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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1929-08-01 · 15 (1.8.1929) · p. Seite 238

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
5 (1929)
Issue
15 (1.8.1929)
Article
Kunst und Religion
Date
1929-08-01
Page
Seite 238 (sequence 2)
Language
German
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238 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 15 auch von den menschlichen Ideen gelten, also auch von der Kunst. Daß ein Mord nicht Gottes Wille sein kann, daran zweifelt fast niemand; es scheint also ein sicheres Verfahren zu geben, die Gottgefälligkeit oder Verwerflichkeit menschlichen Tuns festzuftellen — ein im Falle Mord schon ganz unterbewußt automatisch wirkendes Verfahren. Wenn wir uns seiner bewußt werden könnten, würden wir mit seiner Hilfe auch andere Handlungen beurteilen können. Aber wir brauchen diese Methode gar nicht zu suchen; sie wurde uns ja geschenkt: eS ist die Methode der moralischen Bewertung. Das eigens hervorzuheben, ist nicht so lächerlich, wie es wohl klingt. Man bedenke, daß die ganze vorjüdische Antike von moralischer Wertung der Welt keine Ahnung hatte. Und man beachte, daß der moderne Mensch erst recht auf jedes moralische Urteilszentrum verzichtet hat. Ja, es scheint wirklich, als ob „das moralische Gesetz in uns", von dem Kant noch wußte — als ob das Sittengesetz durchaus nicht mehr als des Lebens einzig mögliche Grundlage gelte. Aber nicht nur das jüdische Sittengesetz wird verworfen, sondern ein jedes. Ganz frei, ganz ungehemmt wollte der antike und will der moderne Mensch seinen Trieben folgen — auch seinem Triebe zur Kunst. Und das hier vorgeschlagene Verfahren der moralischen Bewertung wird heute weder beim Mord noch bei der Kunst recht anerkannt. Da könnte der erste Eindruck leicht glauben machen, daß Kunst etwas von vornherein Verwerfliches sei. Gibt es doch wenige Gebiete menschlicher Betätigung, bei denen Mißbrauch so leicht den rechten Gebrauch überwiegt und verdrängt. Und leicht versteht man nach diesem ersten Eindruck, daß die großen Religionen lieber auf bald diese, bald jene Kunst verzichtet haben, versteht man die - modernem Empfinden so unbegreifliche — unkünstlerische, ja antikünstlerische Einstellung, insbesondere des Judentums, als eine eigentlich überkünstlerische, die lieber die Kunst preisgibt, als daß sie die in ihrer Ausübung liegende moralische Gefahr milübernähme. Scheint also auch das Verfahren der moralischen Bewertung die Berechtigung der Künste zu verneinen, müssen wir doch, um klar zu sehen, statt der tatsächlich vorliegenden Kunst die Theorie der Kunst, den Zweck der Kunst überprüfen. Wie lächerlich klingt es wieder, der Kunst einen Zweck zu setzen! Da aber ein Relatives auf das Absolute, von dem es abhängt, bezogen werden und ihm gegenüber einen Zweck haben muß — muß es sogar Pflichte und Rechte haben, von deren Beachtung dieses Zweckes Erreichung abhängt — muß es ferner sogar eine Rangordnung geben, darnach bemessen, wie nahe das eine oder das andere Relative dem absoluten Mittelpunkt kommen kann. Gott zu dienen, aller Dinge Zweck, ist auch Zweck der Künste: Im Umkreis dieses Dienstes liegen ihre Pflichten und Rechte — je näher sie Gott kommen können, desto höher ist ihr Rang. Aller Menschen Ziel ist auch ihr Ziel: Zu Gott zu gelangen und zu Gott zu führen! Nun leuchtet es aber ein, daß in der Möglichkeit des Gottdienens von vornherein der betreffenden menschlichen Handlung Rechtfertigung liegt. Dadurch, daß wir den Dienst Gottes als Zweck — die Führung zu Gott als Ziel der Künste festgeftellt haben, ist die Daseinsberechtigung der Künste über alle Zweifel erhoben worden. Dadurch also, daß wir die Kunst scheinbar erniedrigten, indem wir der Hochmütigen einen Zweck setzten, haben wir sie