Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 7 (1.4.1929)
- Article
- Stefan Zweig, ein jüdischer Dichter
- Date
- 1929-04-01
- Page
- Seite 104 (sequence 1)
- Language
- German
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104 Bayerische Israelitische Gemeindezettung Nr. 7 Stefan Zweig, ein jüdischer Vickter Von Manfred Sturmann I. Wie nach dem Kriege unser Leben ein völlig gewandeltes Gesicht erhalten hat, wie der Herbst 1918 den Lauf der vergangenen Jahre abschnitt und eine veränderte, wenn auch nicht wesentlich neue Epoche einleitete, so spüren wir auch in der Dichtung die Kerbe, die Vor- und Nachkriegszeit von einander trennt. Mancher Dichter gewahrte nach' Kriegsende, daß fein Werk ein gänzlich verändertes geistiges Fundament verlangte, und daß vieles, was vor dem Kriege entstand, neben dem reihenden Strom des Gegenwärtigen verblaßt und ungültig geworden ist. Erst als jene großen Schöpfungen von dem großen Ereignis des Krieges distanziert, sozusagen historisch geworden waren, fand man wieder einen Weg zu ihnen. Es ist heute wieder möglich Gedichte von 1900 zu lesen — aber unmittelbar nach dem-Umsturz verstanden wir sie nicht, sie kreuzten nicht unsere Welt, sie waren überdonnert von der Wirklichkeit, die sich im Kampfe wand. Stefan Zweig, in der ersten Reihe unserer großen Dichter stehend, ist ein eklatantes Beispiel dafür, wie der schöpferische Mensch in sich den Lauf und die Wandlung der Zeit mitmacht. Er selbst hat einmal in einer kurzen autobiographischen Skizze betont, daß sein Leben mit dem Kriege in zwei Hälften geteilt ist, in eine richende, harmonische, sorglose — und in eine bewegte, tausendfältige und verantwortungsvolle. Der Jüngling Stefan Zweig schenkt uns zarte, lyrische Gebilde von einem erstaunlichen Wohlklang. Es sind die wohlgeformten Bekenntnisse eines reichen, unabhängigen, jungen Menschen, der die Welt durchfliegt in langen Reisen, dem es vergönnt ist, lernend zu Füßen der größten Geister Europas zu sitzen, einen Dichter wie Verhaeren Freund zu nennen, und der, so früh schon, beginnt geistige Verbindungen zu schassen zwischen den Völkern, indem er ausländischen Dichtern, die man in Deutschland noch nicht kennt, durch Nachdichtung ihrer Werke Geltung und Ruhm verschafft. Stefan Zweig bedeutet in seinem Frühwerk, und man denke da besonders an die beiden Gedichtbände „Silberne Saiten" und „Frühe Kränze"^, geradezu die Repräsentation Wiens der Vorkriegszeit, das Kriegsende und Inflation hinweggespült hat. Diese Gedichte hätte kaum einer nach dem Kriege geschrieben. Es sind die Strophen des Abends und des Herbstes, der Reisen und der harmonisch gesehenen Landschaften. Diese Dichtung ist in ferne Gärten gelagert, zu denen der Schall der Straße und der Aufschrei der in Not Gequälten nicht dringt. Auch die ersten Dramen („Tersites", „Das Haus am Meer", „Verwandelter Komödiant") wären anders geworden, hätte Zweig sie nach dem Kriege geschaffen. In dem „Ersten Erlebnis", seinen frühen Novellen — „Geschichten aus Kinderland" nennt er sie — finden wir jedoch schöne Züge, die über diese wirklichkeitsferne Welt hinausdeuten. Es ist wohl kein Zufall, daß Zweig diese Kindergeschichten zum ersten Band seines Novellenkreises „Die Kette" bestimmt hat. In ihnen ist Wirklichkeit offenbar, hier glimmt, noch verhalten, bereits die Leidenschaft, die seine späteren Novellen beherrscht, hier ist kein Zustand, sondern bereits Bewegung, Entwicklung gegeben. „Erstes Erlebnis" ist die Schilderung der Menschen, die später, als Erwachsene, das Zweigsche Werk tragen. „Brennendes Geheimnis", wer kennte es nicht, ist eine klassische Novelle geworden und hat den Namen Stefan Zweig überall hingetragen, wo man geistige Kost in schöner Form verlangt. Schon im Kriege vollzog sich die Wandlung. Stefan Zweig schreibt das Drama „Jeremias" und nimmt, obschon symbolisch, Stellung zur Wirklichkeit. Mit diesem Drama ruft der Dichter zum Protest gegen den Wahnsinn des Krieges auf, aus dem lyrischen Dichter wird der politische, aus dem Sänger wird der Rufer. Kann man sich noch erinnern, was es auf sich hatte, wenn Zweig mitten im Kriege Worte fand wie die nachstehend aus dem „Jeremias" zitierten? Welch ein Mut gehörte dazu, in einer Zeit zwischen 1913 und 1917, da er an diesem Drama schrieb, einen Krieger bekennen zu lassen: „Wer sind die Völker? Bist du nicht unseres Volkes einer? bin ich es nicht, und unsere Frauen, die meine und die deine, sind die nicht Volkes Teil und haben wir dieses Krieges begehrt?" Hätten das nicht auch die Worte des Unbekannten Soldaten