Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1928
- Issue
- 9 (13.9.1928)
- Article
- Die Neuordnung der Lehrerbildung in Bayern
- Date
- 1928-09-13
- Page
- Seite 20 (sequence 2)
- Language
- German
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20 Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern Nr. 9 also etwa auf die veraltete Psychologie eines Herbart im Sinne seines Vorstellungsmechanismus. Was in der Berufsbildung bei solchen Mängeln praktisch herausgekommen ist, war eine gewisse Beherrschung der Technik des Unterrichtes, etwas Handwerksmäßiges, das das Wesentliche der Erziehungsprobleme in der Methode des Unterrichts gesehen, die wissenschaftliche Durchdringung und sichere Beherrschung des Unterrichtsstoffes aber vielfach unterschätzt hat. Der äußerlich am besten erkennbare Mangel der bisherigen Lehrerbildung war aber der, daß die jungen Leute schon mit 19 Jahren als selbständige geistige Führer von Lebensgemeinschaften, wie sie eine Schulklasse darstellt, hinausgeschickt wurden. In der Mischen Lehrerbildung führte dieser Zustand zu der ganz unhaltbaren Situation, daß ein 19jähriger junger Mann als geistiger Führer auf Jugend und Gemeinde losgelassen wurde. Dabei hatte der jüdische Seminarist neben diesem Vielerlei von profanem Sach- und Berufswissen noch ein gerüttelt Maß jüdischen Bildungsstoffes zu bewältigen und dann war der jüdische junge Mann mit 19 Jahren als Religionslehrer wirklich fertig; fertig in dem Sinne, daß keine Behörde sich um die Ergänzung seiner mangelhaften Berufsbildung gekümmert hat, wenn er nicht aus eigenem Streben heraus die staatlich organisierte Fortbildung der Schulamtsbewerber benutzt und die zweite Volksschullehrerprüfung abgelegt hat. Der christliche Lehrer mußte schon in Rücksicht auf die llberfüllung im allgemeinen Volksschullehrerberuf immerhin noch jahrelang unter Anleitung erprobter Volksschullehrer praktizieren und konnte so, wenn er das ^lück Hatte, gute Anregung in seiner Umgebung zu finden, bis zu seiner endgültigen Anstellung auf einer selbständigen Stelle allmählich noch zu einer erprobten Lehrerpersönlichkeit heranreifen. Der jüdische junge Mann von 19 Jahren war aber als Lehrer der Jugend, als geistiger Führer der Gemeinde mit seiner Vorbildung und Ausbildung vielfach am Ende angelangt. Ich glaube, jedes weitere Wort der Kritik könnte die Erkenntnis von der Unhaltbarkeit eines solchen Zustandes nur verdunkeln. Das Unzulängliche der Lehrerbildung nach der jüdischen Seite ist auch längst gefühlt und anerkannt. Seit 1914, mit der letzten Verbesserung der derzeitigen Lehrerbildung schon beschlossen, aber infolge des Krieges und der Wirtschaftsnöte der Jnflationsjahre wieder zurückgestellt, wurde die Verlängerung der Bildungszeit mit Stabilisierung der wirtschaftlichen Verhältnisse am jüdischen Seminar auch praktisch durchgeführt, so daß also schon jetzt für die jüdischen Religionslehrer als normale Bildungszeit ein siebenjähriger Lehrgang in Frage kommt. Gegenüber dem bestehenden Zustand bedeutet also die vorgeschlagene Neuordnung lediglich eine Verlängerung der Bildungszeit um ein Jahr. Schon dieser äußerliche Umstand müßte allgemein zu dem Schlüsse führen: Wir machen die Neuordnung mit, zum ersten, damit unsere jüdischen Leher in einem etwas reiferen Zeitpunkt in die Praxis hinauskommen, zum zweiten, weil gerade die vorgesehene Akademie wegen des weltanschaulichen Gepräges, das sie in Bayern haben muß, ausgezeichnete Gelegenheit bieten wird, Weltanschauungsfragen — und um sie dreht sich doch unsere ganze jüdische Bildung — vom Standpunkt einer höheren philosophischen Warte aus zu behandeln, also auch der jüdischen Bildung einen besseren Abschluß zu geben, als es bisher möglich war. Für diesen Anschluß an die Neuordnung sprechen aber eine Reihe innerer Gründe, die aus dem Bildungsprozesse selbst sich ableiten lassen: a) Der jüdische Religionslehrer, wollte man den alten Bildungsgang für ihn beibehalten, würde dadurch in seiner pädagogischen Ausbildung den Stand der bisherigen erziehungswissenschaftlichen Bildung des Religionslehrers nicht mehr erreichen können. Denn mit der Modernisierung der Lehrerbildung würde für den künftigen „Seminariker" die Teilnahme an der amtlichen Fortbildung der akademisch vorgebildeten Schulamtsbewerber und damit der bisher für den feminarisch vorgebildeten Religionslehrer gebotene Abschluß seiner berufswissenschaftlichen Bildung durch Ablegung der erziehungswissenschaftlichen, sogenannten Anstellungsprüfung der Volksschullehrer versagt bleiben müssen. Es gibt aber keine Rücksicht, weder wirtschaftlicher noch anderer Art. die es rechtfertigen könnte, den jüdischen Religionslehrer der Zukunft nach der erziehungswissenschaftlichen Seite weiter herabzudrücken. Anderseits war es, wie der preußische Kultusminister