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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-12-01 · 23 (1.12.1928) · p. Seite 363

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
23 (1.12.1928)
Article
Über das Siedlungsproblem
Date
1928-12-01
Page
Seite 363 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 23 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 363 schließungen von selbst fallen. Die Tagesordnung und der Gang der Verhandlungen haben es mit sich gebracht, daß Sie heute schon eine Entschließung zur Siedelungsfrage gefaßt haben, indem Sie den Betrag für diese Zwecke von RM. 5000.— auf RM. 8000.— erhöht haben. Ich danke Ihnen für diesen Beschluß, aber ich darf wohl sagen, daß es gleichwohl nicht unnötig ist, die grundsätzlichen Voraussetzungen dieser Frage hier zu erörtern. Die Tatsachen, von denen ich spreche, sind einige wenige, aber sie sind von außerordentlicher Wichtigkeit. Die erste Tatsache ist, daß 90 Prozent der deutschen Juden heute in den Großstädten leben. Das ist Ihnen nichts Neues. Aber es ist wichtig, die Zahlen im einzelnen ein wenig zu beleuchten und sich darüber klar zu werden, was sie bedeuten. Ich darf zunächst die oben genannte Zahl vergleichen mit den entsprechenden Verhältnissen der Gesamtbevölkerung. Dabei ergibt sich folgendes: Im Jahre 1900 lebten von der Gesamtbevölkerung Deutschlands in 33 Großstädten 16 Prozent, im Jahre 1925 lebten in 46 Großstädten 26 Prozent der Gesamtbevölkerung. Es besteht also allgemein die Tatsache, daß in einem Vierteljahrhundert die Bevölkerung in den Großstädten sich von 16 auf 26 Prozent erhöht hat. Wenn Sie damit vergleichen wollen, wie es sich bei der jüdischen Bevölkerung verhält, so kann ich Ihnen folgende Zahlen geben: Im Jahre 1910 lebten von den Katholiken und Protestanten ungefähr je die Hälfte auf dem Lande und in der Stadt. Von den Juden dagegen lebten 87,3 Prozent in der Stadt. In Bayern im besonderen ergibt sich folgendes Verhältnis: 1925 lebten in den Großstädten 22 Prozent der Gesamtbevölkerung, aber 55 Prozent der jüdischen Bevölkerung. Hier besteht also augenscheinlich eine große Differenz. Der allgemeine Zug in die Großstadt ist um ein Vielfaches stärker bei den Juden als bei der nichtjüdischen Bevölkerung. Es interessiert Sie vielleicht, zum Vergleich Zahlen des Auslandes zu hören: 1900 lebten in Rußland von der jüdischen Bevölkerung 48 Prozent in den Städten, in Galizien 34 Prozent, in Dänemark 94 Prozent. Diese eine Tatsache der außerordentlich starken Konzentration der jüdischen Bevölkerung in den Großstädten bitte ich festzuhalten. Es handelt sich hierbei nämlich nicht nur um die örtliche Konzentration; denn die Folge dieser örtlichen Konzentration ist die Berufsgliederung. Sie ist die z w e i t e wichtige Tatsache. Auch sie ist Ihnen bekannt. Sie wissen, daß die deutschen Juden im wesentlichen dem Handel und den geistigen Berufen angehören, daß dagegen das Handwerk und die Landwirtschaft nur einen kleinen Prozentsatz umfassen. Auch dafür möchte ich Ihnen einige Zahlen geben: Im Jahre 1907 haben von der Gesamtbevölkerung Deutschlands in der Landwirtschaft 28,-7 Prozent Beschäftigung gefunden, von der jüdischen Bevölkerung 1 Prozent. Dagegen wissen Sie, daß der Anteil der Juden an den geistigen Berufen ungeheuer viel größer ist. In der gleichen Zeit haben die Juden 10,2 Prozent der deutschen Ärzte gestellt. Die dritte Tatsache ist der Komplex der Folgen, die sich aus der Berufsgliederung ergeben. Sie wissen alle, daß unsere Feinde aus der Berufsgliederung der Juden sogar einen Vorwurf ableiten wollen. Es wird behauptet, der Jude scheue sich vor körperlicher Arbeit, neige zu mühelosem Gewinn. Ich beabsichtige nicht, das Problem unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten, weil es mir nicht richtig erscheint, unsere jüdischen Probleme immer nur aus dem Gesichtswinkel des Antisemitismus zu erörtern. Gleichwohl möchte ich den Vorwurf, der uns aus der Tatsache unserer Berufsgliederung gemacht wird, kurz erledigen. Zunächst ist gar nicht richtig, daß es sich bei unserer Berufsgliederung um Neigung handle. Sie erklärt sich nicht aus unseren Neigungen, sondern aus historischen Ursachen. Es ist aber auch nicht richtig, daß die Berufe, die von den Juden tatsächlich ausgeübt werden, müheloser seien, als andere. Leider ist aber auch der Rest des Vorwurfs nicht zutreffend: Unsere Berufe sind gar nicht in dem Maße gewinnbringend, wie unsere Gegner behaupten. Es ist gar nicht fo, daß die Art unserer Berufsgliederung dazu führt, daß die wirtschaftliche Stellung der Juden so viel besser sei, als die der christlichen Bevölkerung. Wichtiger als dieser unbegründete Vorwurf ist für uns