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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1929-07-15 · 14 (15.7.1929) · p. Seite 226

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
5 (1929)
Issue
14 (15.7.1929)
Article
Protokoll der Verhandlungen der siebenten Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden in Aschaffenburg am 30. Juni und 1. Juli 1929
Date
1929-07-15
Page
Seite 226 (sequence 3)
Language
German
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226 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 14 Tagung die herzlichsten Grüße und besten Wünsche für einen gedeihlichen Verlaus seiner Beratungen. Gleich dem Verbände selbst haben sich auch Ihre Tagungen in kurzer Zeit eine festumrissene Tradition geschaffen. Sie dienen der Rückschau auf Geleistetes, der Rechenschaftsablage der Verbandsleitung für ihre Tätigkeit im verflossenen Zeitabschnitt, sie dienen der Umschau aus die allgemeine Stellung des Judentums in Bayern und sie dienen der Ausschau auf die werdende und kommende Entwicklung, alles getragen von dem Geiste der Verantwortung vor der Öffentlichkeit. Wenn ich mich vom Standpunkt meines Referats aus ein wenig an dieser Rückschau beteiligen darf, so kann das nur geschehen^ mit den Worten der Anerkennung für das, was der Verband und seine Leitung im verflossenen Jahre geleistet haben. Ich denke dabei nicht nur an die stille Ausbauarbeit, der dieses Jahr gewidmet war, etwa an die ruhige stetige Finanzpolitik der Verbandsleitung, die das besondere Vertrauen der Unterrichtsverwaltung hat. Mein Blick richtet sich vielmehr besonders auf die Vertiefung der Idee des Zusammenschlusses zu einer Organisation, die die Stimme der Öffentlichkeit hat und die geachtet wird. Vom Standpunkt des Ministeriums aus teile ich das Bedauern, das weite Kreise in Ihrem Verband darüber empfinden, daß die opfervolle Vorarbeit für einen Zusammenschluß der Juden innerhalb des Reiches, die von Ihrer Führung geleistet worden ist, zunächst nicht von Erfolg begleitet war. Ich möchte aber doch der Hoffnung Ausdruck geben, daß sich Mittel und Wege finden werden, um diesen Zusammenschluß auf der Grundlage herbeizuführen, die in Ihrem Verband als richtig anerkannt wird. Meine Damen und Herren! Die Jahre der Grundsteinlegung, des stürmischen Aufbaus voll schöpferischer Freude aller Beteiligten liegen nun wohl hinter Ihnen. An ihre Stelle getreten sind Jahre des Reifens in ruhiger Entwicklung. So schön auch solche Jahre sind in der Hoffnung und Ahnung künftiger Ernte, so schließen sie doch auch gewisse Gefahren in sich, Gefahren des Abfallens und des Müdewerdens von Temperamenten, die mehr auf den Ausbau als den Ausbau eingestellt sind, die Gefahren einer gewissen Selbsttäuschung, die ein normales Funktionieren selbstgeschaffener Organe verwechselt mit innerem Leben. Solchen Gefahren gegenüber sind Ihre Tagungen immer gewesen ein Appell an die freudige Mitarbeit der Verbandsmitglieder im Geiste wahrer Einmütigkeit, ein Appell an ihren Opfersinn im Dienste des Zusammenschlusses, ein Appell an ihre Treue zur Verbandsidee. Daß dieser Appell auch auf der Aschaffenburger Tagung einen aufgeschlossenen Sinn und willige Herzen finden möge, ist mein aufrichtiger Wunsch. Oberstlandesgerichtsrat Prof. Dr. Silberschmidt: Mit größter Bewegung haben Sie die Worte des Herrn Ministerialrat Mezger mit angehört, die von tiefstem Verständnis zeugen für die Aufgaben, die dem Verbände in der Vergangenheit oblagen und in der Gegenwart obliegen. Solange unsere Beratungen von solchem Verständnis begleitet werden, solange sie von der Staatsregierung mit solchem Verständnis aufgefaht werden, ist es eine Freude, mitzuwirken an den Aufgaben des Verbandes, und wir können nur den allerherzlichsten Dank der Staatsregierung und ihrem Vertreter aussprechen für die Art, wie unsere Aufgaben verstanden und wie uns Anregungen und Merkzeichen gegeben worden find, wie wir unsere Aufgaben in Zukunft aufzufassen haben. Der allerherzlichste Dank der Tagung sei Ministerialrat Mezger dargebracht. Nunmehr gebe ich das Wort unserem allverehrten Verbandsleiter, Herrn Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer, zu seinem Bericht über das verflossene Jahr. Oberlandesgerichts rat Dr. Neumeyer: Meine Domen und Heren! Wir stehen im