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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-12-01 · 23 (1.12.1928) · p. Seite 365

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
23 (1.12.1928)
Article
Über das Siedlungsproblem
Date
1928-12-01
Page
Seite 365 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 23 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 365 Aufgabe haben, die jüdischen Angelegenheiten in Bayern zu führen, dann ist die Sache, die ich Ihnen hier vortrage, Ihre und nicht unsere unmittelbare Angelegenheit. Deshalb darf ich mir erlauben zu sagen, daß auf die Dauer die Summe, die Sie für den Anfang bewilligt haben, selbstverständlich wohl nicht ausreichen wird. Wir haben nicht die Absicht, im Augenblick von Ihnen einen größeren Beitrag für uns zu erbitten. Das, was wir erbitten, ist die Bereitstellung: Sie selbst sollen über die Verwendung der Mittel verfügen. Indem ich dies ausspreche, komme ich mir freilich vor, wie wenn ich nach der Urteilsverkündung plädieren wollte. Denn Sie haben Ihre Entschließungen zur Sache für dieses Jahr gefaßt. Aber da ich die Erlaubnis habe, hier über diese Dinge, zu sprechen, so darf ich doch sagen: Wenn Sie in der Siedlungsfrage wirklich und nachhaltig etwas tun wollen, dann wird es nötig fein, daß Sie alljährlich in Ihrem Etat einen entsprechenden Beitrag bereitstellen. Dafür, daß dieser Betrag nicht verexperimentiert wird, sind Sie selbst Bürge, da wir Sie bitten, in den Siedlungsausschuß einzutreten und hier selbst die Verwendung der Mittel mit zu überwachen. Was ich Ihnen heute vor Augen führen wollte, ist lediglich die Notwendigkeit und Dringlichkeit der Sache. Die Notwendigkeit habe ich gezeigt durch Aufzählung gegebener Tatsachen, die Dringlichkeit aber versteht sich für den historisch Denkenden von selbst. Gewiß arbeitet die Geschichte nicht in einzelnen Jahren. Im nächsten Jahre wird die Judenheit in Deutschland sicherlich noch nicht ausgestorben sein. Aber wenn Sie wirklich etwas tun wollen, um der von mir heute gezeichneten Entwicklung entgegenzuarbeiten, dann werden Sie heute anfangen müssen. Ich bitte Sie also ernstlich zu erwägen, ob Sie nicht unserer Bitte entsprechend alljährlich einen größeren Betrag für Siedlungszwecke in Ihren Etat einfetzen wollen. Wenn Sie das tun, dann werden Sie von allen Ihren Aufgaben die allerwichtigste erfüllen. Denn wenn Sie es nicht tun, dann wird in einer vorauszusenhenden Zeit für Sie keine Möglichkeit mehr bestehen, sich über die Frage einer Rabbinatsbezirksordnung zu unterhalten, weil es nämlich eine jüdische Bevölkerung in Deutschland nicht mehr geben wird: Aus diesem Grunde glaube ich, daß es nicht unbescheiden ist, wenn ich Sie bitte, diesem Fragenkompler Ihre eingehende Aufmerksamkeit zuzuwenden und Ihre Mitarbeit und Ihre finanzielle Unterstützung für die Sache zur Verfügung zu stellen. Wenn Sie das tun, werden Sie mehr als mit irgendetwas anderem Mitwirken an der Erhaltung des Judentums in Deutschland. Wol)in? Beiträge zur Frage der wirtschaftlichen Umschichtung im deutschen Judentum Von vr. irrr. Herrmann I. Stein (Berlin-Friedenau) Die neuzeitliche Entwicklung der Wirtschaft führt zur Konzentration. Durch die immer ausgedehntere Konzernbildung und Kartellierung, durch die immer größere Verbreitung und Bedeutung des Genossenschaftswesens, der Einkaufs- und Verkaufsverbände, der Warenhäuser und der Konsumvereine, so auch durch die fortschreitende Verstaatlichung bzw. Kommunalisierung von Unternehmen wird der selbständige Vermittler zwischen Erzeuger und Verbraucher, der Kaufmann, aus dem Handel immer mehr und systematischer verdrängt. In der Nachkriegszeit, namentlich infolge der Inflation und unter dem Drucke der Daweslasten hat diese Tendenz ein erschreckendes Ausmaß und Tempo angenommen und droht, den Mittelstand gänzlich zu vernichten. Als unabwendbare Folge dieser Entwicklung wächst auch die Abwanderung des Mittelstandes aus der Provinz in die Großstädte in bedrohlichem Maße und die Einordnung dieser Massen in andere Berufe, die Erleichterung und Regelung dieser zwangsläufigen Umschichtung wälzt auf Staat und Kommunen endlose Schwierigkeiten, bietet den Wirtschaftlern schier unlösbare Probleme. Dabei hat es der nichtjüdifche Mittelstand, der nur zum Teil aus Kaufleuten besteht, noch verhältnismäßig leichü Dem Übergang der älteren Generation in die neue Etappe der Wirtschaftsentwicklung, der