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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1929-04-01 · 7 (1.4.1929) · p. Seite 106

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
5 (1929)
Issue
7 (1.4.1929)
Article
Stefan Zweig, ein jüdischer Dichter
Date
1929-04-01
Page
Seite 106 (sequence 3)
Language
German
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106 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 7 jüdische Schicksal zu sehen vermag und so einzudringen weiß in die. jüdische Psyche — und sei es auch die Psyche eines Degenerierten und Kläglichen —, der hat mit seinem Herzblut geschrieben und sein Tiefftes in das so Geschriebene gegossen. - Aber noch einmal hat Stefan Zweig etwas Jüdisches geschaffen. Das ist die Legende „Rahel rechtet mit Gott"^. Wie dort die jüdische Gegenwart, so wird hier die jüdische Vergangenheit dichterisch geschaut: Das Volk zu Jerusalem hat sich wider Gott erhoben, und er grollt seinem Volke. Furchtbar ist sein Zorn: „Cs flohen die Ströme davon und beugten sich die Meere, es wankten die Berge Trunkenen gleich und sanken die Felsen ins Knie." Niemand vermochte Gott zu besänftigen, und die Fürbitten der Erzväter, die aufstanden, Gott anzuflehen, hatten kein. Gewicht. Da bittet Rahel, die Erzmutter, für das Volk. Sie fleht den Herrn an, zu verzeihen, und erinnert ihn an ihr eigenes Geschick, wie sie Jakob geliebt hat, und wie Laban, der harte Vater, nach siebenjähriger mit Ungeduld getragener Wartezeit statt ihrer Lea, die ältere Schwester, an den Geliebten verheiratete. Ihr Herz wäre schier in Zorn und Rachsucht gebrochen, und doch hätte sie sich bezwungen und der unglücklichen Lea geholfen. Sie selbst hätte Jakob die Schwester zugeführt und chn durch eine List glauben gemacht, er umarme Rahel, die sieben Jahre erhoffte Braut. Rahel beschwört Gott zu verzeihen wie sie selbst verziehen hatte. Und ob dieser Milde Rahels wird aus dem Gott der Gerechtigkeit, wieder der Gott der Liebe, und er verzeiht dem sündigen Volk. In dieser Legende hat Zweig die Sprachmelodie der Bibel mit unerreichter Meisterschaft getroffen. Er schafft in grandiosen Visionen die biblische Landschaft und ihren Menschen in einem überaus natürlichen und flüssigen Gebilde. Die Legende ist jüdisch im schönsten Sinn, sie wirkt so echt, als wäre sie einem Buche des Alten Bundes entnommen. Wir dürfen also die oben gestellte Frage restlos bejahen. Stefan Zweig ist ein jüdischer Dichter. Wer jüdische Menschen mit solch einer Treue zeichnet, der muß selber ein jüdischer Mensch sein, nicht nur der Vernunft nach, sondern auch nach seiner geistigen Orientierung und nach der Art, die Dinge so zu sehen, wie sie eben nur der Jude zu sehen vermag. 3 In Buchform bisher nicht erschienen. Zu finden in der „Reuen Rundschau", S. Fischer Verlag, Berlin, Märzheft 1927. 5lus dem Reiche Tätigkeitsbericht der hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge für die Iahre 1927/28 Die im Jahre 1925 begründete Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge (Berlin' R. 24, Auguststraße 17) übergibt soeben der Öffentlichkeit einen Bericht ihrer Tätigkeit für die Jahre 1927 und 1928. Die Organisation hat in diesen Jahren der starken Rückwanderung aus den westlichen Ländern nach Polen dank der gut funkionierenden Zusammenarbeit der einzelnen Reichsstellen ihre organisatorische Fundierung bewiesen. Sie hat die bisher geltenden Regeln ihrer Fürsorgearbeit in einer „Wanderordnung" zusammengefaßt, die den Wanderern eine einheitliche fürsorgerische Behandlung in ganz Deutschland zusichert. Die im Geschäftsbericht der Hauptstelle veröffentlichten Wanderungsstatistiken errechnen für das Jahr 1928 eine Frequenz von 15 286 jüdischen Wanderern, von denen etwa 30 Prozent Deutsche sind, — eine Zahl, die die Arbeitslosigkeit der deutschen Juden in erschreckendem Maße dokumentiert. Im Jahre 1927 hingegen wurden 17 105 Wanderer gezählt, was einem Rückgang von 10 Prozent gleichkommt. Die Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge hat in den Berichtsjahren ihre Tätigkeit auf die vorbereitenden Arbeiten zur Gründung einer jüdischen Arbeiterkolonie konzentriert, die eine Unterkunftsstätte für all die Wanderer bieten soll, denen mit organisatorischen Maßnahmen nicht zu helfen ist. Es wird sich hierbei in der Hauptsache um Strafentlassene, nicht voll Erwerbsfähige, Staatenlose, die eine Regelung ihrer Staatsangehörigkeitsverhältnisse erwarten, pahlose Rückwanderer usw. handeln. Die Vorarbeiten zur Schaffung dieser Kolonie, die das