Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 12 (15.6.1929)
- Article
- Die Arbeit in Bibel und Talmud
- Date
- 1929-06-15
- Page
- Seite 191 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 191 XXVII, 23 ruft der Sänger uns zu: „Nimm Dich des Aussehens Deiner Schafe an und richte Deine Aufmerksamkeit auf Deine Herde." X, 4: „Armut bewirkt die lässige Hand, die Hand des Fleißigen macht reich." XV-II 9: „Ein Lässiger bei seiner Arbeit ist ein Bruder des Mannes der Vernichtung." Der Talmud bemerkt zu dem Satz, „wer seinen Erdboden bearbeitet, wird satt an Brot." Wenn der Mensch sich als seinem Erdboden verpfändet ansieht, wenn er sich als Sklave seinem Boden gegenüber betrachtet, dann wird er Überfluß an Brot besitzen. (Sanhedrin 59b.) Der Talmud ist von der hohen Wertschätzung der Bodenarbeit in einem Grade überzeugt, daß er der Ansicht ist, in der Zukunft würden alle Handwerker ihr Handwerk aufgeben und Bodenbebauer werden. Offenbar hält es der Talmud auch für besonders empfehlenswert, bei seinem Beruf und beim Beruf der Eltern zu bleiben und diesen Beruf nicht zu wechseln (Edrachim 16b) aus guten Gründen. Es bildet sich dadurch immer mehr eine Berufsehre heraus, es erwächst eine Tradition und ein Verhältnis des Vertrauens ist die erwünschte Folge. In jedem Fall, einerlei welcher Arbeit der Mensch obliegt, ist er glücklich und befriedigt ob des Selbstgefühls, das ihm das Bewußtsein der eigenen Arbeit gewährt, und ob der Tatsache, daß er sich durch die Arbeit seiner Hände von den Menschen unabhängig erhält. Der Talmud sagt in dieser Hinsicht: „Zur Zeit, wenn der Mensch von dem Seinigen ißt, ist sein Sinn befriedigt. Selbst wenn ein Mensch ißt von dem Vermögen seines Vaters und seiner Mutter oder von dem Vermögen seiner Kinder, fühlt er in seinem Sinn keine Befriedigung, um wie viel weniger, wenn er von anderen essen muß." (Aboth derabbi Nathan, Kap. 31.) Die wahre Befriedigung des Lebens erwächst aus dem Bewußtsein der beglückenden Arbeit, die uns unabhängig macht und uns auf uns zu stellen die Möglichkeit gibt. So hoch die Thora das Gottvertrauen stellt, so sehr sie überzeugt ist von der Tatsache, daß Gottvertrauen notwendig und von dem göttlichen Segen alles abhängig ist, so sehr warnt sie anderseits vor dem Irrglauben, daß wir ohne eigene Arbeit uns auf den Segen Gottes verlassen dürfen. DJ hy I'Döid "ps „Man darf sich nicht auf ein Wunder Gottes verlassen", ist eine immer wiederkehrende Maxime des Talmuds, (efr. Thosaphoth Ivmtob zu Demai I, 1.) Der Talmud ruft uns zu: „Es soll der Mensch nicht sprechen, ich will essen und trinken und Gutes schauen; ich will mich aber nicht abmühen, vom Himmel aus wird man sich meiner erbarmen. Nein, so darf man nicht sprechen. Darum heißt es in dem Buche Hiob: „Das Werk seiner Hände hast Du gesegnet, das soll heißen, es muß der Mensch sich bemühen und mit seinen beiden Händen arbeiten und dann sendet der Heilige — gelobt sei er — seinen Segen." An anderer Stelle heißt es: „Wenn einer am Morgen und am Abend zwei Gesetzesvorschriften lernt und sich den ganzen Tag. mit seiner Arbeit beschäftigt, der wird betrachtet, als ob er die ganze Thora erfüllt hätte." Mechilta zu II M, 16, 4.) Der Talmud läßt auch gar keinen Zweifel darüber,, daß er bei seiner Wertschätzung der Arbeit die wirkliche, in voller Stetigkeit sich vollziehende Berufsarbeit im Auge hat. Ein zufälliges, sprungweises Arbeiten ohne Gesetz und Dauer, ohne Beharrlichkeit und Ziel schätzt er nicht sehr hoch. Die wirkliche Berufsarbeit ist es, die uns vor moralischer Schädigung schützt. In diesem Sinne sagt der Talmud: „Hoch steht der Mensch, der