Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 3 (1.2.1929)
- Article
- Zu Lessings Geburtstag
- Date
- 1929-02-01
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
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36 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 3 ..IIIIIIIIIII.Illlllllllllll!.III.I.IIIIIIIIII1I1I.. S2 KUNST-GEWERBEHAUS Gefährliche und mißverständliche Worte. Aber Leffing durfte sie sprechen, weil niemand mehr als er ein Deutscher war und niemand mehr als er für Deutschland tat, und weil aus seiner Deutschheit gerade sein Weltbürgertum erwuchs. Vor diesem Geiste also brachen die Grenzen und Schranken zwischen Völkern und Religionen nieder, weil er in ihnen allen den einen, gleichen, ewigen Menschenkern ersah. Er liebte, wie es nur ein deutscher Dichter kann, die Fülle der Farben, Sitten und Gestalten, aber er erkannte doch in ihnen allen nur Verwandlungen und die Gewänder eines über Raum und Zeit erhabenen Menschentums. Sein Freimaurergespräch, Ernst und Falk genannt, erkennt wohl die, auch der vollkommensten Gesellschaft notwendige, Trennung der Staaten, Stände, Religionen an. Aber darum gerade ist ein Orden geistiger Menschen notwendig, der das Bewußtsein ihrer idealen Einheit in einer ewig menschlichen Gemeinschaft wach erhält. Nathan der Weise ist das. Hohe Lied der Duldsamkeit, der Eintracht und des Friedens zwischen Völkern und Religionen, die doch alle nur die Glieder einer Familie, Kinder eines Vaters sind. Dies Hohelied, sein drittes Evangelium, hat Lesiing also für das Theater geschaffen. Denn das Theater war seine Kanzel, und vom Theater, einem deutschen Nationaltheater, erhoffte er, daß es das deutsche Volk zur Menschlichkeit erziehe. Seine schöpferische Kritik: war eine Dramaturgie, das Beispiel seiner Lehre: war das Drama. Denn mußte nicht die Welt, die damals, heute noch, der Kampfplatz der zerriffenen, sich selbst zerreißenden Menschheit ist, ihm in der Form des Dramas vor der Seele stehen, dessen Wesen Kampf ist. Er selber wollte, mußte kämpfen,, um des Zieles der Versöhnung willen. Die Bühne war sein Kampfplatz, seine Welt, das Bild der Welt, Vorbild der Welt. Im Drama konnte er jene unerbittliche Folgerichtigkeit und Kausalität, jene eherne Notwendigkeit, in der es keinen Zufall, keine Willkür gibt, erschauen und gestalten, welche er als das göttliche Wesen der Welt verehrte, und um deretwillen er entsagend und ergebungsvoll den Stolz des sich frei dünkenden Menschen beugte. Daher denn diese eiserne Konstruktion seiner Dramen, in der ein Rad ins andere greift, die unentrinnbar wie der Lauf der Sterne ist. Aber das Drama war ihm auch der Schauplatz, auf dem der Kampf des freien, souveränen, DAITÄRM1 FIRMA CARL VOLKERT HOFLIEFERANT MÖNCHEN MAXIMILIRNSTR.41 Die alte Spezialfirma für die gepflegte Qualitätszigarre mündig gewordenen Menschen gegen die noch immer bestehende Willkür und Unvernunft menschlicher Institutionen in Staat und Kirche und Gesellschaft tobt, auf dem er selber für die Souveränität des Menschen gegen alle Unvernunft und Willkür kämpfen konnte. Denn jedes seiner Dramen ist mehr noch als ein Kunstwerk: eine kulturelle Tat, ein Kampf um Freiheit. Hier auf der Bühne stirbt Emilia Galotti für die Würde ihres Menschentums, das von gesetzlosem Despotismus bedroht wird. Hier auf der Bühne vollzieht sich jener Sieg der Liebe über allen KriegSgeift in dem Siege Minnas über Tellheim. Hier auf der Bühne erklingt das Hohelied der Menschlichkeit im Nathan. Es war das Theater, dem er diese Sendung zusprach, den deutschen Menschen und das deutsche Leben zu verwandeln. In dem Entwurf einer Vorrede zu Nathan dem Weisen, schrieb Leffing: „Noch kenne ich keinen Ort in Deutschland, wo dieses Stück schon jetzt aufgeführt werden könnte; aber Heil und Glück dem, wo es zuerst aufgeführt wird." Der Ort, der diesen Segen Lessings für sich in Anspruch nehmen darf, ist Berlin. Aber mit der Aufführung ist es nicht getan, und die Sendung Lessings hat sich auch durch seinen Nathan nicht erfüllt. Denn das war Lessings heißestes Verlangen, daß sein dramatisches Spiel zur Wirklichkeit werde, und so möchte ich mit einer Verwandlung des Lessingschen Segensspruches enden und sagen: Heil und Glück dem Volke, in dem sich der Geist Lessings, der Geist der Wahrheit, Freiheit und Menschlichkeit zum ersten Male ganz verwirklichen wird. Möge es das deutsche Volk sein! 5lus dem Reiche Chronik Am Sonntag, den 13. Januar 1929, trat in Leipzig die Arbeitsgemeinschaft der Landesverbände des Deutschen Reiches zu einer Tagung zusammen. Empfohlen wurde den Landesverbänden aus Grund übereinstimmenden Beschlusses (da verbindliche Beschlüsse nicht gefaßt werden können) die Errichtung eines Fursorgeerziehungsheimes des Deutschen Jüdischen Gemeindebundes in Wolgow und Unterstützung desselben durch die Landesverbände, Unterstützung des finanziell bedrohten Gesamtarchivs der deutschen Juden, Beschickung der vom preußischen Verband einberufenen Konferenz über die Bekämpfung der Mischehen durch die anderen Verbände. Besprochen wurden ferner Fragen der Sonntagsruhe, der Reichssteuergesetze, des Schulwesens, des Schächtschutzes und der Strafgesetzreform. Eine ausführliche Denkschrift über die Erhaltung der jüdischen Kunstdenkmäler wird den Mitgliedern der Reichsarbeitsgemeinschaft durch den bayerischen Verband zugestellt werden. — 18. Januar 1929: Der Zentralverband jüdischer Handwerker Deutschlands übergab der Öffentlichkeit einen Entwurf eines Exposes über einen Weltoerband jüdischer Handwerker. Die gemeinsame Not und die gemeinsamen Sorgen der jüdischen Handwerker der verschiedenen Länder lassen den Zusammenschluß der Handwerkerorganisationen zu einem Weltverband notwendig erscheinen. — 22. Januar 1929: Die Repräsentantenversammlung der Berliner jüdischen Gemeinde hat beschlossen, an der Hebräischen Universität in Jerusalem einen Lehrstuhl zu errichten. Welcher Wissenschaft dieser Lehrstuhl dienen soll, steht noch nicht fest. — Dem Sächsischen Landtag ist ein Gesetzentwurf über die öffentlich-rechtlichen Religionsgesellschaften zugegangen, nach welchem auch der Sächsische Israelitische Gemeindeverband eine Körperschaft des öffentlichen Rechts werden soll. Mitte Januar fand der K.C.-Tag (Kartell-Konvent der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens) in Königsberg statt.