Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 15 (1.8.1929)
- Article
- Kunst und Religion
- Date
- 1929-08-01
- Page
- Seite 240 (sequence 4)
- Language
- German
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240 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 15 jüdischer Baukunst bei galizischen Holz- und Feftungsynagogen. Die große jüdische Architektur aber, die das Judentum seit Jahrtausenden haben müßte — wo ist sie geblieben? Sollte wirklich die religiöse Grundidee alle doch auch religiösen Nebenideen aüfgezehrt haben? Heine hat das, als er in späten Jahren das jüdische Wesen wieder gegen den hellenischen Kunstmenschen zu verteidigen begann, einmal an Moses hervorgehoben, daß er, wie die Ägypter steinerne Pyramiden, steinerne Tempel bauten, so menschliche Tempel, Pyramiden aus menschlichen Leibern erbaut habe. Und tatsächlich hängen Staat und Bauwerk ihrer Idee nach geheimnisvoll zusammen — und auch das beweist die Majestät dieser Kunst. Nun sind die Juden ja gewiß kein Staatsvolk. Aber einen inneren Staat, einen Seelenstaat voll Herrlichkeit haben sie doch erbaut: Warum entsprechen dem keine steinernen Bauten? Darum, weil die volle Höhe der Kunst nicht aus Menschenmacht erreicht werden kann, sondern nur mit Gottes Hilfe. Religion ist vorher dazu nötig, Gesetz ist dazu nötig, Unterordnung, Bescheidung und Demut. Wo die fehlen, fehlt Glaube — wo Glaube fehlt, fehlt Größe — wo Größe fehlt, fehlt Kunst. Und wem in aller Welt fehlt all das mehr, als den Juden? Und so ist es eigene Schuld, wenn das Volk, das im Geiste das himmlische Jerusalem erbaut hat, bei Älen Völkern der Erde für seine Gotteshäuser Baustile zusammenbetteln muß! Das Volk selbst muH anders werden, wenn das anders werden soll - und anders werden vor allem müssen die jüdischen Künstler. Denn diese jüdischen Künstler, größenwahnsinniger noch als die der ungeistigeren Völker, tragen vor allem die Schuld daran, daß man die Kunst als einen Popanz aufgerichtet hat — daß die Künstler gelernt haben, auf ihr Können stolz zu sein, das doch Gott ihnen gegeben. Und der schafft nichts Großes, der nicht weiß, daß fein Werk aus Gottes Hand fließt — denn ihm selber fehlt Größe. Wer groß ist, weiß, wie klein er vor Gott ist. Nur der ist stark, der seiner Schwachheit bewußt ist. Und kein Dilettant war es, kein selbstbewußter jüdischer Kaffeehausliterat — sondern es war der ewige Dante, der wußte das alles, der maß sein Werk an Gott, beugte sich zerknirscht und fand in Demut die Kraft zu den schmerzlichen und gefaßten Worten: „Kein Künstler je errang sein letztes Ziel!" Seballt jüdische Jugend- und öemeindeheime!* Von Dr. Siegfried Keßler Ein ernster Mahnruf in unserer schnellebigen Zeit, in der eine Überquerung des Ozeans im Flugzeug oder Luftschiff Pulse und Atem stocken läßt, in der die Ätherwellen Klänge und Weisen aus unermeßlichen Weiten vor unser Ohr zaubern, in der der Film Bilder aus den Ländern der Sehnsucht in greifbare Nähe rückt und unsere Phantasie ungehindert in fernsten Fernen sich ergehen läßt, während der Sinn für das Nächstliegende allmählich abstumpft und es unserer Aufmerksamkeit entgeht, daß dringende Gegenwartsaufgaben vergeblich ihrer Erledigung harren. Darum begrüßen wir das Erscheinen dieses bedeutungsvollen Schriftchens, in dem die führenden Verbände der deutschen Judenheit durch ihre berufensten Vertreter zu einem der wichtigsten Probleme der Gegenwart Stellung nehmen lassen, dem Männer wie Dr. Leo Beck, und Dr. Fr. Ollendorf ein beachtenswertes Geleitwort mit auf den Weg geben, auf das wärmste. Die jüdische Gemeinde ist nicht mehr die von gestern und ehedem. Schule und Gotteshaus bilden nicht mehr in gleichem Maße wie einst den Mittelpunkt