Interesse des gesamten deutschen Judentums wie auch der Reichsbehörden in erfreulichem Maße gefunden hat, konnten soweit gefördert werden, daß mit der Verwirklichung des Planes im Laufe dieses Jahres gerechnet werden kann. Daneben ist es der Hauptstelle gelungen, mit der Errichtung drei neuer Arbeitsnachweise in Deutschland (Breslau, Köln, Dortmund) wirksame Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zu ergreifen. Sie wird im kommenden Geschäftsjahr der Aufgabe, in Deutschland in den Orten der bedeutendsten jüdischen Gemeinden ein Netz von jüdischen Arbeitsnachweisen entstehen zu lassen, ihre erhöhte Aufmerksamkeit zuwenden, da die jüdische Arbeitsnachweistätigkeit die produktivste wohlfahrtspflegerifche und sozialpolitische Maßnahme darstellt. In der seit dem Juli 1927 erscheinenden Zeitschrift „Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge" hat sich die Hauptstelle ein Organ geschaffen, das nicht nur in den Kreisen des deutschen Judentums, sondern auch bei Staats- und Kommunalbehörden reges Interesse und allseitige Anerkennung gefunden hat. Die nahezu vollendeten beiden Jahrgänge der Zeitschrift haben neben einer Reihe interessanter Aufsätze über Probleme der Wirtschaft und Arbeitsnachweispolitik, des Ausländerrechts und -schutzes, der Strafgefangenenfürsorge, der jüdischen und nichtjüdischen Wanderfürsorge reiches Material für die Informationen der in der praktischen Arbeit stehenden Sozialbeamten gebracht und sie fortlaufend mit den für ihre Tätigkeit bedeutsamen gesetzlichen Neuordnungen usw. vertraut gemacht. Der Tätigkeitsbericht der Hauptstelle ist für alle Kreise, die jüdisch-bevölkerungspolitisch interessiert ist, von großem Wert. Insbesondere veröffentlichen die anhangweife abgedruckten ausführlichen Statistiken der Zentrale und aller angeschlossenen Reichsstellen außerordentlich wichtiges Material über die Zusammensetzung des Wandererstroms (Reifegründe, Reiseziele, Staatsangehörigkeit, Berufe) und der getroffenen Fürsorgemaßnahmen. Lebensmittelkommission der Vereinigung kradilionell-geseheskreuec Rabbiner Deutschlands Die Pessachliste über Verwendbarkeit von Arzneimitteln und Arzneiverordnungsvorschlägen für Pessach ist in unveränderter vorjähriger Ausgabe bei der Lebensmittelkommission der Vereinigung traditionell-gesetzestreuer Rabbiner Deutschlands, Berlin NW. 6, Philippstraße 7—8, bei Munk gegen Einsendung von RM. 1.10 zu beziehen. 5lus dem Verbände Israelitischer Lehrerverein für Bayern Der Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden übermittelte uns eine Einladung des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs vom 11. März 1929, zu dem in der Zeit vom 14. bis 16. April 1929 stattfindenden Fortbildungskurse für Rabbiner und Lehrer in Stuttgart. Wir weisen hiermit unsere Mitglieder auf diese Veranstaltung hin und bemerken dazu, daß der Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden bereit ist, bei rechtzeitiger Anmeldung hierzu den Ersatz der Reisekosten und ein Tagegeld von RM. 5.— zu gewähren. Dem Kurse liegt folgendes Programm zugrunde: Sonntag, den 14. April 1929, vormittags halb 11 Uhr bis 1 Uhr: 1. Stadtrabbiner Dr. Rieger (Stuttgart): „Die Idee und die Geschichte des Sabbatgedankens in der Bibel mit Lektüre ausgewählter Stellen (Tenach)." Nachmittags 3 bis 5 Uhr: 2. Rabbiner Dr. Schweizer (Horb): „Aufbau des Mifchnah-Traktats Sabbat" (Mischnahband Meed). Nachmittags 5 bis 7 Uhr: 3. Rabbiner Dr. Tänzer (Göppingen): „Der Sabbat in der Predigt." Montag, den 15. April 1929, vormittags 8.30 bis 11.30 Uhr: 4. Rabbiner Dr. Berlinger (Hall): „Lektüre und Behandlung von ausgewählten Stellen aus dem Talmud-Traktat Sabbat". (Es 'sind einige Talmud-Exemplare hier vorhanden. Wir bitten jedoch soweit möglich, den Talmud Traktat Sabbat mitzubringen.) Vormittags 11 bis 1 Uhr: 5. Rabbiner Dr. Schlesinger (Buchau): „Der Sabbat in der Religionsgeschichte und Philosophie." Nachmittags 3 bis 6 Uhr: 6. Oberlehrer Rothschild (Eßlingen): „Der Sabbat in der unterrichtlichen Behandlung." Dienstag, den 16. April 1929, vormittags 8.30 bis 10.30 Uhr: 7. Rabbiner Dr. Feinberg (Heilbronn): „Der Sabbat im Religionsgesetz mit Lektüre von ausgewählten Stücken aus dem Schulchan Aruch." (Kizzur Schulchan Aruch ist mitzubringen.) Vormittags von 11 bis 1 Uhr: Rabbiner a. D. Dr. Treitel (Laupheim): „Die Sabbatidee bei Philo und bei den Hellenisten." Nachmittags von 2.30 bis 4.30 Uhr: Religionsoberlehrer Krämer (Heilbronn): „Der Sabbath in der Liturgie."

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