die Wirkung der drei Tatsachen, die ich angegeben habe. Sie ist zunächst eine Wirkung aus die Nervenverfass ung. Sie wissen alle, daß das Leben in den Großstädten an das Nervensystem höhere Anforderungen stellt als die Berufe des Handwerks und der Landwirtschaft. Ich möchte Ihnen hier eine besonders sprechende Zahl nennen, nämlich die Selbstmordziffer. Sie beleuchtet die Nervenverfassung der Juden und zugleich die Behauptung, daß die jüdische Bevölkerung sich in wirtschaftlich sehr viel besserer Lage befände als die Nichtjuden. Bei den Juden ist nämlich eine viel größere Zahl von Selbstmorden zu verzeichnen als bei den Nichtjuden. Im Jahre 1925 fielen auf 100 000 Seelen der preußischen Bevölkerung bei den Protestanten 27 Selbstmorde, bei den Katholiken 13, bei den Juden 53. Ich glaube, daß es kein kühner Schluß ist, wenn man sagt, daß ein notwendiger Zusammenhang besteht zwischen dieser Zahl und der Tatsache der Konzentration in Großstädten und der einseitigen Beschäftigung in Handel und geistigen Berufen. Damit Hand in Hand aber geht eine weitere außerordentlich unerfreuliche Folge. Ich möchte sie als wirtschaftliche Zermürbung bezeichnen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß der Handeltreibende nicht notwendig wirtschaftlich besser gestellt sein muß als andere. Sie wissen, aber auch, daß die freien Berufe heute in wirtschaftlicher Not sind und das dasselbe ganz besonders von den Handelsangestellten gilt, zu denen die jüdische Bevölkerung ein großes Kontingent stellt. Vielleicht ist Ihnen aber nicht gegenwärtig, daß die große Berussklasse der jüdischen Handelsangestellten einer vollkommenen Proletarisierung entgegengeht. Wer in einer Großstadt lebt und fast täglich sieht, daß so und so viele jüdische Angestellte vergeblich Stellung suchen, der weiß, daß diese Proletarisierung heute zum großen Teil tatsächlich schon besteht. Dazu kommt eine weitere wesentliche Folgeerscheinung der drei angeführten Tatsachen, der Geburtenrückgang. Auch das ist nichts Neues; diese Tatsachen sind vor Jahrzehnten sestgestellt worden. In Deutschland ist der Geburtenrückgang bei den Juden weit größer als bei den Nichtjuden. In der Zeit von 1822 bis 1908 sind bei 1000 Christen die Geburten von 40,01 auf 35,46 gesunken. Das ist ein gewisses Sinken, aber wie Sie ohne weiteres sehen, ein Sinken nur um ein Achtel. Bei den Juden sinkt die Zahl der Geburten im gleichen Zeitraum bei 1000 Seelen von 35,46 auf 17,45, das ist auf die Hälfte. Diese Zahlen allein sagen Ihnen mehr, als jede Erläuterung und jede rednerische Verstärkung sagen könnte. Es kommt nun aber nicht auf die absoluten Zahlen an, sondern aus den Geburten ü b e r sch u ß. In Bayern betrug in der Zeit von 1906 bis 1909 der Geburtenüberschuß bei 1000 Personen im Durchschnitt der Gesamtbevölkerung 15,17; bei den Juden aber trifft auf 1000 Seelen im gleichen Zeitraum ein Geburtenüberschuß von 3,39, also von nur einem Fünftel des Überschusses der Gefamtbeoölkerung. Um klarzumachen, was diese Zahlen bedeuten, darf ich vielleicht einen Blick auf das Ausland werfen, insbesondere auf Frankreich, wo die Verhältnisse am schlimmsten liegen. In Frankreich treffen auf etwa 1000 Seelen 17 Geburten. Auf 1000 Berliner Juden aber treffen nur 10 Geburten. Schon aus Grund dieser Zahlen ist klar, daß hier eine Tatsache vorliegt, vor der die jüdischen Organisationen das Auge nicht verschließen können. Die Tatsache besteht feit langem und verschärft sich immer mehr; wenn nichts geschieht und wenn nicht der Versuch gemacht wird, die Dinge grundlegend zu ändern, so ist der Untergang des Judentums in Deutschland unvermeidlich. Es ist keine Möglichkeit zu sehen, wie hier von selbst eine Änderung eintreten soll. Vor diesem Tatsachenkomplex, der längst kein Geheimnis ist, standen wir jüdischen Frontsoldaten, als wir aus dem Felde kamen. Als wir uns dieser Dinge allmählich bewußt wurden, sagten wir uns: Wir sind nicht der Meinung, daß es richtig ist, hier zuzusehen, es muß ein Weg gesucht werden, um dies zu ändern. Wenn wir aber der Überzeugung sind, daß letzten Endes die Berufsgliederung mit ihren Folgen die Ursache dieser betrüblichen Erscheinung ist, dann müssen wir den Versuch machen, an dieser Berufsgliederung etwas zu ändern. Und wenn Sie fragen, mit welchem Rechte gerade der jüdische Frontbund hier eingreisen will, so dürfen wir Ihnen sagen, daß wir uns besonders berufen fühlen, für uns Juden das Anrecht auf deutschen Boden geltend zu machen. Es ist aber gleich- ..lllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllttlllllllllilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllHIUN^ MKUNST-GEWERBEHAUS S5TS

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