im Weltkriege sein können! Dieses Drama, „Jeremias", ist uns deshalb immer mehr als ein Zeitstück denn als ein 1 Zweigs Hauptwerke sind im Jnselverlag in Leipzig erschienen. biblisches erschienen. Seine Symbolkraft in bezug auf die Kriegszeit ist so groß, daß man es nicht mehr als ein eigentlich biblisches Stück bezeichnen kann, es ist ein Drama der Menschheit, eine groß angelegte und wunderbar wirksame Kampfansage gegen Krieg und Blutvergießen. Aber es bleibt nicht bei der Niederschrift des „Jeremias". Zweig reift unter großen Schwierigkeiten nach der Schweiz, wo im Februar 1918 das Stück uraufgeführt wurde. Hier trifft er mit Männern wie Romain Rolland, Leonhard Frank, Henry Barbusse zusammen und beginnt auf dieser schmalen Insel der Vernunft, mitten im kriegsdurchtobten Europa die praktische Arbeit für den Frieden. Von der Schweiz aus fliegen die Auftufe und Warnungen dieser im gleichen Geiste verbundenen Männer in die streitenden Länder, von hier aus hat die Friedensidee sich durchgerungen und die verhetzten Europäer, als es schon zu spät war, zur Besonnenheit gezwungen. Nach dem Kriege geht Zweig nach Salzburg, undnun beginnt er, nach einem bewußten Plan sein Werk zu bauen. Jahre hindurch ist er gereist, was er schuf, bedeutete eine gelegentliche Niederschrift. Jetzt aber, im Angesicht einer gänzlich veränderten Welt, schmiedete er „Die Kette", eben jenen Novellenkreis, welcher der Niederschlag eines reich und mit offenen Augen gelebten Lebens bedeutet. Was Zweig in den Jahren vor dem Kriege gesehen, die Länder, die er durchreist hat, die Menschen, denen er begegnet ist — all das nimmt Form an im Werk. Er schöpft es gleichsam aus dem Staubecken des Erlebten. So werden die Jahre nach dem Kriege Arbeitsjahre, wie jene vor dem Kriege Wanderjahre gewesen waren. Der Krieg hat sein Leben in zwei Hälften geteilt. Die Wirklichkeit hat die umfriedeten Gärten jener ersten Gedichte zerstört, ist in sie eingedrungen. Nun hat das Leben, wie es ist, das Wort, das gemeine und leidenschaftliche, das tier- und triebhafte, das die Menschen durcheinander wirft und vor sich herjagt. Nun findet Zweig Sprache und Form für das, was unsere Zeit bedrängt, er zergliedert den Menschen, wie er in uns und neben uns lebt, mit den unbeirrten Händen eines Anatomen, er dringt ein in die verschwiegensten Kreuzungen der Gedanken, er gibt seinen Gestalten Odem und Trieb, er jagt sie und peitscht sie, läßt sie auseinanderfallen und zerstört sie. So entstehen die „Novellen einer Leidenschaft", der „Amokläufer", der „Brief einer Unbekannten", um nur diese hier' zu nennen. Es entsteht „Verwirrung der Gefühle", jene Titelnovelle aus dem dritten Bande der „Kette", die ein Gipfelpunkt im Schaffen Zweigs bedeutet, und „Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau". Alle Menschen Zweigs sind Amokläufer, von einer rasenden Leidenschaft getrieben, die andern entzündend, mit furchtbarem Brand, um schließlich niederzubrechen. Die letzte Konsequenz aus der Gültigkeit des Gefühls ist das Spezifikum für die Zweigsche Novelle. Nicht das hervorgebrochene Verhalten, nicht die Beherrschung also — sondern das sich Hingeben und Verbluten, das Besessensein ist Gesetz in dieser Welt. Und wenn Zweig dem Band „Verwirrung der Gefühle" Zeilen voransetzt wie diese: „Wir sind nicht wahr, solang wir uns bewahren, Und nur den Blitz, von dem wir ganz entbrennen, Läßt Blut im Geist und Geist im Blut sich kennen." —, so gibt er selbst die Ideologie seiner Novellen am besten wieder, sie wollen eben „Blut im Geist" und „Geist im Blut" erkennen, und dieser Tausch wird zur Einheit, aus der die grandiose Dynamik der Zweigschen Novelle entsteht. Daß seine Sprache zum Edelsten gehört, was uns je geboten wurde, bedarf hier keiner besonderen Betonung. Und es liegt das Geheimnis seiner außerordentlichen Wirkung darin, daß der lebendige, zuckende Stoff in eine zuchtvolle, messerscharfe Sprache geschlossen ist. Neben der „Kette" schrieb Zweig Essaybände. „Baumeister der Welt, Typologie des Geistes", nennt er seine Versuche. Diese mit wundervollem klaren Strich gezeichneten Männer, einsame Große, die aus den gigantischen Gefügen ihres Geistes die unverrückbaren und ewigen Monumente der Dichtung schufen, sie sind so wohltuend als Menschen und nicht als Heroen geschildert, auch sie stehen im „Kampf mit dem Dämon" — mögen sie nun Hölderlin, Kleist oder Nietzsche heißen; auch sie haben sich an. den Widerwärtigkeiten des Lebens empor zu ihrer Größe hinaufzumühen und eben jene Welt, an deren Unverständnis sie Mal um Mal zu-