Becker ausspricht, schon bisher ein soziales Unrecht gegenüber der breiten Masse des Volkes, daß man den Volksschullehrer in bildungspolitischer Hinsicht so lange nicht zum Vollbürger hat aufrücken lassen. Solange der staatlicheVolksschullehrervon der höheren Bildung abgesperrt war, war für den jüdischen Religionslehrer der gleiche Zustand der Halbbildung immerhin noch erträglich, obgleich nicht ohne^Gefahr für das Judentum. Denn die übrige Volksgemeinschaft hatte neben ihrem Volksschullehrer auch auf dem kleinsten Dorfe in der Regel ihre Geistlichen als Bürger der höheren Bildung und geistigen Führer. Für die Masse der jüdischen Gemeinden war der Religionslehrer oder der jüdische Volksschullehrer die einzige Stelle, von der sie religiöse und geisttge Anregung empfing. Nur ein Mann, der bildungshungrig und wissenschaftlich so weit geschult ist, daß er auch auf einem isolierten Posten draußen aus dem Lande geistig selbständig arbeiten kann, kann geistiger Führer einer Gemeinschaft sein. Andernfalls tritt Verflachung, frühes Stumpfsein ein, eine Erscheinung, die leider im geistigen Leben unserer jüdischen Gemeinden keine Seltenheit ist. So wenig der Rabbiner darauf verzichten wird, an der modernen Kutlur seiner Zeit in irgendeiner Form teilzunehmen, so wenig Gemeinden sich herbeilassen werden, Rabbiner anzustellen, welche im Sinne moderner Wissenschaft zu den Halbgebildeten gehören, so wenig kann für den jüdischen Religionslehrer auf die Forderung wissenschaftlicher Schulung und Bildung verzichtet werden. b) Notwendig ist diese vertiefte Allgemeinbildung für den jüdischen Religionslehrer schon deshalb, weil er ohne wissenschaftliche Grundlage gar nicht in die an ihn gestellten Erziehungsprobleme eindringen kann.' Erziehung ist ihrem Wesen nach teils Wissenschaft, teils Kunst. Jede religöse Erziehung hat mit Schwierigkeiten besonderer Art zu kämpfen: Sinnlichkeit, Materialismus, Zeitgeist, sie alle erschweren die religiöse Erziehung: aber für die christliche Gemeinschaft doch nicht in dem Maße wie für die jüdische. Hier handelt es sich außerdem noch um Auseinandersetzung mit den Leistungen einer glänzenden, der Religion oft feindlich gegenübertretenden Kultur. Der jüdische Lehrer braucht darum mehr noch als sein christlicher Kollege eine pädagogische Berufsbildung, die ihn zum selbständigen wissenschaftlichen Denken und Arbeiten befähigt. Baeck sagt: Einen Menschen zu erziehen ist das Künstlerischste, was ein Mensch vollbringen kann, religös bilden und gestalten ist . das Höchste, was vom Erzieher verlangt wird. Alle Religiosität will bilden und formen, will verwirklichen und erfüllen. Es ist darum nichts Zufälliges, daß die großen Jugendbildner tief religiöse Menschen gewesen sind. Religiösität ist die eine Vorbedingung für die Erziehung, wissenschaftlich fundierte Kunst die andere. Nur wer über beide verfügt, kann ein wirklicher Erzieher sein. e) Die elementaren Kenntisse über die seelische Entwicklung des normalen Schulkindes genügen lange nicht mehr für die jüdischen Lehrer. Die seelische Struktur der erwachsenen Jugend wird mit dem Eintritt der Pubertät allgemein eine andere. Sie ist wiederum andersartig beim jüdischen Knaben und beim jüdischen Mädchen. Allgemein tritt heute an den jüdischen Lehrer die Forderung heran, Führer auch der reiferen Jugend zu sein. In den christlichen Gemeinschaften haben sich längst Geistliche in den Dienst der Jugendbewegung ihrer Konfessionen gestellt. Es sind dies Leute, die fast ausschließlich mit den Problemen der Jugendbewegung, der Jugendentwicklung und Jugendpsychologie sich befassen. Wenn der jüdische Lehrer in der jüdischen Jugendbewegung seinen Mann stellen will, so bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich wissenschaftlich mit diesem Spezialgebiet zu beschäftigen. Wer Jugend führen und begeistern will, darf kein Philister sein. d) Endlich verlangt die dem jüdischen Lehrer gestellte Aufgabe als religiöser Führer in den Gemeinden ein tieferes Eindringen in die Probleme der jüdischen Geschichte, wissenschaftliche Beherrschung der hebräischen Sprache und die Fähigkeit, in biblischen und rabbinischen Quellenschriften sich zurechtzufinden. Das Wort „lau am hoorez chosid" sollte man doch auch gelten lassen, wenn es sich um die jüdische Lehrerbildung handelt. — So wenig für den modernen Volksschullehrer es genügt, wenn er nur die elementaren Kenntnisse des Lesens, Schreibens und Rechnens beherrscht — ein solches Lehrerbildungsideal mag einmal in den Tagen Karls des Großen gegolten haben — so wenig wird man den Anforderungen des jüdischen - Lehrers gerecht, wenn man meint, die Fähigkeit Chumesch und Tefilla zu übersetzen und etwas Kizzur lesen zu können, reiche schon aus zur Qualifikation für den jüdischen Lehrer. Die Fähigkeit zum gediegenen jüdischen Unterricht