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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1929-02-01 · 3 (1.2.1929) · p. Seite 35

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
5 (1929)
Issue
3 (1.2.1929)
Article
Zu Lessings Geburtstag
Date
1929-02-01
Page
Seite 35 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 35 Schmerze schreien, wie es der Philoktet des Sophokleö tut, und wenn dem bildenden Künstler die Darstellung des schreienden Menschen nicht erlaubt ist, so darum nur, weil er dem Schönheitsgesetz der bildenden Kunst untersteht. So war auch Lessing, dieser heldischste und kämpferischste aller Menschen, doch dem Mitleid und der Liebe offen. Ein bettelnder Philosoph, von einem struppigen Hund begleitet, klopfte einst an seine Tür in Wolfenbüttel. Er nimmt ihn auf, behält ihn den ganzen Winter über bei sich und entläßt ihn so beschenkt, wie es die eignen, kärglichen Mittel ihm erlaubten. Ein Stallmeister des Herzogs begeht Selbstmord. Man findet in seiner Tasche einen zärtlichen Liebesbrief an ein käufliches Mädchen, und Lesting allein erwidert der darob empörten Gesellschaft: „Wiffen Sie, was die Liebe sie lehrte, dem Stallmeister zu sein?" So wird hier das Erz des preußischen Heroismus von Menschlichkeit geschmolzen, überglänzt. Das Evangelium LessingS endlich war gewiß die unbedingte Souveränität des freien, mündig gewordenen Menschen, der keiner inneren Leidenschaft und keiner äußeren Gewalt, sondern nur dem sittlichen Gesetz in seiner Brust gehorcht. Für diese neue Freiheit kämpfte er nach allen Seiten hin. Aber es gab auch etwas in ihm, was solchen Menschenftolz in eine höhere Ergebung wandelte: eine wahrhaft mystische Religiosität, die man in ihm nicht suchen, aber finden wird. Er, der an keine positive Religion und keinen persönlichen Gott mehr glauben konnte, bekannte sich ja doch zu dem Glauben an einen göttlichen Zusammenhang der Welt, eine göttliche Notwendigkeit des Kosmos, in der auch die menschliche Freiheit eingeordnet und gebunden ist. „Hen kai pan, ich weiß nichts anderes." „Ich begehre keine Willensfreiheit." Das war fein Bekenntnis zu Spinoza, welches das Entsetzen seiner Zeit erregte, und so wuchs er auch hierin über die Aufklärung hinaus: Der rationale Mensch in ihm wird religiös. Fasten wir ihn, wo immer wir wollen, nie wird es möglich sein, ihn eindeutig zu bestimmen. Was ist sein Evangelium der Kunst und Dichtung? Lautet es Freiheit oder Form, Genie oder Regel? In seinem Geist verliert der Unterschied sein Recht. Shakespeare, so sagt er, der regelloseste der Dichter, hat in einem tieferen Sinn die Regeln des Aristoteles treulicher befolgt, als der französische Klassizismus. Nur das Genie, so sagt er, und nickt der Kritiker gibt die Regeln: Aber das Genie, es gibt auch wirklich Regeln, weil sich gerade das Genie an die wesenbasten, immanenten, ewigen Gesetze künstlerischen Schaffens hält. So allein ist Lestings Stellung in seiner Zeit und tu den wechselnden Generationen seines Jahrhunderts zu verstehen. Er .kämpfte ganz ebenso gegen die Aufklärung wie gegen die Orthodoxie. Er wurde Wecker und Führer des Sturms und Drangs, und die jungen Gemen Deutschlands dankten ihm ihre Freideri uni Bewunderung und Liebe. Aber er nahm auch den Sturnr und Drang in Zucht, verwarf die schwärmende Äenihlsseligkeir des Werther, die Formlosigkeit des Götz von Berlichingen, und wurde Führer und Erzieher Goethes und Schillers zur klastischen Dichtkunst hin, und das heißt: zu Haltung und Beherrschtheit, Meisterschaft und Form, Gesetz und Bindung. Er war der Führer zu Shakespeare wie auch zur Antike. Wir aber erkennen in Ehrfurcht: daß sich in solcher Doppelseitigkeit zwei Seiten ewig deutschen Wesens in ihm einten. Abenteuerlicher, zu