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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1929-02-01 · 3 (1.2.1929) · p. Seite 34

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
5 (1929)
Issue
3 (1.2.1929)
Article
Zu Lessings Geburtstag
Date
1929-02-01
Page
Seite 34 (sequence 2)
Language
German
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34 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 3 die schöpferischen Werke und die Taten solcher Dumpfheit, und sehen nichts als Haß und Zwietracht zwischen Völkern und im Volke selbst durch sie auögeftreut. Da steht auf der anderen Seite der wache, helle und moderne Geist, Geist der Kritik, Geist der Erkenntnis, der kritischen, erkennenden Vernunft, und will die Welt bemeistern und gestalten. Aber seine Wirkung ist zersetzend, unfruchtbar, unschöpferisch, entseelend. Kaum daß man an die Möglichkeit noch glauben kann, daß dieser Geist der neuen Zeit, der kritisch helle, wache und erkennende, auch Frucht und Werk und Schöpfung zeugen kann. Und doch: Am Anfang dieser ganzen Zeit geschah es. Ein kritischer und rationaler Mensch wird Schöpfer und Dichter, und wird es gerade aus Erkenntnis und Kritik. Sein Name ist Gotthold Ephraim Lessing. Denn sein berühmtes Selbstbekenntnis besteht zu Recht: daß er seine dichterischen Werke einzig und allein der Kritik zu verdanken habe; man sage nichts gegen die Kritik. Er, kein Dichter, kein Genie, habe von der Kritik etwas erhalten, was dem Genie sehr nahe kommt; und wirklich: aus der kritischen Erkenntnis vom Wesen und Gesetz der Dichtung stieg ihm die Dichtung selbst, Minna von Barnhelm. Wer möchte ihr den Namen einer Dichtung weigern. Aus Menschenkenntnis, Lebenskenntnis, stiegen die menschlichen Gestalten, stieg das gestaltete Leben seiner Dramen, und Lessings kritische BefreiungStaten, weiterzeugend, halfen auch der Dichtung Goethes an den Tag. Das Wunder geschah. Das Beispiel einer genialen Kritik, einer schöpferischen Vernunft trat hier zum ersten Male in die Welt. Ein Mensch wird auf der höchsten Stufe geistiger Erkenntnisfreiheit: schaffend wie die dunkle und notwendige Natur und kehrt von hinten gleichsam in ihr verlorenes Paradies zurück. Ist es erlaubt, den Wunderquellen nachzugehen und das Geheimnis zu ergründen? Ganz offenbar: die Helle, kritische Vernunft speiste sich hier noch aus dunkleren Tiefen. Denn man übersieht in Lessing oft die dunklen und tiefen Abgründe unter dieser klaren, lichten Geistigkeit. Er war gewiß mehr als man wohl weiß, von dämonischen Kräften getrieben und besessen. Sie waren es, die ihn aus jeder bürgerlichen Lebensform so oft herauögetrieben haben. Ein Spieler von Passion, der gern, wie Goethe sagte, seine persönliche Würde wegwarf und sich in einem zerstreuten Wirtshausleben gefiel. Die damals noch ganz außerbürgerliche Welt des Theaters war eö, in der er sich am liebsten bewegte, und im Kriegslager des Generals von Tauentzen fühlte er sich in seinem Element. Er war der erste Schriftsteller, der den abenteuerlichen Mut besaß, ohne Amt und Beruf von seiner Feder zu leben, und um der Freiheit willen Unsicherheit und Not zu tragen. Aber mehr noch: er war ein Abenteuerer des Geistes. Denn so deute ich seine berühmten Worte: „Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen, immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte, und spräche zu mir: Wähle! Ich fiele ihm in Demut in seine Linke und sagte: Vater, gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für Dich allein!" Das sprach ein Geist, dem also der Weg mehr als das Ziel bedeutet und das Suchen mehr als das Finden. Für den der Aufbruch in unbekannte, dunkle Regionen lockendste Verführung war. Eine faustische Unruhe, ein nie zu stillender Erkenntnisdrang war