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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-10-15 · 20 (15.10.1928) · p. Seite 314

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
20 (15.10.1928)
Article
Zum Problem des jüdischen Witzes
Date
1928-10-15
Page
Seite 314 (sequence 2)
Language
German
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314 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 20 zug verläßt. Der andere bemerkt aber: „Na, Sie fahren ja mit dem Orienterpresserzug." Dies war eine Fehlleistung, es hätte aber auch, bei genügend wenig Takt, ein Witz sein können, beidesmal drückt es das entweder unbewußte oder im Augenblick unaussprechliche Urteil des Zurückbleibenden über den Abreisenden aus. Daß wir Juden, einerseits geschichts- und traditionSbelaftet, anderseits zukunftsstürmend und von mannigfacher Fremdheit umgeben, vielleicht mehr Grund als andere Völker zur „Verdrängung" hatten und haben, leuchtet sofort ein. Sehen wir deshalb zu, welche Besonderheiten der jüdische Witz ausgebildet hat und wie weit er schon halb vergessene, formale und inhaltliche, Traditionen aufbewahrt. II. Befassen wir uns zunächst mit dem Formalen, das, sonst vielfach abgestorben oder verdrängt, sich im Witz erhalten hat. Es ist ziemlich allgemeine Überzeugung, der jüdische Witz sei vor allem Wortwitz, aber auch soweit dieser Tatbestand zutrifft, wird er meist falsch bewertet. Der letzte Grund des Wortwitzes ist nämlich — der Worternft, und den finden wir bereits in der Bibel. Als der Prophet Ieremia, noch jung an Jahren, seine erste Offenbarung empfängt, fragt ihn Gott: „Was siehst Du, Ieremia?", und er antwortet: „Makel fchaked ani roe." „Einen Mandelftab sehe ich." Darauf Gott: „Hetawwta lir'ot, ki s ch o k e d ani al dewari laassoto." „Da hast Du Recht gesehen, denn ich wache über mein Wort, es zu tun." Diese Vision ist in der eben gegebenen üblichen deutschen Übersetzung vollkommen unverständlich: was hat der Mandelzweig damit zu tun, daß Gott über sein Wort wachen wird? Erst Buber und Rosenzweig werden, wenn ihr Übersetzungswerk bis zu den großen Propheten gelangt sein wird, dem deutschen Leser auch diese Stelle ganz verdeutlichen können. Hier liegt nämlich ein Wortspiel zugrunde, das von der Wurzelgleichheit der (in unserer hebräischen Umschrift) unterstrichenen beiden Wörter „Schaked" und „schoked" ausgeht. Das erste heißt Mandel oder besser „Früha u f", weil nämlich der Mandelbaum als erster Blüten trägt, und das zweite heißt „früh auf seiend", wachend. Demnach hat Vision und Gespräch dem Propheten etwa-so geklungen: „Was siehst Du, Ieremia?" — „Einen Frühaufftab sehe ich." - „Recht Haft Du gesehen, denn ich bin früh aus über mein Wort, es zu tun." Und dies hat nun feine sehr tiefe Bedeutung: es zeigt die ganz einzigartige Verbindung des Juden mit dem Wort, die ihn einerseits, bei der Offenbarung am Sinai, dazu befähigt, „die Stimmen zu sehen" und die ihm anderseits die prophetische Vision in eine Audition verwandelt, das Gesehene in ein Gehörtes, den konkreten Mandelstab in seine Vokabel. In diesem Punkte, der das Volk des Ohres und GehörchenS von dem des Auges und der Nachahmung, der Israel von Hellas unterscheidet, liegt die geheimnisvolle Wurzel des jüdischen Wortwitzes. Diese Fähigkeit, das Wort beim Worte zu nehmen und seine Vieldeutigkeit und mannigfache Verwendbarkeit ernst oder witzig auszunützen, hat noch eine zweite, mit der ersten verbundene Quelle: die Eigenart der hebräischen (als semitische) Sprache, aus verhältnismäßig wenig Wortwurzeln einen außerordentlichen Reichtum an Formen zu bilden. So werden beispielsweise die deutschen Hilfsverben im Hebräischen durch Formen dergleichen Verbwurzel ausgedrückt, ebenso die Steigerung einer Tätigkeit. Sehr viele Bedeutungen