jüdischen Lebens und Lernens, und immer offensichtlicher zeigt sich die Bedrohung der jüdischen Zukunft, die in den unleugbaren Tatsachen des Geburtenrückgangs und der Zunahme der Mischehen uns ein warnendes Menetekel vor die Augen stellen. Will man den Gefahren Einhalt tun, dann beseitige man das Übel an der Wurzel. Wie das jüdische Haus in alter Zeit den natürlichen Mittelpunkt jüdischen Geistes- und Religionslebens bildete, so muß das jüdische Jugend- und Gemeindeheim die Keimzelle der Erneuerung werden. In einer Sitzung des Jugendausschusses der Kultusgemeinde, die vor kurzem stattfand und zu der neben den führenden Männern der jüdischen Kultusgemeinde auch die Vertreter aller Jugendorganisationen erschienen waren, war man einhellig der Ansicht, daß die Schaffung eines Jugendheimes eine der dringlichsten Gegenwartsaufgaben darstelle und daß die „Not der jüdischen Jugend" in erster Linie eine Raumnot sei, deren Be- * Erstes Beiheft zur Zeitschrift für Jüdische Wohlfahrtspflege. Herausgegeben von der Zentralwohlfahrtsstelle der Deutschen Juden in Verbindung mit dem Jüd. Frauenbund, der Grohloge für Deutschland UOOB., dem Reichsausschuß der Jüd. Jugendverbände und dem Verband der Jüd. Jugendvereine Deutschlands. Berlin 1929. Hebung eine unabweisbare Pflicht aller verantwortlichen Kreise wäre. Darum gilt es, und das soll auch der vornehmste Zweck dieser Zeilen sein, alle, die bisher dem Gedanken eines Jugendheims gleichgültig oder gar ablehnend gegenüberstanden, für diese Idee zu erwärmen und zu tatkräftiger Hilfe anzuregen. Sie mögen das kleine Schriftchen durchlesen, das auf 31 Seiten aufklärendes und überzeugendes Material darbietet und sogar in einem Anhänge 37 allgemeine und 23 jüdische Abhandlungen und Schriftchen namhaft macht für 'diejenigen, welche noch tiefer in diese Frage eindringen möchten. Wer pflichtet Paula Ollendorf nicht bei, wenn sie meint; (Seite 7): „Die Jugend kann im Jugendheim Harmonie finden. Wärme und wohltuende Räume, in Form und Farbe beruhigend, wie es dem jungen Menschen bisher unbekannt und ungewohnt war, üben neben dem körperlichen einen geistigen, seelischen Einfluß aus. Die Jugend, die zu Haufe verdrossen mürrisch, unzugänglich war, wird offen, heiter, zuversichtlich." Oder Georg Lubinski (Seite 19): „Das Heim ist die einzige Stätte, die nach jugendlichem Geschmack eingerichtet werden kann. Die elterliche Wohnung ist durch den Geschmack der Eltern oder durch den Geschmack eines ftemden Dekorateurs bestimmt. Auf die Gestaltung der Gaststätten hat der Gast keinen Einfluß. Die Gestaltung des Jugendheimes ist Sache und Aufgabe der Jugend... Wir wünschen nicht, in eingerichtete Jugendheime zu kommen... Im Rahmen des architektonischen Gesamtbaues soll die Ausgestaltung der Räume unter stärkster Mitwirkung der Jugend selbst geschehen." Wer könnte sich dem Appell Alfred Goldschmidts verschließen, der im Namen der „Großloge" meint: (Seite 11): „Laßt uns eine alte Forderung erfüllen, die immer dringlicher geworden ist. Um unser Haus gut zu bestellen, laßt uns ein Haus bauen. Nicht nur symbolisch soll es wirken! Ein wirkliches Jugend- und Gemeindehaus soll es fein. Da sollen sich die jungen Leute finden und kennenlernen, sollen sich belehren lassen, Geselligkeit treiben, ihre Feste feiern. Wenn auf solchem Boden eine Heirat geschlossen wird, ist sie sicher besser begründet, als auf dem Boden eines Ballsaales." Und sicherlich stimmen wir mit „unserem" Fritz Schwarzschild überein, wenn er mahnend sagt (Seite 12): „Was sollen denn die zweifellos verdienstvollen Bemühungen des Gemeindeetats, wenn die zu erhaltenden Institutionen chren Sinn dadurch verlieren, daß die Generation, für tSSS KUNSTGEW ERBE-HAUS EJ5T3 ..ui»»»»,,,,,..