Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1929
- Issue
- 5 (15.5.1929)
- Article
- Erinnerungen an Oberlehrer Simon Dingfelder s. A.
- Date
- 1929-05-15
- Page
- Seite 10 (sequence 2)
- Language
- German
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10 Nr. 5 Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern ihnen die Treue auch in schwerster materieller und geistiger Not, als er vom sicheren Port der goldenen Freiheit, aus dem Kreise liebender Verwandten heimkehrte zu den Brüdern in bedrohter Heimat. Er war und blieb ihnen der gute Kamerad, der verlässige Kollege, Sorger ihrer Witwen und Waisen, Rufer im Streit, Vorbild im Berus und nach seinem Scherzworte: „Spezialist für Lehrerschmerzen." Es dürften in Bayern nur wenige jüdische Kollegen geben, die sich nicht irgend einmal an ihn um Hilfe, Vermittlung oder um eine Auskunft wandten. Immer zeigte er sich hilfsbereit, beantwortete umgehend jede Anftage. Mit philosophischer Ruhe nahm er auch manche unverdiente Kränkung, manche Nadelstiche, die auch ihm nicht erspart blieben, nicht allzu tragisch. „Ich lege sie zu den anderen", schrieb er dem Freunde, als abermals eine solche Anfeindung ihn traf. Dingfelder war sechsunddreißig Jahre Mitglied des Bayerischen Israelitischen Lehrervereins, neunundzwanzig Jahre saß er in der Verwaltung, bekleidete jahrzehntelang das Schriftführeramt und stand seit 1919 an der Spitze des Vereins als erster Vorsitzender. Seine Verdienste um unsere Organisation ausführlich und nach Gebühr zu würdigen, würde den Rahmen dieser „Erinnerungen" weit überschreiten, nur seine erste Großtat, weil sie grundlegend für alle nachfolgenden Akttonen war, die 1908 erschienene „Denkschrift über die soziale Lage der israelitischen Lehrer, insbesondere der Religionslehrer Bayerns und Vorschläge zu deren Besserung", sei hervorgehoben. Mit trockenen Zahlen wies er hier nach, daß „von sämtlichen 119 Religionslehrern im diesseitigen Bayern 82 einen Grundgehalt unter 1000 RM. haben, von diesen 15, die sich mit einere Entlohnung bis 500 RM. begnügen müssen, daß dieses Lehrerproletariat keinen Pensionsanspruch aus staatlichen oder gemeindlichen Kassen hat". Die Schrift erregte in der Öffentlichkeit großes Aufsehen, die politische Tagespresse und auch der bayerische Landtag beschäftigten sich mit ihr, die Staatsregierung drängte auf Beseitigung dieser „eines Kulturstaates unwürdigen Zustände". Trotz größter Hemmnisse, wie Reoisionskampf, Krieg und Nachkriegswehen, ließ sich das durch die Denkschrift wachgerufene öffentliche Gewissen nicht mehr berrchigen und so gelang zwölf Jahre später dem jetzigen Verbandspräsidenten Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumayer das Einigungswerk der bayerischen Judenheit und mit ihm bald darauf die materielle und rechtliche Gleichstellung der seminaristisch vorgebildeten Religionslehrer mit den Volksschullehrern. Dingfelders Haupt- und Lebensaufgabe war erfüllt, er hatte nach jahrzehntelangem Kampfe unter eifriger Mitwirkung der beiden früheren Vereinsvorsitzenden Goldstein und Mandelbaum seine Amtsbrüder „von der Knechtschaft zur Freiheit" geführt. Vergebens hofften wir, daß Dingfelder, zumal an der Schwelle des siebenten Lebensjahrzehnts, nunmehr sich der besinnlichen Geruhsamkeit des nahenden Alters hingäbe und er uns, wenn auch nicht als Führer, so doch als Berater uoch eine lange Reihe von Jahren erhalten bliebe. Neue, schwierige Probleme für Lehrer und Schule treten auf, da hätten wir seines klugen erfahrenen Rates weiter dringend benötigt. Glücklicherweise besitzen wir aber in seinen Tätigkeitsberichten an der alljährigen Vereinsversammlung, seinem „Jomhasikoron", viele Wegweiser für Gegenwart und Zukunft, die uns jetzt fast wie ein geistiges Vermächtnis anmuten. Ihrer heute, an unserem „Jomhasikoron", zu gedenken, dürfte wohl angebracht sein. Dingfelders Jahresbericht! Er war uns bayerischen Lehrern immer wieder ein Erlebnis von nachhaltigem Eindruck. „Ein Glockenzeichen ertönt. Unser Dingfelder läßt seinen Blick wohlgefällig über die illustre Gesellschaft gleiten. Sein frisches Aussehen befriedigt seine Gemeinde. Mit einem altjüdischen Gruße hebt er bedächtig an. Aller Augen und Seelen werden durch den Meister der Rede in Bann gehalten. Kein Strich zu wenig, keiner zu viel. Das ist die Gabe des begnadeten Künstlers. Er versteht es zu packen, weil er mit der ganzen Skala seines Herzens spricht, weil seine Seele harmonisch mit dem Verstände sich vermählt. Ein spontan rauschender Beifall löst sich als Echo der Rede aus." (Aus dem Stimmungsbild über eine Mitgliederversammlung.) Lassen wir nun den verewigten Führer selbst nochmals zu uns sprechen: '«MI „Unser Verein ist wie eine Familie oder sollte sein wie eine Familie. Da ich mich als Haupt der Familie fühle, so sah ich es als