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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-12-01 · 23 (1.12.1928) · p. Seite 364

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
23 (1.12.1928)
Article
Über das Siedlungsproblem
Date
1928-12-01
Page
Seite 364 (sequence 3)
Language
German
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364 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 23 gültig, ob Sie diese Begründung unserer Legitimation gelten lassen oder nicht. Denn es handelt sich einfach darum, daß wir den Willen haben, das Judentum in Deutschland, auf deuftcher Erde zu erhalten, und daß wir einen Weg sehen, der dazu führt. Hiergegen gäbe es nur einen zwingenden Einwand, nämlich den: es gibt keinen Weg, wir müssen die Dinge gehen lassen, wie sie gehen. Aber das glauben wir nicht. Wir müßten es glauben, wenn die Erscheinungen, die ich Ihnen gezeigt habe, zurückgehen würden auf mangelnden Willen, zu anderer Berufsausübung üüerzugehen, oder auf mangelnde Eignung. Das ist aber nicht der Fall. Die Ursache unserer heutigen Berufsgliederung ist eine historische, denn diese Berufsgliederung ist in Wchirheit eine Nachwirkung des Ghettos. Das klingt sehr eigentümlich. Man könnte meinen, es fei ein Vorzug, ein Ergebnis einer besonders hochstehenden Entwicklung, daß wir gerade geistigen Berufen und dem Handel angehören. Wenn Sie aber historisch denken wollen, so wird Ihnen klar werden, daß der Jude jahrhundertelang vom Grunderwerb und Handwerk infolge der Zunftbestimmungen ausgeschlossen war und daß hierin die Ursache liegt für das Ergreifen der Berufe, die allein übriggeblieben sind. Deshalb ist unsere heutige Berufsgliederung die Erscheinung eines Überrestes des Ghettos, nicht etwa die Folge einer von Natur vorhandenen mangelnden Eignung. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die jüdische Bevölkerung genau so gut in der Lage ist, den gleichen Prozentsatz von Mitbürgern zum Handwerk und zur Landwirtschaft zu stellen, wie die christliche. Uns vom jüdischen Frontbund liegt es nahe, uns mit der körperlichen Ertüchtigung der Jugend zu beschäftigen und nach den Erfahrungen, die hier gemacht wurden, können wir sagen, daß die Eignung der Juden zu körperlicher Tätigkeit an sich besteht und noch gehoben werden kann. Ein Blick aus die anderen Länder der Welt beweist das ebenfalls. Sie wissen, daß in anderen Ländern die Juden Landwirtschaft treiben, im Osten auch Handwerk. Also ist auch die heutige Berufsgliederung in Deutschland keine Notwendigkeit, die im Charakter der Juden begründet wäre. Wir müssen nur den Willen haben, uns neue Berufe zu erschließen, und diesen Willen bringen wir mit. Diesen Willen wünschen wir aber auch bei den großen Vertretungen der Judenheit zu schaffen und zu vertiefen. Das große Ziel dieses Willens kann nichts anderes sein als eine allmähliche Berufsumschichtung. Die Siedlungsfrage ist nur ein Teilgebiet aus diesem Komplex, ein einzelnes Problem aus der allgemeinen Frage der Umschichtung. Hier liegt ein Einwand außerordentlich nahe. Man wird sagen: das ist nicht möglich, wir können unsere Berufe nicht verlassen, wir können nicht aufs Land gehen und Bauern werden. Das sollen Sie auch nicht. Wenn ich entsprechend der Aufforderung des Herrn Präsidenten Ihres Rates hier über die Siedlungsfrage spreche, so geschieht dies auch, um den Irrtum zu zerstreuen, als ob der Reichsbund etwa diejenigen, die heute Beruf und Existenz haben, aus diesen Berufen herausreißen und mit ihnen auf dem Lande Experimente machen wollte. Wir wollen keine Experimente machen. Wir würden einen Versuch mit Personen, die eine gefestigte andere Existenz bereits besitzen, für gefährlich und auch für unnötig halten. Wir wollen noch nicht einmal heute neue jüdische Landwirte sofort ausbilden, sondern zunächst an das anknüpfen, was bereits besteht. Es bestehen aber zwei Tatsachen. Die eine ist die, daß eine Reihe junger jüdischer Menschen tatsächlich