Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1929
- Issue
- 5 (15.5.1929)
- Article
- Erinnerungen an Oberlehrer Simon Dingfelder s. A.
- Date
- 1929-05-15
- Page
- Seite 9 (sequence 1)
- Language
- German
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UllllMliMW des MMchen Lehrervmms fürSapem Schriftleitung: Max Adler, München 1929 München, 15. Mai Nr. 5 Erinnerungen an Oberlehrer Simen Vingfelder fl. Von A. Stra Motto: „Er war ein Mann, nehmt alles nur in allem, Ihr werdet nimmer seinesgleichen feh'n." Am 10. Siwan (29. Mai) jährt sich zum ersten Male der Tag, an dem unser großer Führer fortging in die ewige Heimat. Ganz plötzlich und unerwartet verließ er uns und die Seinen, scheinbar in bester Mannes- und Schaffenskraft. Scheinbar! In Wirklichkeit wußten seine Freunde schon lange, daß das Leben dieses äußerlich vor Gesundheit strotzenden Mannes von einem nagenden Wurm bedroht war. Dingfelder mochte es selbst gefühlt oder geahnt haben, denn er gab im letzten Halbjahr immer dringlicher dem Wunsche Ausdruck, von der Last der Vereinsgeschäfte befreit zu werden und hatte die Absicht, in der im Juli 1928 stattfindenden Jahresversammlung des israelitischen Lehrervereins den Vorsitz niederzulegen. An jenem verhängnisvollen 27. Mai (Pfingstdienstag) nachmittags 3 Uhr traten einige Münchener Kollegen zusammen, um über Form und Ausmaß der Ehrung und Auszeichnung anläßlich seines bevorstehenden Rücktritts zu beratschlagen. An demselben Tage abends 10 Uhr brachte man ihn, von einem Herzschlag getroffen, entseelt der ahnungslosen Gattin. Und als die Lehrerschaft einige Wochen später zu ihrer Vereinstagung zusammentrat, da erfolgte statt der geplanten feierlichen Kundgebung der dankerfüllten Kollegen eine Uestraurige Totenklage um den für immer geschiedenen Führer und Freund. Das jähe, vorzeitige Hinscheiden Dingfelders hatte weiterhin manchen edlen Wunsch unerfüllt gelassen, manche berechtigte Hoffnung zerstört. So wollte man am 10. November seinen s e ch z i g st e n Geburtstag feiern. Der einzige Sohn in Amerika plante zu dem Familienfeste herüberzukommen. Fest und Wiedersehensfreude blieben Vater und Sohn versagt. Ein Vierteljahrhundert wirkte Dingfelder in München als Religionslehrer. Schon traf die dankbare Kultusgemeinde Vorbereitungen zum fünfundzwanzigjährigen Jubiläum, er sollte geehrt und gefeiert werden — umsonst, er durfte den Jubeltag nicht erleben. Im nächsten Jahre begeht der Israelitische Lehrerverein in Bayern sein fünfzigjähriges Gründungsfest. Wir wissen, daß Dingfelder zu diesem frohen Ereignis bereits rüstete, seinen Mitarbeitern Weisung zur Vorbereitung gab. Das Jubeljahr sollte uns allen ein gewaltiges Erleben, ihm aber feierlichen Abschluß und Krönung seiner segensreichen Vereinstätigkeit werden. Vergebliche Hoffnung! Daß am Jubeltage der große Führer fehlt, wird uns ein bitterer Tropfen im schäumenden Freudenbecher sein. Ein Herzenswunsch, vielleicht sein letzter, war die Errichtung eines Denk - und Mahnmals für die im Weltkrieg gefallenen achtzehn jüdischen Kollegen aus Bayern, und als dieser Wunsch durch Aufstellung einer Ehrentafel in der Seminarsynagoge zu Würzburg sich verwirklichte, da war es wiederum ein Verhängnis, daß er die Einweihung nicht mehr erlebte. Wir trauerten am gleichen Tage um ihn als den neunzehnten Helden, der zwar nicht im Kriege gefallen, aber gestorben ist auf dem Felde der Ehre, im Kampfe für Freiheit und Recht, im Dienste des Judentums und der allgemeinen Menschenliebe. Daß dieser selbstlose Mann, der Vater unserer Witwen und Waisen, dessen Sorge die rechtzeitige und gesicherte Jnruhestandversetzung der durch Krankheit oder Alter arbeitsmüde gewordenen Kollegen gewesen war, für sich die ersehnte Ruhe nicht finden durfte, vielmehr wie ein gutes Pferd in den Sielen sterben mußte, das erfüllt uns, die Zurückgebliebenen, mit tiefftem Weh. <Ähen wir sonach Dingfelders Lebensende unverkennbar von einer gewissen Tragik umschattet, so war anderseits dieses Leben selbst bis zum letzten Atemzug harmonisch, ausgeglichen, abgeklärt. Hier wohnte eine gesunde Seele in einem gesunden Körper, ihr Träger stets Optimist, trotz mancher Bitternisse, die auch ihm nicht erspart blieben. Unser Führer durfte nach G'ttes Ratschluß das biblische Alter nicht erreichen, aber sein Leben war köstlich, weil voll Müh und Arbeit. Sein Tagwerk begann, je nach der Jahreszeit, früh