stetem Aufbruch bereiter, faustischer Geist und kühlste Zucht der Vernunft, menschliches Gefühl und sittlicher Heroismus, Religiosität und Menschenftolz, Liebe zur Freiheit und Sehnsucht nach Bindung und Form, was ist hier deutscher? Es sind zwei ewig deutsche Elemente, die sich gerade in den größten Gestalten der deutschen Geschichte so oft begegnen und so oft auch innerlich bekämpfen. Lasten Sie mich nur das rätselhafte Doppelantlitz eines Friedrich, eines Kleist beschwören, dieser problematischen Gestalten, in denen Heroismus und Humanität so unheimlich und ungebunden nebeneinanderftehen. In Lesting aber geschah zum erstenmal das deutsche Wunder, und das deutsche Wesen: hier zum erstenmal erscheint es heiter und gelöst und hell. Der männlichste Geist ist anmutig und liebenswürdig, das zuchtvollfte Ethos menschlich warm, und Flötenmusik übertönt die nachhallenden Donner des Krieges in der Minna von Barnhelm. Alle Plumpheit, Starrheit und Dumpfheit ist hier vom deutschen Menschen abgefallen. Die Schwere wurde leicht, das Dunkel hell, die Gründlichkeit graziös. Ja, noch der gnadelose Kämpfer weckt durch seine geschmeidige und elegante Fechtkunft Freude und Entzücken. Was aber dieses Wunder noch wunderbarer macht, ist dieses: daß solche Einheit und Gelöstheit hier einmal ganz ohne fremde Hilfe aus den eigenen, deutschen Kräften sich ergab, ohne den doch sonst dazu immer notwendigen Anruf südlicher Kulturen. Auch Lesiing reifte einmal durch Italien bis nach Neapel, aber die südliche Sonne und Kunst, die doch in Goethe die Frucht der klastischen Dichtung zeitigte, blieb ohne den geringsten Eindruck auf ihn. Hier zeigte sich einmal, daß jene beiden Seiten des Menschentums dem deutschen Menschen selber von der Gnade der Natur gegeben sind. Die heitere und helle, anmutige und menschliche Kultur war damals, zu Lestings Zeit, vom sächsischen Stamme verwirklicht worden, und Lesting war ein Sachse. Das strenge, sittliche Heroentum, die Zucht des Geistes und die Unerbittlichkeit der Forderung von Staat, Ehre und Vaterland, es war und ist das Wesen des Preußentums, und Lesting war „Fritzisch" gesinnt. So konnte dieser wunderbare Mann das deutsche Wesen ganz und ungeteilt in sich verwirklichen, und solcher Einheit in dem Bunde des preußischen Offiziers Tellheim mit der sächsischen Minna von Barnhelm dichterische Gestalt verleihen, dieser Einheit von Staat und Menschlichkeit, Zucht und Musik, Heroentum und Güte, Form und Freiheit. Es ist, um hier ein Wort von Lesting selber zu gebrauchen, das „dritte Evangelium", das sich hier erfüllt, Beweis genug, daß es nur der Einheit und Durchdringung der vielgestaltigen, deutschen Stämme bedarf, um ganzes Menschentum zu zeugen. Immer aber, wenn sich das deutsche Wesen ganz verwirklicht, wächst es notwendig und von selbst ins Überdeutsche, ewig Menschliche hinüber, darum eben, weil es diese beiden Seiten eines ewigen Menschentums umfaßt; und so auch hier. Ich weiß nicht, ob Sie jene Worte Lestings kennen: „Vielleicht zwar ist auch der Patriot bei mir nicht ganz erstickt, obgleich das Lob eines eifrigen Patrioten, nach meiner Denkungsart, das allerletzte ist, wonach ich geizen würde; des Patrioten nämlich, der mich vergessen lehrt, daß ich ein Weltbürger sein sollte." „Ich habe überhaupt von der Liebe des Vaterlandes (es tut mir leid, daß ich Ihnen vielleicht meine Schande gestehen muß) keinen Begriff, und sie scheint mir aufs höchste eine heroische Schwachheit, die ich recht gern entbehre." „Es wäre recht sebr zu wünschen, daß es in jedem Staate Männer geben möchte, die über die Vorurteile der Völkerschaft hinweg wären und genau wüßten, wo Patriotismus Tugend zu sein aufhöret."

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