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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1929-04-01 · 7 (1.4.1929) · p. Seite 105

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
5 (1929)
Issue
7 (1.4.1929)
Article
Stefan Zweig, ein jüdischer Dichter
Date
1929-04-01
Page
Seite 105 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 7 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 105 sammenbrachen, vor ihrer Genialität in die Knie zu zwingen, wie Dostojewski und Balzac. Diese Zweigschen Versuche sind keinesfalls nur literarische. Von der Kurve des Lebens wird der Grad der Dichtung abgelesen. Zweig deutet den Kontrast zwischen Dasein und Schaffen und beweist, wie eben aus diesem Kontrast die Genialität sich emporringt. Die Essays sind ebenso philologisch wie philosophisch, ebenso Historisch wie psychologisch — und wir denken dabei mehr an die medizinisch orientierte Psychologie. Zweig begnügt sich nicht mit dem Porträt allein, er malt auch mit einer angenehmen Diskretheit den so notwendigen Hintergrund. So, wenn er beispielsweise bei Kleist auf die Situation Preußens in den napoleonischen Kriegen hindeutet, oder bei Nietzsche auf die berüchtigten Gründerjahre nach 1870. Vor allem erscheint uns der Band „Der Kampf mit dem Dämon" typisch für die Zweigsche nahezu unerreichte Einfühlungsgabe. Stefan Zweig ist nicht nur ein großer Dichter, er ist auch ein großer Deuter und Erklärer, ein Pfadfinder in dem einsamen Gestrüpp, das die großen Geister durchschritten und durchkämpft haben. II. Es kann weder unsere Ausgabe sein, noch würde es der zur Verfügung stehende Raum rechtfertigen, an dieser Stelle das gesamte Werk Stefan Zweigs umfassend zu würdigen?. Wir konnten uns nur das bereits Vorliegende in flüchtigen Strichen in Erinnerung rufen, um uns so den Dichter als Typus in unserer Zeit zu vergegenwärtigen. Was uns hier speziell angeht, ist eine andere Frage. Wir alle wissen, daß Stefan Zweig Jude ist, daß er als Kind jüdischer Eltern in Wien geboren wurde. Wir wissen aber auch, ) daß die Geburt bei einem Dichter jüdischer Konfession allein nicht genügt, um ihn auch als jüdischen Dichter zu kennzeichnen. Wir könnten eine Anzahl jüdischer Schriftstellernamen nennen, bei deren Klang man eher geneigt wäre, ihr Judentum zu vergessen; denn ihre Mentalität hat sich soweit von der jüdischen entfernt, daß ihre Abstammung das einzige ist, was sie noch von ihren nichtjüdischen Schriftstellerkollegen unterscheidet. Wie liegt nun der Fall bei Stefan Zweig? Fällt seine Mentalität mit der jüdischen zusammen, hat er ganz bewußt einmal Fragen, die uns Juden angehen in seinen Werken berührt, und wie ist das Ergebnis gewesen, positiv oder negativ? Hat er den Mut gehabt, sich zu uns zu bekennen, und hat er bewiesen, daß er einen noch lebendigen Zusammenhang mit seinen Glaubensgenossen besitzt? Sicher wird man zuerst an den „Jeremias" denken. Hier hat Zweig eine biblische, eine jüdische Gestalt in den Mittelpunkt seines Dramas gestellt, hat ihr eine leidenschaftliche, eine biblische Sprache in den Mund gelegt und sie mit heißer Angst erfüllt um das Geschick des bedrängten Jerusalems. Gewiß, das ist ein bewußtes Bekenntnis zur jüdischen Vergangenheit. Und doch scheint uns das Drama zu losgelöst, zu sehr für sich stehend und zu wenig das Jüdische betonend, als daß wir es geradezu als ein jüdisches Stück bezeichnen könnten. Wir sagten auch schon, daß seine Idee mehr eine menschheitliche denn eine jüdische ist, und daß sich seine große Symbolkraft mehr auf die Situation Europas im Kriege, denn auf eine jüdische bezog. Wenn wir die Frage beantworten wollen, wo sich Stefan Zweig als jüdischer Dichter erwiesen hat, so müssen wir vor allem an die Novelle „Untergang eines Herzens" aus dem Buche „Ver- ' wirrung der Gefühle" erinnern. Hier hat Zweig tatsächlich in der Gestalt des Geheimen Kommissionsrates Salomonsohn den Typ des Juden — wie wir ihn sehen, wenn wir objektiv sind — mit einer Bildtreue und Überzeugungskraft gezeichnet, die erschüttert. Eine solche Novelle wiegt ein Dutzend der gescheitesten Aufsätze über die Soziologie der Juden in Europa auf! Salomonsohn hat sich aus engsten Verhältnissen hinaufgearbeitet. Er hat nach jahrzehntelanger Plackerei ein Vermögen erworben, einen Titel, eine Villa — alles nur um die Frau und die einzige Tochter zu beglücken. Er selber, der sich während seines ganzen langen Lebens kaum einen Urlaub gegönnt hat, aber mit zwölf Jahren schon viel Geld verdienen mußte, verlangte nichts für sich, er will das Geld nur den beiden Wesen, die er liebt, in den Schoß schütten. Sie nehmen es hin als ein Selbstverständliches, Mutter und Tochter gleiten durch ihr Leben wie aufgeputzte, - Wir verweisen auf das ausgezeichnete Buch von Erwin Rieger über Stefan Zweig, das vor kurzem I. M. Spaeth Verlag, Berlin, erschienen ist. feiertägliche