in Wirklichkeit erhöht. Freilich fordert noch eine weitere Frage ihre Antwort: Ob nämlich, die theoretische Berechtigung der Kunst als einer Dienerin Gottes zugegeben, ein allzuleichtes Vergessen dieser ihrer Aufgabe es nicht immer noch wünschenswerter scheinen lassen könnte, daß es um des ihr innewohnenden Bösen willen auch ihr Gutes nicht gäbe — ob um höherer Zwecke willen die Kunst nicht überhaupt verneint werden sollte. Die großen gottgläubigen Religionen dachten tatsächlich immer wieder so, wenigstens teilweise und zeitweise. Beispiele liegen nahe genug. Und ist auch für den sogenannt modernen Menschen die Brutalität unfaßbar, mit der die Religionen in dieser Überzeugung vorgingen, so ist es doch schließlich begreiflich, daß sie im Bewußtsein, dem Menschen das wichtigste zu bieten: Verbindung mit Gott — sich mit verhältnismäßigen Nebensachen nicht lange aufhielten noch aufhalten konnten. Aber die Erfahrung zeigt, daß wohl nie eine Religion alle Kunst als Gesamtheit verworfen hätte. Immer verwarfen die Religionen nur die eine oder die andere der Künste — nie war eine Religion unbedingt kunstfeindlich: Jeder Religion mußte es ja Sünde sein, eine der vielen Arten, in denen man Gott dienen kann, zu verbieten. Umfassende Kunstverbote sind nie von den großen Religionen ausgegangen, sondern stets nur von Sektierern und Sekten, von Wiedertäufern oder Tolstoianern. Und auch in jenen Fällen, wo einer Religion teilweise Kunstablehnung nötig schien, galt diese Ablehnung stets nur dem jeweiligen Mißbrauch, der mit einer Kunst getrieben wurde oder doch getrieben werden konnte. Aber nur als Tatsache sei dies festgeftellt; keinesfalls liegt es jedoch im Wesen des religiösen Menschen und der Religion, vor einem Urteilsspruch über die Kunst zurückzuschrecken. Eine Religion müßte sich selbst ausgeben, die irgendeine Kunst als ihr verbotene Freistatt anerkennen möchte — die nicht eisern auf ihrer Pflicht und Macht bestünde, jede menschliche Lebensform zu überwachen — die es dulden würde, daß Kunst oder Wissenschaft oder dergleichen sich als ihr ebenbürtig, als Religionsersatz ausgeben! Der hübsche Vers: „Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, der hat auch Religion" — von der Religion kann er niemals als richtig anerkannt werden. Die Berechtigung der Künste im allgemeinen nun vorausgesetzt, kann doch nur ein Eingehen aus ihre verschiedenen Erscheinungsformen erweisen, wie weit jede von ihnen ihrem letzten Zwecke dienen, wie nahe sie ihrem Ziele kommen kann. Erft durch diese Einzelbetrachtung wird der Wert der Künste und ihre demgemäße Rangordnung ersichtlich werden — wahrscheinlich als ein Aufstieg von niederen Künsten zu höheren — von solchen, deren Wesen schon Mißbrauch voraussetzt, zu solchen, deren Mißbrauch gegen ihr inneres Wesen geht. Als von vornherein zum Mißbrauch bestimmte Kunst hat vor allem wohl das Schauspiel in allen seinen Formen zu gelten. Denn wenn in gewissem Maße ein Vortäuschen der Wirklichkeit auch anderen Künsten eigen ist, insbesondere der Malerei und Plastik, geht diese Vortäuschungsabsicht doch nie so wie im Schauspiel ganz auf die Verwirrung des Gefühls aus; nur das Theater versucht mit Zuhilfenahme aller anderen Künste die Zuschauer an die wirkliche Welt vergessen zu lassen, ihnen dafür eine Scheinwelt vorführend, die, ob besser oder schlechter, jedenfalls die Unterscheidungskraft für das wahre Weltgeschehen schwächt und den Menschen in der Erfüllung seiner Hauptaufgabe behindert: Durch Einsicht in die große Weltwirklichkeit der dahinter stehenden letzten Wirklichkeit bewußt zu werden: Gottes — und sich Gott zu nähern. Darum ist es kein Zufall, daß die positiven Religionen gerade dem Theater stets so scharf entgegengetreten sind. Liegt doch schon im

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