um vier oder fünf Uhr und dauerte bis spät in die Nacht. Mit ehrfurchtsvollem Staunen gedenken wir der Arbeitsfülle, die er gewissenhaft uß, Uffenheim erledigte, sei es in seiner Eigenschaft als Lehrer einer mehrere hundert Kinder zählenden Religionsschule, als Vorsitzender des größten israelitischen Lehrervereins in Deutschland, als vielbeschäftigtes Ratsmitglied im Gemeindeoerbande, als eifriges Kuratoriumsmitglied des Lehrerseminars, oder sei es als ratendes und tatendes Mitglied anderer, im Dienste der Wohltätigkeit, der Abwehr und der Geselligkeiten stehenden Vereinigungen. Erholung und Freude im Sinne großstädtischer Vergnügungen waren ihm fremd, Ruhe und Frieden nach angestrengter Tätigkeit suchte und fand er in der stillen Häuslichkeit, an der Seite seiner treuen Gattin. Selbst seine Ferien nutzte er im Dienste der Allgemeinheit. Ich besuchte ihn einmal (es war lange vor dem Kriege) in seinem Tuskulum Ammerland am Starnbergersee. Aus dem Tische lag ein Stoß Münchener Kultusgemeindeakten, die er sich mit hinausgenommen hatte. „Sehen Sie," klagte mir die Gattin, „so verbringt mein Mann seine Ferien, da sitzt er täglich bis zum Mittagessen und schreibt." Zur unermüdlichen Schaffensfreudigkeit, gepaart mit zähem Fleiße, gesellten sich klarer Verstand, natürliche Liebenswürdigkeit, ein angeborener Drang zum sittlichen Streben. Der Motor aber, der alle diese Kräfte und Eigenschaften in Bewegung setzte, war sein goldenes Herz, die Liebe zu den Menschen ohne Ausnahme. Ein Herz voll Liebe war es, das ihn vor allem im Berufe, im Dienste an der Jugend zur „Pestalozzinatur" hatte werden lassen. In liebevoller Treue stand er zu all seinen Berufsgenossen: volle siebenunddreißig Jahre gehörte er als eifriges Mitglied dem Bruderbünde des Bayerischen Lehrervereins an, mit nicht wenigen Kollegen, unter ihnen Meyerhöfer, dem früheren Schriftleiter der Bayerischen Lehrerzeitung, unterhielt er innige Freundschaft. Auch außerhalb seines Berufskreises pflog er Beziehungen zu allen Schichten der Bevölkerung: wohin auch immer ihn der Weg führte, überall brachte man dem nach Wahrheit und Gerechtigkeit strebenden Manne höchste Achtung und Respekt entgegen. Sein taktvolles und doch entschiedenes Auftreten in der Öffentlichkeit war ein „Kiddusch Haschem". Ist es bei dieser Lebensführung weiter verwunderlich, daß Dingfelders unermüdlicher Tätigkeit auch große, ungeahnte Erfolge beschieden waren? Er durfte, nach seinen eigenen Worten, viele „Höhepunkte des Lebens" schauen. Ein solches Hocherlebnis war die Gründung des Gemeindeverbandes in Bayern am 20. und 21. April 1920. Dingfelder gehört zu den drei oder vier Männern, die als seine Väter anzusprechen sind, ohne deren Mit- und Zusammenwirken die öffentlich-rechtliche Vertretung der bayerischen Juden niemals hätte zustande kommen können. Mit der Schöpfung des Verbandes war die Plattform gegeben, von der aus zum „öffentlichen Gewissen der bayerischen Judenheit" gesprochen werden konnte, um den völligen Zusammenbruch der Klein- und Mittelgemeinden und deren Beamten zu verhindern. Dingfelder war durchaus kein einseitiger Standespolitiker. Nach dem Zeugnis des Herrn Oberlandesgerichtsrats Dr. Neumayer „hat er die Interessen seiner Standesgenossen niemals über das Wohl der Allgemeinheit gestellt. Ihm ist ein seltenes Glück zuteil geworden, das schönste Glück, das einem denkenden und sittlich hochstehenden Mann zuteil werden kann, daß er mit der ihm persönlich gestellten Aufgabe die Aufgabe der Allgemeinheit erfüllen konnte". Dingfelder hätte sich das Leben leichter, kampfloser gestalten können. Bald nach der Seminarzeit und den wenigen Vorstationen Würzburg, Gunzenhausen, Ansbach folgte er einer ehrenvollen Berufung der Kultusgemeinde München in eine Stellung, die ausgestattet war mit den Vorteilen eines damals bevorzugten Großstadtlehrers. Seine Position war nach jeder Richtung gesichert. Aber nach dem Mischna-Grundsatze: „Wenn ich nur für mich bin, was bin ich?", sah diese selbstlose Persönlichkeit den Sinn des Lebens im Dienste der Allgemeinheit, an großen Aufgaben. Wenig bekümmert um die Gefährdung seiner behaglichen Lebensführung „ging er", gleich Moses am ägyptischen Königshofe, „hinaus zu seinen Brüdern und sah ihre Sklavenarbeit". Sie zu befreien war fortan seines Lebens Hauptziel. Er trat ein in ihre Reihen, verband sein Geschick mit dem ihrigen auf Gedeih und Verderb, hielt