ganz verschiedenen, manchmal gegensätzlichen Sinnes treten überhaupt erst durch die als Vokalzeichen dienende Punktation auseinander: im unpunktierten Text kann die nähere Bestimmung nur aus dem Zusammenhang ersehen werden. Wer also einen Wortwitz macht, spricht gleichsam unpunktiert und läßt die (möglichst weit getrennten!) Sinnenkel in die Ahnenwurzel schießen. Wenn sie dort mit den Köpfen hart aneinanderschlagen, freut sich der Dritte. Als man Lazar Geiger bei einem Bankett der Freifrau von Bethmann unerlaubte Speisen vorsetzte und die Hausfrau ihm sagte: „Bitte, bedienen Sie sich!", antwortete er: „Nein, ich beherrsche mich." Er war nun ein Sprachphilosoph, aber das ist im Keime jeder, der einen guten Wortwitz machen kann. Die jahrtausendelange Nichtvokalisierung der Bibel hatte vielleicht die Absicht, ihren Wortlaut in gewissen Grenzen elastisch und deutungsfähig zu erhalten, ähnlich wie noch heute die Dokumente der „mündlichen Tradition", vor allem Mischna und Talmud, unpunktiert und also wirklich der lebendigen, der mündlichen Überlieferung vom Lehrer an den Schüler anvertraut geblieben sind. Man hat sie schließlich aufschreiben müssen, entgen einer ausdrücklichen Bestimmung, aber man tat es in einer Form, die den mündlichen Charakter möglichst wahrte: nicht nur die Vokale fehlen, sondern jegliche Interpunktion, vor allem Fragezeichen und Punkte, und dies in einer Literatur, die beinahe ausschließlich aus Fragen und Antworten besteht. Dies macht eine der Hauptschwierigkeiten des sogenannten „Lernens" aus, aber es wird zugleich eine Quelle für eine besondere Art jüdischer Witze, die wir vielleicht „B e t o n u n g 6 w i tz e" nennen können. Ebenso nämlich, wie beim Talmudlernen die fehlende optische Interpunktion durch eine akustische ersetzt wird, durch jenes Heben der Stimme bei einer Frage und Senken bei einer Antwort, durch jenen eigentümlichen Singsang, der noch heute den Oftjuden als Träger und Erben der alten Talmudkultur auch in der Profansprache kennzeichnet, ebenso macht der jüdische Witz vielfachen Gebrauch von der Deutbarkeit einer Frage als Antwort, einer Antwort als Frage. Hierhin gehören die zahllosen Erzählungen, die jüdische Personen vor Gericht auf eine Frage wieder mit einer Frage antworten lassen, oder jene Geschichten, in denen eine rhetorische Frage wörtlich genommen und beantwortet wird: wie z. B. die des Instruktionsunteroffiziers, warum der Soldat nicht mit einer brennenden Zigarre über den Kasernenhof gehen dürfe. Die Antwort des jüdischen Soldaten: „Recht haben Sie, Herr Unteroffizier, warum darf er wirklich nicht?" entspricht also nicht nur unserer heutigen Überzeugung, sondern auch den talmudischen Denkformen. Diese Denkformen sind deshalb so schwer zu fassen, weil sie nicht überall (wie mir wenigstens, trotz der Forschungen von Prof. Schwarz, Wien, scheinen will) in ein Regelsystem formaler Logik zu pressen sind, sondern sehr häufig mit inhaltlicher Logik nur dem grade vorliegenden Fall dienen. Es kommt,;. B. häufig vor, daß der Talmud ein Beispiel aus einem inhaltlich ganz anderen Zusammenhang heranzieht, etwa bei den SegenSsprüchen eines aus dem Gebiet der Scheidebriefe, weil es einen formalen Beweiswert hat. Nur selten aber beruhigt man sich bei dieser Seite der Sache: meist wird auch der spezifische, hier aber ganz gleichgültige I n h a l t mit in die Erörterung gezogen, in striktem Gegensatz zum „tertiuin comparationis“ der homerischen Vergleiche. Zur Einleitung solcher inhaltlicher Un-' tersuchungen an formalen Beweisstücken dient der Terminus: „Hagupha", „Die Sache selbst". Dieser Logik entsprechen gleichfalls viele jüdischen Witze. Wenn ein Pferdehändler in Warschau seine Ware dadurch rühmt, daß er sagt, der Käufer

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