Puppen — er aber arbeitet sich herunter für sie, wird ein alter, leidender Mann. Krummbeinig und ungebildet, macht er eine lächerliche Figur neben seinen Damen, neben den Luxuswesen, die er mit seinem Schweiße ernährt und vor allem Bösen bewahrt hat. Einmal hat er sich aufgerafft, den Alltag zu vergessen, und ist für ein paar kurze Ferientage mit den Seinen nach Gardone gereist. Es sollten Tage der Erholung sein — und werden Tage seiner Vernichtung. Salomonsohn gewahrt durch Zufall, daß sich seine neunzehnjährige Tochter dem erstbesten Luftikus hingibt, daß sie sich wie eine Straßendirne in fremde Betten schleicht. Seine Welt wankt, das Kleinod seines Lebens, dieses Kind, für das er sich und seine Lebenskraft aufgeopfert hat, ist nicht mehr wert als Irgendeine. Er ist zu schwach —- denn zu sehr ist er den beiden Frauen versklavt —, über seine Entdeckung etwas verlauten zu lassen. Er frißt seinen ganzen Zorn und Schmerz in sich hinein. Vergeblich versucht er, sich aufzulehnen und die beiden zur Heimreise zu zwingen. In diesen Stunden des verzweifelten Umherirrens, da der Schmerz ihn zerreißt, erkennt er seine Kläglichkeit. Er ist nur noch ein lächerlicher Clown neben den eleganten Frauen, er stört sie nur bei ihren Flirts, seine Gegenwart ist in dem Gardoner Luxushotel blamabel, er ist nicht imstande, an französisch geführten Unterhaltungen teilzunehmen, die sie mit jungen Burschen führen. Er beobachtet, wie sich seine Frau, an der Grenze des Alters, leichtfertig und würdelos benimmt. Er selber stört nur. er bekommt kaum ein freundliches Wort zu hören, was er sagt, ist in jedem Falle lächerlich — und doch nimmt man alles von ihm, und doch ermöglicht allein er und sein Geld ihnen diese Sorglosigkeit. „Den ganzen Tag schufte ich für sie, sitze vierzehn Stunden im Kontor, genau so, wie früher mit dem Musterkoffer auf der Bahn ... nur um Geld für sie zu schaffen, Geld, Geld, damit sie schöne Kleider haben und reich werden ... und abends, wenn ich heimkomme, müde, zerschlagen, da sind sie fort: im Theater, auf Bällen, in Gesellschaft ... was weiß ich denn von ihnen, was sie treiben den ganzen Tag?" Er schleicht wie ein geprügelter Hund in sein Zimmer, die beiden unten tanzen, ihr Gelächter dringt zu ihm hinauf. Er bekommt einen Anfall, windet sich im Schmerz, er ist ganz allein, niemand kümmert sich um ihn. Er bleibt halb bewußtlos liegen, und unten tändeln seine Geschöpfe. Als er erwacht, spürt er nichts mehr in sich, eine beängstigende Apathie hat ihn erfaßt. „Und mit einemmal war ihm, als ob er schon gestorben wäre, so grauenhaft stumm stockte sein Blut." Der alte Mann redet nicht, beklagt sich nicht. Er packt seine Sachen und reist allein heim. Eine seltsame Veränderung vollzieht sich mit ihm. Sonst ein Muster an Fleiß, geht er kaum noch in sein Geschäft, er macht lange Spaziergänge durch die Stadt, redet mit sich selbst, kommt herunter, denn niemand sorgt sich um ihn, auch dann nicht, da die Seinen längst wieder daheim sind. Er ist abgerissen, scheut sich, die Haustüre zu betreten und zieht den Dieneraufgang vor, um Frau und Tochter mit deren Bekannten nicht zu begegnen. Er wohnt in einem kleinen Hinterzimmer, wohin man ihm das Essen bringt. Nur sein Hund weilt noch zuweilen bei ihm. So lebt er dahin, sein Herz ist untergegangen, er ist ein Leichnam. „Das Seltsamste und für die ganze Stadt Verwunderlichste war: der alte Mann, der nie zu den Gläubigen der Gemeinde gehört hatte, begann mit einemmal fromm zu werden. Gleichgültig sonst gegen alles und bei Tisch und Verabredung immer unpünktlich, versäumt -er doch niemals, zu gebotener Stunde in den Tempel zu gehen." In seinem leeren Hirn glimmt ein Funke auf: er erinnert sich seines Judentums, er flüchtet zurück in den Hafen der Frömmigkeit, um sich noch einmal an etwas Lebenswertes zu klammern. Sein Leiden schreitet fort, eine Operation wird notwendig, er weigert sich nicht. Er weiß, daß er sterben muß. „Wurden aber Totengebete gelesen, und er sah die Verwandten, die Kinder, die Freunde eines Abgeschiedenen in ergriffen geübter Pflicht ... dann wurden ihm manchmal die Augen trüb: er war der Letzte, er wußte es. Niemand würde für ihn ein Gebet sprechen." Er verteilt alles Geld, das er bei sich trägt, unter die Armen. „Und so, ganz arm, ganz ausgeleert und allein trat der alte Mann unter das Messer." Und stirbt. Es ist ein jüdisches, es ist das jüdische Schicksal, das Zweig hier zeichnet. Wo find jemals ergreifendere Worte hierfür gefunden worden! Die Tragik des Juden, des lächerlichen Händlers, des hochgekommenen, aber doch noch unendlich tief unter einer nichtjüdischen Durchschnittsexistenz stehenden, verbrauchten und verarbeiteten Menschen — hier ist sie unvergeßlich gestaltet! Grausam ist die Novelle in ihrer Realität, aber doch liebend. Wer so das

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