genügsam ist, der sich seines Loses freut und sich von seiner Arbeit ernährt. Durch diese Eigenschaft wird er gerettet vor einer ganzen Reihe von Sünden, vor dem Neid und der Begehrsucht, vor dem Diebstahl und dem Raube." (Ialkut Elieser, sub voce.ND^v T'b ms nwisD Wir wollen hier die Ausführungen des Philosophen Paulsen wiedergeben, die uns von der Wahrheit dieses Satzes überzeugen können, aber auch von der Tatsache, daß heutzutage die Gefahr, in solche Sünden zu verfallen, außerordentlich gewachsen ist. Paulsen sagt: „Die teleologische Notwendigkeit der Berufsarbeit wird sichtbar in den Folgen, welche eintreten, wo sie fehlt. In zweierlei Gestalt kommt die Berufslosigkeit vor, bei Armen und bei Reichen. Die Gruppe der Berufslosen, welche am unteren Rande der Gesellschaft als Bodensatz sich befindet, ist das eigentliche Proletariat. Es setzt sich aus solchen zusammen, die ohne stetige Arbeit ihren Lebensunterhalt bald da, bald dort, bald so, bald anders gewinnen, erlungern, erbetteln, stehlen. Arbeitsscheu, Lüderlichkeit, Trunksucht, Eitelkeit, Leichtsinn sind die Eigenschaften, die daö Individuum in diese Gruppe hinabziehen. Übrigens pflanzl sich das proletarische Leben fort. Verkommene Familien erziehen eine verkommene Nachkommenschaft. Der eigentliche Boden, in dem das proletarische Leben gedeiht, ist die Großstadt. Die Begehrlichkeit, die hier großgezogen wird, die Versuchung und Verführung, welche in 1000 Gestalten umgeht, die Vereinzelung und die Anonymität, in der der einzelne unter der Masse lebt, der gelegentliche Arbeitsmangel und die Verlassenheit, die über ihn kommen, alles das sind günstige Bedingungen für das proletarische Leben. In der Ehr- und Schamlosigkeit, welche in Arbeitshäusern und Gefängnissen erworben wird, vollendet es sich." Das ist die Schilderung des einen Typs. Paulsen fährt in der Schilderung des zweiten Typs folgendermaßen fort: „Eine andere Gruppe von Berufslosen bildet sich am oberen Rande der Gesellschaft; es sind die berufsmäßigen Müßiggänger, welche sich im Besitz von Renteneinkommen selbst von Beruf und Arbeit dispensieren. Gemeinsam ist beiden der Zug in die Großstadt, gemeinsam eigentümliche Mißbildungen im Gebiete der Ehre, gemeinsam vor allem die innere Unruhe und die äußere Zerfahrenheit des Lebens. Wie ein Schiff ohne Ladung vom Wind und Wetter haltlos umhergeworfen wird, so ist das Leben des reichen Müßiggängers ein Spiel aller eben auftauchenden Meinungen, Stimmungen und Launen. Da nichts notwendig ist, so wird bald dieses, bald jenes ergriffen und alsbald wieder weggeworfen. Die Fähigkeit zu wollen, die nichts anderes ist, als die Fähigkeit bei einer Sache auszuharren, auch wenn die augenblickliche Neigung nicht darauf gerichtet ist, stirbt allmählich, da sie nicht geübt wird, ganz ab und der Mensch geht an unheilbarer Willenserweichung zugrunde." Diese Ausführungen sind die Interpretation zu dem obigen Satz des Talmud und eine grelle überzeugende Beleuchtung zu der schon früher ausgeführten Anschauung, daß der Satz: „Im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brot genießen", die positive Formel ist zu der negativen „Du sollst nicht stehlen", die sie wirksam ergänzt. Diese schlimmen Folgen hat der Talmud im Auge, wenn er die Notwendigkeit der Berufsarbeit und der Arbeit überhaupt betont, diese teleologischen Notwendigkeiten sind es, die ihn zu der nicht zu überbietenden Wertschätzung der Arbeit bewegen. Den ganzen Segen Gottes für Mensch und Leben macht er darum abhängig von der Tatsache der Arbeit. Der Talmud sagt: „Etwas Großes ist die Arbeit, denn die göttliche Majestät ließ sich nicht eher in