in ihm. Er liebte es ja auch, der sicheren und satten Aufklärung die kühnsten und gewagtesten Hypothesen: von Seelenwanderung, göttlicher Erziehung des Menschengeschlechtes und Pantheismus entgegenzuschleudern. Der Dämon trieb ihn. Aber freilich, er wurde von oben her in Zucht genommen, Zucht des Verstandes und des Ethos, geprüft, gebändigt und beherrscht. Kein deutscher Mensch war so wie er in keinem Augenblicke rauschhaft taumelnd, und weniger empfindungsselig, schwärmend. Er duldete in seinem Werke und um sich kein halbes Dunkel, keinen Dämmerschein, keine Verwaschenheit und Verschwommenheit. Er war der immer ordnende und wissende, der kritische und skeptische Herr der Sinne, Meister des Gefühls, kühl, klar, besonnen, nüchtern, scharf, sachlich, streng, präzis, logisch, bestimmt, von einer intellektuellen Sauberkeit ohnegleichen. Die größte Deutlichkeit, sagte er einmal, war ihm immer die größte Schönheit; die möglichste Kürze der größte Wohlklang. Das ist der Preußengeift in ihm, der von Geburt kein Preuße war, der Geist, der ihm mit Friedrich und mit Kant gemeinsam ist, und er auch das antike Element in ihm darftellt, das ich so stark in ihm empfinde. Dem Preußentum und Antike: hier liegt ihr Berührungspunkt: in dieser zuchtvollen Bändigung der Dämonen, der streng beherrschten Haltung. Aus dem preußischen Geiste konnten die antiken Bauten Berlins, konnte der antike Bau des Philotas wachsen. Man wird diesen großen Menschen Lessing nur verstehen, wenn man überall auf solche Weise zwei Elemente in ihm gebunden sieht. Er war eine heldische Natur, dem der Kampf notwendigstes Lebensbedürfnis war. Er kämpfte in Einsamkeit und ohne Hilfe, nach allen Seiten hin, gegen alle Gewalthaber der Welt, ein Kämpfer ohne Gnade und Erbarmen. Er kämpfte gegen das eigene Schicksal, das ihm feindlich war. Der Tod des Freundes, Ewald v. Kleist, der Frau, des Kindes: nichts vermochte ihn zu brechen. Er wurde immer härter nur und heiterer in einem tiefsten Sinn. Er liebte und bewunderte denn auch das soldatische Heldentum Friedrichs des Großen und seiner Armee im Dienste der Ehre und des Vaterlandes, und er konnte einen Tellheim und Philotas schaffen. Aber wer zu hören weiß, der wird schon in Philotas hören können, daß nicht die kriegerische Ehre und nicht der sich zum Tode drängende Heroismus das letzte Wort in diesem Drama spricht, sondern dieses wird buchstäblich von jenem König gesprochen, der den Helden ohne Menschenliebe nicht begreift und vor der Leiche des durch eigene Starrheit getöteten Philotas, vom Rechte des Lebendigen erschüttert, nur noch den Sohn haben nröchte und dann nicht mehr König sein will: „Glaubt Ihr Menschen, daß man es nicht satt wird?!" Tellheim aber, der sich in seinem sittlichen Heroismus gegen jedes menschliche Gefühl verhärtet, und seiner preußischen Soldatenehre das Opfer der Liebe bringt,: er wird von Anmut, Grazie, Liebenswürdigkeit, Beweglichkeit der Frau besiegt. Minna von Barnhelm, diese wahrste Ausgeburt des siebenjährigen Krieges, wie Goethe sie nannte, ist über den Krieg hinaus in die Regionen ewiger Menschlichkett gewachsen, und gerade aus dem Kriege gebiert sich hier der Geist des Friedens. Die alte Welt versinkt mit ihren Ideologien und eine neue, schöne, heitere, lebendige steigt empor. Die Hamburger Dramaturgie bricht denn auch mit der versteinerten Tradition der dramatischen Ethik und schmilzt sie mit der Wärme eines menschlich fühlenden Herzens. Lessing verkündet ein neues Heldenideal. Nicht der stoisch über jedes Leid erhabene Mensch, der nur kalte Bewunderung erwecken kann, ist ihm der Held, sondern der leidensfähige Heros, mit dem man mitzuleiden vermag. Ja, der heldische Mensch: er darf in seinem

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