landwirtschaftlich ausgebildet ist, aber keine Möglichkeit hat, sich in der Landwirtschaft zu betätigen. Diese jungen Leute können in der Landwirtschaft nicht Unterkommen, indem sie sich ein Gut kaufen, weil ihnen hierzu das Geld fehlt. Aber sie können auch nicht als landwirtschaftliche Beamte und Arbeiter angestellt werden, weil hier das antisemitische Vorurteil im Wege steht. Dieses Vorurteil ist hier noch größer als sonst irgendwo. Es ist deshalb eine dringende Aufgabe, diesen jungen jüdischen Leuten zu helfen entweder zu Stellungen oder zur Ansiedelung. Die andere Tatsache ist, daß es eine Anzahl von jüdischen Bauernstellen gibt, die dem Verfall entgegensehen. Diese Stellen können vor dem Verfall bewahrt und durch Unterstützung wieder voll brauchbar gemacht werden. Das ist das, was zunächst unbedingt geschehen könnte. Hiergegen kann man nicht sagen, es handle sich um eine Utopie oder um ein Experiment. Beides liegt dem Frontbund fern. Er will zunächst diejenigen landwirtschaftlichen Kräfte unterstützen und stärken, die wir in der jüdischen Bevölkerung bereits haben, so daß diese Juden nicht auch noch in die Großstadt abwandern und dort den an sich übergroßen Zuzug vermehren. Wenn ich Ihnen aber sagte, diese Aufgabe könne nur ein Teil sein aus einer allgemeinen Berufsumschichtung, so möchte ich hier nachdrücklich hervorheben, daß in gleicher Weise auch handwerkliche Kräfte gestützt und gefördert werden müssen. Erst das weitere Ziel wäre die eigentliche Siedlung. Sie setzt voraus, daß vorher jenes erste Ziel erledigt ist, daß die bestehenden landwirtschaftlichen Kräfte gefestigt sind und daß sie überhaupt erfaßt sind. In der von unserem Kameraden Dr. Franz Gutmann verfaßten Denkschrift, die wir Ihnen vorzulegen uns gestattet haben, haben wir Ihnen oorgefchlagen, daß in unserem Siedlungsausschuß Herren Ihrer Organe vertreten sein sollen zu dem Zwecke, um zunächst einmal in Bayern die in der Landwirtschaft tättgen Personen zu erfassen. Um praktische Arbeit leisten zu können, wollen wir zunächst davon ausgehen, was ist. Dann soll die weitere Aufgabe des Siedlungsausschusses sein, die bestehenden Güter zu erhalten und zu vergrößern und Vorsorge zu treffen, für das Fortkommen der in der Landwirtschaft tätigen Personen. In ähnlicher Weise soll ein Handwerkerausschuß gebildet und tätig werden. Das ist die Mitarbeit, die wir von Ihnen zunächst erbitten. Das weitere Ziel der eigentlichen Siedlung könnte in verschiedenen Formen erstrebt werden. Wir denken an Gruppensiedlungen, die darin bestehen, daß eine Gruppe geeigneter Anwärter geschlossen angesiedelt wird. Wir denken ferner an die Erwerbung eines Lehrgutes, das neue geeignete Anwärter für die Landwirtschaft ausbildet und das dann nach einem der bekannten Systeme auf diese Anwärter aufgeteilt wird. Was wir von Ihnen erbitten, ist also zunächst Ihre Mitwirkung bei der Arbeit, dann aber freilich auch Ihre finanzielle Mitwirkung. Ich habe mich bereits namens des Frontbundes bedankt für die Beihilfe, die Sie heute beschlossen haben. Ich darf mir auch erlauben zu sagen, daß nicht nur der Frontbund Ihnen dankt, wenn Sie diese Tätigkeit unterstützen, sondern die jüdische Allgemeinheit; denn wir haben uns ja nur in die Bresche gestellt, weil die deutsche Judenheit diese Angelegenheit nicht in die Hand genommen hat. Sie selbst sind eigentlich diejenigen, die es angeht; denn es handelt sich auch nicht, wie gelegentlich irrig gesagt wurde, um besondere Interessen jüdischer Kriegsteilnehmer, sondern um eine Angelegenheit der Juden in Deutschland. Wenn Sie als Organ des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden die Bayern che Vereinsbank Niederlassungen an allen größeren Plätzen Bayerns rechts des Rheins O </l c > -C o o x Gold-pfandvrief f$i " js panjj aaj g ©ramm jttagoU - im eoiämtf. C: 3 O- <0 o er CD individuelle Beratung in allen Vermögensangelegenheiten

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