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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1929-06-15 · 12 (15.6.1929) · p. Seite 190

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
5 (1929)
Issue
12 (15.6.1929)
Article
Die Arbeit in Bibel und Talmud
Date
1929-06-15
Page
Seite 190 (sequence 2)
Language
German
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ISO Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 12 gegeben wurde, so ist auch die Arbeit auf Grund eines Bundesschlusses gegeben worden, so wie es heißt: „6 Tage sollst Du arbeiten und alle Deine Geschäfte verrichten." (Aboth de Rabbi Nathan I I, 1.) Arbeit und Ruhe stehen in einem notwendigen Kausalverhältnis. Sabbat 49 wird uns berichtet, daß die Engel die Übergabe der Thorah an Israel hindern wollten und daß sich Mosche ihnen gegenüber zur Wehr setzte. Er fragt sie: „Waö steht denn in der Thora? „Gedenke des Sabbattages, ihn zu heiligen! Arbeitet Ihr denn, so daß Ihr der Ruhe bedürft?" Die Thorah ist also nicht für die Engel, sondern für die Menschen gegeben, die arbeiten und darum ruhen müssen. Durch eine solche Grundauffassung wird die Arbeit und ihre Notwendigkeit über alle Nützlichkeitserwägungen weit emporgehoben, sie wird geadelt und ihr Wert über alles gesteigert. Gewiß sagt der Talmud (Sanhedrin 29a): „7 Jahre mag die Hungersnot andauern; an die Türe des Arbeiters klopft sie nicht." Aber dieses Nützlichkeitsmoment erschöpft den Wert und die Wertschätzung der Arbeit mit Nichten. Im Gegenteil! Wie sehr die Arbeit an und für sich an Ansehen genießt, wie sehr sie frei von allen Nützlichkeitserwägungen einen absoluten Wert besitzt, das beweist uns der Umstand, daß selbst die Kreatur, dasjenige Tier in der Thora und der darauf fußenden Rechtssprechung einen höheren Rang einnimmt, das eine Arbeit leistet. So heißt es B. k. 79b: Rabbi Meir sprach: „Komm und sieh Dir einmal die große Kraft der Arbeit an und die große Wertschätzung, die der Arbeit zuteil wird: Wenn ein Dieb betroffen wird, der ein Lamm gestohlen hat, so muß er den vierfachen Schadenersatz leisten. Hat er einen Ochsen gestohlen, der Arbeit leistet, so muß er den fünffachen Schaden dem Eigentümer ersetzen." Selbstverständlich ehrt den berufstreuen Menschen jede Arbeit, einerlei, ob es die Arbeit am Bo- Bayerische^QF Vereinsbank Kredit- und Hypothekenbank Niederlassungen an allen größeren Plätzen Bayerns rechts des Rheins Gold-Pfandbrief tt.S6.aEE. XWA5 looWlMk Hochverzinslich Mündelsicher den ist oder das Handwerk oder das fleißige Regen der Hände in irgendeiner anderen Beschäftigung. Was das Handwerk anlangt, so finden wir im Anschluß an ein gar schönes Wort im Prediger außerordentlich wahre und wichtige Gedanken ausgeführt. Zu dem Satz: inyn ns* rury na „Alles hat Gott schön zu seiner Zeit eingerichtet", bemerken die Weisen, Gott hat die Seele der Menschen so geschaffen, daß jeder Mensch gerade an seinem Handwerk Gefallen findet. Selbst ein Gerber, dessen Beruf im talmudischen Schrifttum schon wegen des damit verbundenen Geruchs keineswegs als besonders begehrt erscheint, empfindet seinen Beruf schön. Und das hat Gott so eingerichtet, damit die Welt, die menschliche Gesellschaft kein für ihren Bestand notwendiges Gewerbe entbehren muß. In einem etwas drastischen Bespiel suchen uns die Weisen den Gedanken klarzumachen: Das Sprichwort sagt: „Hänge einem Schwein, um eö zu schmücken, zarte Dattelbaumzweige um! Es wird doch nichts anderes tun, als was es gewöhnt ist; es wird sich mit dem ihm angelegten Schmuck doch im Kote wälzen." (Berachoth 45h.) Der Talmud sagt (Pesachim 65): „Die Welt kann nicht ohne Gerber bestehen, aber auch nicht ohne Gewürzkrämer. Aber Heil demjenigen, dessen Beruf der eines Gewürzkrämers ist; wehe dem, dessen Beruf der eines Gerbers ist." (Baba batra 16.) Der Mensch wählt sich in der Regel seinen Beruf nicht selber. Zumeist wird die Wahl durch die Eltern vollzogen. Es ist eine strikte Forderung der Mischnah, daß der Vater verpflichtet ist, seinen Sohn einem Handwerk zuzuführen. Drastisch drückt sich die Mischnah dahin aus, daß, wenn ein Vater unterläßt, seinen Sohn in einem Handwerk zu unterrichten oder unterrichten zu lassen, er als ein Mensch zu betrachten ist, der sein Kind dem Berufe der Räuber ausliefert. Bei der Wahl des Handwerks aber wird dem Vater der Rat gegeben, ein reines und nicht zu schweres Handwerk für seinen Sohn zu wählen. Als ein empfehlenswertes, nicht zu schweres und reines Handwerk wird ganz -besonders jeder Beruf angesehen, der mit der Nadel hantiert. Daß der Ackerbau besondere Wertschätzung erfährt, ist sehr bezeichnend und ist auch allgemein bekannt. Geht doch der Talmud so weit, daß er direkt sagt: „Jeder Mensch, der keinen Grund und Boden hat, ist kein Mensch." Er knüpft diesen Ausspruch an das Psalmwort: „Die Himmel sind die Himmel Gottes; aber die Erde gab er den Menschensöhnen." (Iebamoth 65a.) Was die Gewissenhaftigkeit bei der Feldarbeit anlangt, so ist es nur nötig, seinen Blick in die Sprüche Salomons zu werfen und daraus zu lernen, wie sehr diese Arbeit geschätzt und zu welcher Gewissenhaftigkeit in der Ausübung dieser Arbeit angeregt wird. Spr. 24, 27 heißt es: „Richte her draußen Deine Arbeit und bestelle sie auf Deinem Felde zu Deinem Nutzen und dann kannst Du Dir Dein Haus erbauen." Oder 24, 5O steht geschrieben: „Ich ging an dem Felde eines trägen Mannes vorüber, dem Weinberge eines Mannes, der des Verstandes ermangelte. Da sah ich ihn ganz und gar voll Dornen, seine Oberfläche war bedeckt mit Gestrüpp und der steinerne Zaun war durchbrochen. Das sah ich und ich nahm es mir zu Herzen. Ich schaute es und nahm Zucht und Lehre an: Ein wenig Schlaf, ein wenig Schlummer, ein wenig die Arme verschränken, um sich hinzulegen und da kommt, wie ein Schnelläufer, Deine Armut und wie ein gewappneter Mann Dein Mangel." (Auch VI. 9-11.)

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