Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 20 (15.10.1928)
- Article
- Zum Problem des jüdischen Witzes
- Date
- 1928-10-15
- Page
- Seite 313 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nachrichtenblatt öer Israelitischen KultuSgemeinöen in München unö AugSbürgK unö ües Verbanües Hagerischer Israelitischer Gemeinüen Vagerlsche Israelitische Gemeinöezeitung Erscheint am /. unö 15. jeüen Monats. — Verlag: S. Heller, München, Sezugsprels für nicht elngewiesene Sezieher: Reichsmark 4.60 für Sos Herzog-Mar-Ätraße 4, Kernruf 95099/ Postscheckkonto München Nr. Z?S7. Jahr. Anzeigenpreis: Die 4 gespaltene Millimeter-Zeile 40 Reichspfennig Schristleitung: Dr. Lugen vchmiöt, Rechtsanwalt in München, Rarlstraste 6. Kamilienanzeigen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote if Reichspfennlg 1?£8 München, 15. Oktober Nr. zo Inhalt: Zum Problem des jüdischen Witzes — Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Tuberkulose unter den Juden e. 23., Frankfurt a. M.— Polizeilicher Angriff aus betende Juden vor der Jerusalemer Klagemauer am Jom Kippur — Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler — Denkmäler jüdischer Kunst — Palästinareise — Ein Vorstoß der Schächtgegner in der Hamburger Bürgerschaft zurückgewiesen — Gemäßigtere Haltung der Schächtgegner? Jahresversammlung der rheinisch-westfälischen Tierschutzvereine — Lehrerzeitung — Das Problem der Klagemauer — Drohung der Araber — Aus dem Verbände — Aus der Gemeinde München — Bücherschau — Vereine — Personalia. Zum Problem des jüdischen Wittes Von Dr. Ernst Simon, Jerusalem I. Kaum jemand wird bestreiten, daß der jüdische Witz seine besondere Eigenart hat; aber nur wenige werden ausdrücken können, worin diese Eigenart besteht. Obwohl manche Denker, z. B. Alexander Moskowszki, sich mit dem Problem bereits befaßt haben, ist es noch von seiner endgültigen Klärung weit entfernt. Die folgenden Zeilen, die zu ihr beitragen wollen, werden daher gut tun, sich zunächst mit dem allgemeinen Problem des Witzes zu befassen, um von diesem dann die Besonderheit des jüdischen abheben zu können. Unzählige Definitionen sind von den Philosophen, zuletzt noch von Kuno Fischer, versucht worden, um zu bestimmen, was ein Witz sei. Am tiefsten hat die Deutung Siegmund Freuds gegriffen, dessen Psychoanalyse wir uns sonst nicht ohne Kritik anvertrauen wollen, die aber gerade hier Hervorragendes zutage gefördert hat. Zutage: nämlich an das Licht des Bewußtseins aus dem Schacht des Unterbewußtseins. Besteht doch unsere Seele nach analytischer Erkenntnis aus einem (verhältnismäßig kleinen) vom Tage erhellten Obergeschoß: dem Bewußtsein, und einem verhältnismäßig großen dunklen Keller: dem Unterbewußtfein. In diesen Keller gelangen alle Abfälle aus dem Oberstock, all das, was man im Lichte nicht mehr brauchen kann oder will. Es geschieht aber, daß der Keller mit solchen Abfällen überhäuft wird, daß sich dann Gase bilden und Explosionsgefahr besteht, die sich gleichsam in Erhebungen der Kellerdecke, in Beulen des Fußbodens im Obergeschoß ankündigt. Solche Erscheinungen nennt der Seelenarzt „Psychosen", und wenn er Analytiker ist, so bohrt er die Beulen auf, damit die Gase entweichen können, oder genauer gesagt: er hilft dem Hausbesitzer, dem Patienten, dazu, daß er selber die Beule aufbohre. Es wird gleichsam die Decke durchbrochen und eine Treppe von oben nach unten gelegt, auf welcher der Kranke nun selbst in das längst vergessene, „verdrängte" Reich seiner eigenen Vergangenheit hinabsteigt und dort einen Teil des Untergeschosses im Lichte des Obergeschosses steht. Je weniger der Arzt mit seiner Laterne dazwischenfährt, um so besser ist es. Aber auch bei denjenigen, denen die hohe Gabe des Vergessens niemals zum Unheil wird, gibt es Augenblicke, die längst „Verdrängtes" oder im Augenblick zu Verdrängendes plötzlich an die Oberfläche schlagen lassen. Solche Fälle beschreibt Freud in seiner „Psychopathologie des Alltagslebens" und nennt sie „Fehlleistungen", die sprachlich meist durch die Vorsilbe „ver" zum Ausdruck kommen- Wenn man sich verschreibt, verspricht, verlieft, so ist das kein bloßer Zufall, sondern die Art, w i e man sich verschreibt usw., deutet auf einen unterbewußten Zusammenhang. Oder wenn man eine Verabredung immer wieder „nur" vergißt, so hat der andere ganz recht, das übel zu nehmen: denn es beweist, daß man in Wirklichkeit jenes Zusammentreffen scheut. Ebenso ist es bei Verspätungen, vielleicht mit Ausnahme der chronischen. Und der Volksmund hat ausnahmsweise unrecht, wenn er dir sagt, so du auf einen Namen oder eine Sache nicht kommen kannst: „Es wird nichts Wichtiges gewesen sein." Die Russen wissen es besser; sie sagen in diesem Fall: „Es war gewiß eine Klugheit!" Richtig! aber eine solche, die der Sprecher entweder selbst nicht wissen oder aber seinem Partner nicht Mitteilen „will". Und was ist nun, in diesem System, der Witz? Gleichsam eine bewußte Fehlleistung. Er drückt das aus, was man im Ernst nicht sagen könnte; er schafft eine blitzschnell gebaute und wieder schnell abgerissene Treppe zwischen Ober- und Unterbewußtsein und bringt, eben um dieser Raschheit willen, eine „seelische Ersparnis", wie Freud es nennt. In seinem Buche „Der Witz in seinen Beziehungen zum Unterbewußtsein" erzählt er als Beispiel, daß zwei Bekannte sich auf dem Wiener Bahnhof verabschieden, den der eine mit dem Orient expreß-