Einordnung in die Konzerne und Konsumvereine als nicht selbständiges Glied, als Beamte derselben, steht in der Regel nichts in dem Wege, ebensowenig wie dem Umsatteln zum Staats-, Kommunal- und sonstigen Beamten. Der jüngeren Generation steht der Weg offen zu den beiden am wenigen betroffenen und gesund gebliebenen Ständen, zum Bauerntum und zum Handwerk. Und auch der letzte Ausweg, die eigentliche Proletarisierung zum Fabrikarbeiter führt für die meisten über nur werstge, leicht zu überwindende äußere und innere Hemmungen. Die Erfahrung hat gezeigt, daß auch das weibliche Geschlecht diese Wege ohne große Erschütterungen gehen Und, was vielleicht noch wichtiger ist, der nichtjüdifche Mittelstand steht seiner Tragödie gegenüber nicht blind und untätig gegenüber, er verharrt nicht in stolzem Groll und resigniertem Gehenlassen, sondern ist bestrebt, die Lage zu erkennen und zu meistern, sich auf die unvermeidliche Umschichtung vorzubereiten und diese bewußt durchzusühren. Vereine, Verbände, ganze Bewegungen wachsen aus dem Boden und dienen der Aufklärung und Vorbereitung sowohl der abzuleitenden Massen als der Schichten, die sie aufnehmen sollen. In weit größerem Maße wurde von dieser Verdrängung aus dem Handel der jüdische Mittelstand betroffen, der ja leider fast nur aus Kaufleuten und Händlern besteht. Seine massenhafte Abwanderung aus der Provinz, feine immer größere und gefahrdrohendere Zusammenballung in den Großstädten wird durch keine gesunden wirtschaftlichen Kanäle gelockert, geregelt und verteilt. Wohin mit diesem unaufhaltbaren Strom? Die ältere Generation steckt so sehr in ihren Berufen, ist so stark damit verknüpft, daß sie sich zumeist nicht umstellen kann, ohne wirtschaftlich und seelisch erschüttert zu werden. Sie muß schon im Handel bleiben und, wenn auch schwankend, immer mehr in die Enge getrieben, immer weniger Boden unter den Füßen fühlend, muß die ältere Generation weitervegetieren und die letzten Reste der einstigen Substanz verzehren. Und wohin sollte sie? Zum Beamtentum wird sie in der Praxis nicht oder nur sehr selten zugelassen, zum Erlernen eines neuen Berufes ist es zu spät und die Hemmungen der Vorurteile und Rücksichten zu groß. Aber die Kinder dieser entwurzelten Eltern, die jüdische Jugend — das deutsche Judentum von morgen — wohin soll s i e? Cs gibt nur einen Weg — zu den handwerklichen Berufen. Aber die gewaltige Mehrheit der jüdischen Jugend kann nicht zur Arbeit übergehen, es fehlt jede seelische Vorbereitung dazu. Die jüdische Jugend hält sich für „viel zu gut dazu", sie ist vergiftet mit den Vorurteilen der Eltern, sie hat keinen klaren, ungetrübten Blick für die zwangsläufige Tendenz der Zeit. Und die wenigen, die ihre verzweifelte Lage erkennen, die „arbeiten" wollen, müssen an dem geschlossenen Widerstand der gelernten Arbeiter scheitern, denn Arbeit muß gelernt sein, von der Pike auf. Man bleibt also in diesem verzauberten Kreis, man bleibt „Kaufmann" und vegetiert als Agent, Hausierer, Reisender, Vertreter; man macht sich sogar „selbständig" und treibt sich im ganzen Lande herum mit einem „Wandergewerbe", man „handelt" in Tornischen und an Straßenecken mit Schnürsenkeln, Schlipshaltern, Strümpfen, Fleckseifen und unzähligen anderen „Artikeln". Man könnte Bände füllen mit diesen neuen „Berufen": die paar Beispiele mögen genügen zur Schilderung des Elends, zur Andeutung der seelischen und körperlichen Verheerung, die diese wirtschaftliche Auswegslofigkeit zur Folge haben muß. Man heiratet sogar in diesen „Berufen", zeugt Kinder und das Elend wächst und gedeiht. Und die noch nicht verelendet sind, wer wird sie davor zurückhalten? Und wenn alle Stricke reißen, werden die Gemeinden und Zedokoh-Jnstitutionen abgeschnorrt. Welch ungeheuere Summen von Gemeinde- und privaten Geldern werden geopfert zur Stillung des Hungers, zur mometanen Linderung der Not, die man vermeiden könnte, vermeiden muß? Welche Unsummen werden dem verzweifelten Herumreisen und Herumsuchen in den Rachen geworfen? Und wie unproduktiv, ohne bleibenden Nutzen, ohne „Zinsen", weil nicht zur produktiven Arbeit erziehend, weil keine gesunde ökonomische und seelische Basis schaffend. Sollte es uns Wunder nehmen, wenn — in diesen dunklen Sackgassen ohne Ausweg, die ein Teil unserer Jugend heute schon füllt und der andere Teil morgen wird füllen müssen, in dieser Ver-

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