Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 20 (15.10.1928)
- Article
- Zum Problem des jüdischen Witzes
- Date
- 1928-10-15
- Page
- Seite 315 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 315 könne damit bis „morgen früh in Preßburg sein", und die Antwort bekommt: „Was soll ich morgen früh in Preßburg?", so ist dies ein typisches Beispiel: der Verkäufer meinte es formal, der Käufer hat aber „Hagupha" gelernt. Eine weitere Eigentümlichkeit des talmudischenDenkens hat man als „Pilpul" oder in späterer Zeit als „Chilluk" bezeichnet. Es handelt sich um eine logische Bewegung, die vollkommen Selbstzweck geworden ist und über das eigene Denkziel mit kreisendem Schwung hinauöschießt. Sie wurde auch ganz bewußt ausgeführt, - „um die Schüler zu schärfen". Zahlreiche jüdische Witze künden noch heute von ihr: etwa der vom Heiratsvermittler, welcher dem Bräutigam den Silberschrank der Zukünftigen zeigt, und auf die mißtrauische Frage, ob die Sachen nicht geliehen seien, mit überschießender Dialektik antwortet: „Wer wird den Leuten borgen?" Hier hat sich die Logik zwar selbst in den Schwanz gebissen und ihre eigentliche Aufgabe verfehlt, zugleich aber den wahren Tatbestand enthüllt und damit jene, manchmal gewiß unbewußte Ehrlichkeit bewährt, die der Denkleidenschaft des Pilpul gleichfalls zugrunde liegt und die uns schon zu einigen inhaltlichen Merkmalen des jüdischen Witzes hinüberleitet. III. Wie der jüdische Witz im Formalen mancherlei historische Denkmäler bewahrt hat, die das Bewußtsein des Emanzipationsjuden nicht ungern verdrängt hätte, obwohl eö keinerlei Grund gibt, sich ihrer zu schämen, so hat er im Inhaltlichen die LeideSspuren einer Geschichtsepoche uns vererbt, an deren endgültige Vergangenheit wir gerne glauben möchten: der Epoche des jüdischen Mittelalters. Nähere Untersuchungen darüber, wann der jüdische Witz in seiner charakteristischen Form eigentlich entstanden ist, liegen meines Wissens noch nicht vor: aber selbst wenn er neueren Datums sein sollte, stammt er doch noch aus dem jüdischen Mittelalter, das ja nicht um 1500 zu Ende geht, wie das der Umwelt, sondern um 1800. Vielleicht ist er aber wirklich in der letzten Zeit dieser Epoche entstanden, da sie sich, kurz vor dem Zusammenstoß mit dem Außen, ihrer selbst und ihres Anachronismus bewußt wurde. Wie dem auch sei — und eine nähere Untersuchung lohnt! — jedenfalls ist dies jüdische Mittelalter durchaus von dem Fehlen einer normalem und gesunden jüdischen öffentlichen Meinung mit beherrscht. Ich habe im Buberheft des „Juden" darzulegen gesucht, welche Ersatzformen sich der Ausdruckstrieb der öffentlichen Meinung geschaffen hat: in Gebet und Dichtung, in Predigt und jüdischer Wissenschaft, und unter anderem auch im jüdischen Witz. Hier sei nun etwas näher ausgeführt, inwiefern dies letzte zutrifft. Jede öffentliche Meinung hat zwei Fronten: eine nach außen und eine nach innen. Ganz so ergeht eS dem jüdischen Witz als ihrem Stellvertreter. Nach außen ist ihm die Aufgabe der Abwehr gesetzt, nach innen die der Selbstkritik. Beide vollziehen sich in überspitzter Form, gerade weil ihnen die Kontrolle der Öffentlichkeit fehlt. Dieser Typus von Witzen ist es denn auch, der heute in unseren eigenen Kreisen als unangenehm empfunden wird. Nicht ganz zu Unrecht, denn unsere freiere Stellung zu und in den Völkern ermöglicht uns eine innerlich freiere Stellungnahme nach außen und innen, als dies vorher möglich war; doch auch nicht ganz zu Recht, denn das schwindende jüdische Selbftbewußtsein kann uns wieder nehmen, was uns die Gleichberechtigung gab. So werden wir gut tun, auch den jüdischen Witz dieser Art ohne Affekte als historische Erscheinung verstehen zu lernen. Die Abwehr-Witze gegen den Nichtjuden geben im allgemeinen diejenige Stimmung wieder, die Purim, als einzigen unserer Fest- und Gedenktage, beherrscht oder doch früher beherrscht hat: die Stimmung des naiven Ressentiment. Am Purim reagieren wir auf die Tatsache des Judenhasses wie die Völker der Welt: am Neunten des Aw wie Israel. Aber dieser und nicht jenes beherrscht den Grundcharakter unserer religiösen Sittlichkeit. Die selbstkritischen Witze sind schärfer, als je ein Antisemit es wagen würde: ein für Selbstkritik so begabtes Volk wie das unsere mußte diesen Affekt verstärken, wenn man ihn „einklemmte", wenn man ihm das Sicherheitsventil der öffentlichen Meinung raubte. Alles muß daran glauben: sowohl die mangelnde jüdische Würde, die sich vor dem Nichtjuden besser benimmt als vor dem Juden, wie die spezifisch jüdischen Berufe des Batlan, des Schadchen, des Stadlan, des Raw, des Chasan, des jüdischen Handwerkers usw., und natürlich die verschiedenen jüdischen Parteien. Dies alles könnte — und müßte in einer wissenschaftlichen Untersuchung - mit zahlreichen Beispielen belegt werden, aber dem Leser fallen sie vielleicht von selbst ein: scharf, kritisch, ungutmütig, wie sie sind. Nur zwei seien erwähnt, weil sie eine besonders tiefreichende Deutung zulaffen. Der jüdische Bettler, der eines Tages die gewohnte Gabe nicht empfängt, sondern statt dessen die Antwort, man brauche selbst das Geld für eine Badereise, und der nun entrüstet auSruft: „Für mein Geld reift er ins Bad!" — wo wäre er möglich als bei uns, denen. „Zedakkah" nicht Wohltun, sondern Pflicht der Gerechtigkeit ist, die wir somit das menschlich soziale Recht auch des Bettlers konstituieren? Und jener Vater, dem eben ein Sohn geboren ward und der nun den Raw fragt, wie er ihn eintragen lassen solle: zu früh?, dann ist es schlecht wegen des Militärs, und zu spät, dann ist es vielleicht schlecht wegen der Erbschaft, also richtig? auf den großartigen Gedanken ist er noch gar nicht gekommen! — reißt dieser „Witz", so bitter er ist, so flagellantisch er ist, nicht den Vorhang fort von der Tragik des ostjüdischen Volkes, dessen Rechtsungleichheil sich zu einem Golus der Zeit gesteigert hat: nicht einmal der eigene Geburtstag gehört noch dem Menschen. In dieser letzten Steigerung hat sich der Witz als Träger der jüdischen öffentlichen Meinung nun gleichermaßen nach innen und nach außen gewendet und ist eben durch jene Vereinigung über sich selbst hinausgewachsen: er ist zur Lehre geworden. 0 HAUS MÜNCHEN KARLSPLATZ 5 DER QUALI1ÄTSSTOFFE N. STARK & Cil NÜRNBERG LUITPOLDSTRASSE 11