheimgegeben. Die Ablenkung der Welt von der Erkenntnis zur Ahnung, von der Pflicht zur Stimmung — die Sentimentalisierung der Welt ist größtenteils eine Schuld der Musik. Und daß sie in deren Wesen, in ihrer Körperlosigkeit beruht, nimmt trotz Bach und Händel und aller gottesdienstlichen Musik jede Hoffnung, daß diese Grundgefahr aller Musik je werde ausgeschaltet werden können. Im Gegensatz zur Musik kann bei oberflächlicher Betrachtung die bildende Kunst (Malerei und Plastik) als die der Religion feindlichste erscheinen. Aber ganz im Gegenteil ist sie teils wie die Dichtung zu eindeutig, um verlogen mißbraucht zu werden — teils zu ungeistig, um überhaupt auf die geistigen Sphären zu wirken. Sie arbeitet mit deutlichen Sinneseindrücken, mit unmißverstehbaren Formen. Sie gibt nacktes Fleisch als nacktes Fleisch, gibt Glorie als Glorie. Wohl wird sie dadurch verächtlich, daß sie am leichtesten von allen Künsten ihrer Würde vergißt, keines letzten Zieles gedenkt und sinnlos in den Tag hinein schafft. Aber selbst wo sie lügt, wie etwa in der Süße der Bilder Raffaels, bleibt der Mißbrauch der Malerei recht unwirksam und ungefährlich. Aber auf keinem Vorzug beruht diese Ungefährlichkeit, sondern vielmehr auf dem inneren Unwert der bildenden Künste. Doch gerade aus dem Umkreis dieser sittlich bedeutungslosesten Kunst ragt dann jene Kunst auf, die dem letzten Ziel am nahesten kommen kann — Epos und Statue und Musik zugleich: Architektur! Keine andere Kunst ist dem Menschen so innig zu eigen, keine andere macht ihn so groß. Wie der Mensch, der aus Erde ist, eingehen kann in die körperlose Herrlichkeit — so wird sein Bauwerk aus Erde und Stein zu gewichtlos schwebender Melodie. Aber im Ungreifbaren tastend gleitet Musik ins Bodenlose ab, während die Baukunst — mit Greifbarem, Wägbarem, Meßbarem arbeitend — immer auf festem Boden bleibt. Keinen anderen Sinn berührend, nur dem schauenden und schauernden Geiste offenbar — ist Baukunst die einzige Kunst, die keines Mißbrauches fähig ist — die einzige, die in vollkommener Übereinstimmung mit dem Sittengesetz bleiben kann - die einzige daher, die gläubige Menschen ausüben müssen — die einzige demnach, die wirklich jüdisch heißen sollte. Und doch: Gerade diese höchste und reinste Kunst, diese jüdischeste Kunst war dem jüdischen Volke fremd und blieb's ihm bis heute. Phöniker bauten den Tempel und Fremde bauen heute die Synagogen; selbst wo Juden die Baumeister sind, bauen sie in fremden Stilen. Wohl gibt es einzelne Ansätze zu