zehnten Jahre, seit der Verband ins Leben getreten. Er hat von den Großgemeinüen seinen Ausgang genommen und heute ruft uns eine Mittelgemeinde an den Grenzen des bayerischen Landes, um den Verband gastlich zu empfangen. Wir danken der Gemeinde Aschaffenburg von Herzen, daß sie die Zusammengehörigkeit so getreulich hütet und gerne sind wir in diese herrliche Stadt gekommen mit dem ragenden Schlosse und dem römischen Haus mit dem bestrickenden Blick in die sonnendurchtränkte Landschaft des Mains, in die uralte jüdische Gemeinde, in der nach dem Zeugnis des Benjamin von Tudela schon im frühen Mittelalter angesehene und gelehrte Juden gelebt haben. — Durch das Rosentaler Tor in Berlin, das einzige, das Juden damals passieren durften, zog an einem Morgen des Jahres 1743 ein kleiner, schwächlicher, verwachsener jüdischer Knabe in die preußische Residenzstadt ein. Aus die Frage des Torschreibers, was er in Berlin wolle, gab er schüchtern und verlegen die Antwort: „Lernen." Dieser Knabe hat bewirkt, daß wir heute in das deutsche Gemeinwesen eingefügt sind. Es war Moses Mendelssohn aus Dessau. Er ist geboren im Jahre 1729, und wo deutsche Juden öffentlich zusammentreten, ist es ihre Pflicht, bei der Wiederkehr seines zweihundertjährigen Geburtstages dankbar dieses Mannes zu gedenken. So zog er an jenem Oktobertage des Jahres 1743 in Berlin ein. Zwanzig Jahre später erkannte ihm die Königliche Akademie der Wissenschaften in Berlin den Preis für eine Schrift vor feinem Mitbewerber Immanuel Kant zu. Und dreiundzwanzig Jahrs später starb er, betrauert von den besten Männern seiner Zeit. Herder ries aus: ..Sokrates führte die Weltweisheit unter die Menschen, Moses ist der philosophische Schriftsteller unserer Zeit, der sie mit der Schönheit des Stils vermählt." Und derselbe Immanuel Kant schrieb an seinen Freund: Es ist nur ein Mendelssohn. Was uns, die Körperschaft des öffentlichen Rechts in deutschen Landen, aber heute in besonderem Maße interessiert, ist nicht die wissenschaftliche, die literarische und religiöse Tätigkeit Mendelssohns. Er war auch nicht ein religiöser Reformator, er beharrte fest bei dem altüberkommenen jüdischen Glauben. Mendelssohn hat die deutschen Juden, die in deutschen Landen wohnhaften Juden, zu Deutschen im Geiste und der Sitte nach gemacht. Die Größe von Mendelssohn liegt in seiner geschichtlichen Kraft. Ihm kam es in der vordersten Linie nicht auf die Philosophie der Religion und des Judentums an, er wollte eine Vereinbarung herbeiführen zwischen dem Judentum und seinem Fortbestand und der modernen Kultur. Er war Deutscher in seinem ganzen Denken, Schreiben und Dichten. Seine Zeitgenossen sagen, daß wenige damals so ausgesprochen als Deutsche geschrieben haben wie Mendelssohn. Und wie er sich in voller Natürlichkeit und Unbefangenheit als deutscher Denker fühlte, so fühlt er sich auch auf eben dieser Grundlage als Jude. Aus dieser Einheit seines deutschen und jüdischen Lebens erwuchsen ihm die Kraft und die Bescheidung, den deuftchen Juden zu Helsen, sie in die deutsche Kultur einzuführen. Das Mittel hierzu war ihm die Sprache. Mendelssohn hat den deutschen Juden die Bibel wiedergegeben. Was Lucher für das deutsche Volk, hat er für seine Glaubensgenossen getan. Man muß die nahezu völlige Abschließung der Juden von der europäischen Kultur, die drückende Enge ihres Lebens sich vergegenwärtigen, um den Wert und die Bedeutung zu würdigen, die Mendelssohns Werk hatte. Er wurde ein Führer der Verirrten, ein Leiter der Zweifelnden, wie Mose Maimuni, der sein erhabenes Vorbild war. Die Übersetzung des Pentateuchs hat den Juden nicht allein die Bibel, sie hat ihnen auch die deutsche Sprache wiedergegeben. Sie hat die Jugend zur deutschen Kultur geführt, sie hat in den Juden das Selbstgefühl und den Bildungstrieb geweckt und sie hat den Grund gelegt, auf dem ein späteres Geschlecht den Bau der Wissenschaft des Judentums errichten konnte. Die Ansichten Mendelssohns über das Judentum haben vielleicht den Kern des religiösen Gedankens, der dem biblischen und nachbiblischen Judentum zugrundeliegt, nicht völlig erfaßt 'und treu k> i> l>!> 0 iL HAUS DER MÜNCHEN KARLSPLATZ 6 Q U A L / 7 N. STARK & Cil Ä 7 S S r 0 F F E NÜRNBERG LUITPOLDSTRASSE 11 "1 <l 0 d d d

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