Pflicht an, nicht bloß im Leid zu trösten, sondern auch an Glückstagen zu erfreuen. Da wir unberufen einen großen Familienkreis umfassen, habe ich im abgelaufenen Jahre als pater kamilias zu manchem Jubiläum und zu mancher Titelverleihung gratuliert, habe mich mit jungen Eheleuten am Tag ihrer Vermählung gefreut und bei Ankunft eines Stammhalters wohl nicht die Gevatterschaft, aber einen Glückwunsch übernommen. Ich habe auf jede Mitteilung prompt und pünktlich mich unter den Gratulanten eingestellt. — —" „Von den Lebenden zu den Toten. Auch im vergangenen Jahre standen wir an so manchem Grab, neun liebe Kollegen haben wir letzte Grüße mitgegeben aus dem Wege, den wir alle gehen werden Dankbar gedenke ich noch eines Verstorbenen, des Kreisschulrates August Hopf. Er war mir ein lieber Freund — vielen Kollegen aber ein treuer Berater und'Helfer in der Zeit des Abbaus der jüdischen Volksschulen. Mit einem Dichterwort möchte ich das Andenken unserer Heimgegangenen Freunde ehren: Des Werks Verdienst und Wert Wird nach des Mannes Sinn und Kraft gemessen: Wer seinen Brüdern nützt, bleibt unvergessen, Grab' eine Quell' aus dürrem Wüstensand, Pflanz' einen Baum in ödes Heideland, Auf daß ein Wandrer, der nach vielen Jahren An deinem Born sich labt und Früchte bricht Von deinem Baum, dich segnend spricht: ,Ein guter Mensch ist dieses Wegs gefahren!''" (Friedrich Weber.) „Wir haben den toten Freunden einen Augenblick dankbarer Erinnerung geweiht; die schmerzliche Stimmung, die uns erfüllt, schwingt weiter in unseren Herzen, wenn ich von unseren jüdischen Volksschulen nun spreche. Wir dürfen■ uns nicht verhehlen, daß wir auch hier vor Gräbern stehen. Vor dem Untergang einer Einrichtung, die über ein Jahrhundert ein Segen für die Gemeinden und ein Segen für unseren Stand war. Noch bestehen alle die Gründe fort, die die Konfessionsschule als die Schule der jüdischen Gemeinden und als die Erziehungsstätte erscheinen lassen, in der unsere Kinder gebildet und erzogen werden müßten. Wenn wir nur Kinder für diese Schulen hätten! Wie aber die Verhältnisse liegen, gibt es keine Möglichkeit, in den Klein- und Mittelgemeinden die jüdische Schule länger zu erhalten, als der jetzige Inhaber dienstfähig ist. Die meisten Kollegen bleiben als Religionslehrer an der Stätte ihres bisherigen Wirkens. Einzelne fanden an den jüdischen Volksschulen in Nürnberg und München Verwendung. Ich hoffe und wünsche, daß der Ausbau dieser Schulen nicht an der abnehmenden Schülerzahl scheitert. Ist doch in der größten Gemeinde des Landes, München, die Zahl jüdischer Volksschüler von 810 im Jahre 1913 auf 350 im Jahre 1925 zurückgegangen. Wir verlangen nach wie vor jüdische Volksschulen, auch wenn äußere Verhältnisse heute der Erreichung des Zieles entgegenstehen. Von der Volksschule wenden wir uns der Religionsschule zu. Zum ersten Male können wir eine finanzielle Berücksichtigung und Gleichwertung des israelitischen Religionsunterrichts mit dem der christlichen Konfessionen feststellen. In einer Zeit, da eine starke Partei die Entrechtung der jüdischen Bürger anstrebt, ist die rechtliche Bedeutung dieser Anordnung höher zu werten, als die materielle Entlastung der Gemeinden. Der Religionslehrer kann aber auch als Mitglied des Lehrkörpers der Mittelschulen viel Gutes stiften, als Verteidiger und Beschützer der Schüler und durch Aufklärung der Lehrer, die häufiger wie die Volksschullehrer völkisch und antisemitisch orienttert sind. Es ist die vornehmste Pflicht jüdischer Lehrer, gegen solche Elemente den Kampf aufzunehmen. Ich habe wiederholt erfahren, daß eine tapfere Abwehr, Proteste und Beschwerden auch Erfolg haben. Die Frage nach der Ausbildung des Lehrers ist nicht zu trennen von den Forderungen, die der jüdische Lehrerberuf und der damit meist vereinigte des jüdischen Kultusbeamten stellt. Wir wollen nicht den geistigen und sozialen Standart des jüdischen Lehrers herabdrücken, indem wir einer Ausbildung zustimmen, die ihn gegenüber dem Volksschullehrer degradiert. Durch hundert Jahre hatten wir die gleiche Vorbildung, wenn auch nie das gleiche Recht. Wir werden uns theoretisch auf die Forderung der Vollreife (Absolutorium einer Mittelschule) stellen, wenn wir auch vorläufig noch in Bayern praktisch den Weg durch Präparandenschule und Seminar gehen. Die Erhaltung und der Wiederaufbau alten jüdischen Kulturgutes in Bayern ist das Werk des Verbandes. Es wird heute keinen Juden in Bayern geben, der noch irgendwelche Bindungen, an feine religiöse Gemeinschaft, der noch Interesse an seiner Gemeinde hat, der dem Verbände Bayerischer Israelitischer Gemeinden als der Vertretung gegenüber den Behörden nicht Anerkennung und Dank zollt. Die Verbandsideale müssen über den Geldsackstandpunkt des Gebens und Nehmens hinaus in die Herzen der Gemeindemitglieder eindrin-