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Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern · 1928-09-13 · 9 (13.9.1928) · p. Seite 19

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Journal
Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1928
Issue
9 (13.9.1928)
Article
Die Neuordnung der Lehrerbildung in Bayern
Date
1928-09-13
Page
Seite 19 (sequence 1)
Language
German
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Mitteilungen kies Israelitischen Lehmverelns für Wem Schriftleitung: M. Rosenfeld, München 1928 München, 13. September Nr. 9 Die Neuordnung der Lehrerbildung in Bayern Referat von I. Stoll, erstattet auf der 4. Mitgliederversammlung in Würzburg Uber die Neuordnung der Lehrerbildung ist seit einem Jahrzehnt unendlich viel gesprochen und viel geschrieben worden, und doch kann nicht behauptet werden, daß das Problem bereits eine allseitig befriedigende Lösung gefunden hat. Was bisher Neues geschaffen wurde, sind lediglich Versuche, die die Brauchbarkeit der neuen Ideen erst beweisen müssen. Auch ich kann Ihnen heute ein in allen Einzelheiten abgeschlossenes Programm nicht vorlegen, insbesondere um deswillen nicht, weil die Neuordnung in Bayern noch im Flusse ist. Was ich geben will, sind nur einige grundsätzliche Gedanken zur Frage der Neuordnung und die Hervorhebung einiger praktischer Gesichtspunkte, die für die Möglichkeit der Durchführung einer Neuordnung von grundlegender Bedeutung zu sein scheinen. In diesem Sinne bitte ich meine Ausführungen zu werten und mein Referat im Verhältnis zur Gesamtfrage, die ihrer Lösung harrt, als einen Torso betrachten zu wollen. Das Judentum ist eine geistig-kulturelle Macht. Das beweist die Geschichte seiner Existenz ganz besonders seit den Tagen der Schulgründung durch Rabbi Jochanan ben Sakkai. Seine weltpolitische Rolle hat es schon in den Tagen seiner staatlichen Selbständigkeit und erst recht in der Zerstreuung spielen können durch seine religiös-sittliche Kultur. Die Pflanzstätten seiner geistig-religiösen Kultur, seine Schulen, lieferten der Judenheit die Kraftströme, die sie durch die Jahrtausende getragen haben. Je machtvoller der Kulturanstieg der gesamten Umwelt sich entwickelte, desto größere Bedeutung kommt dem jüdischen Schulwerk zu. Die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte zeigt mit aller Deutlichkeit, daß das europäische Judentum sich nur dort und nur insoweit behaupten konnte, als die Judenheit es verstanden hat, ihr Judesein gegenüber anders gearteten Kulturströmungen zur Geltung zu bringen. Die Lage des oft- und des westeuropäischen Judentums weist in dieser Richtung eine verschiedene Entwicklung aus. Im Osten bis fast in die Gegenwart herein ein Sichzurückziehen auf die ausschließliche Pflege jüdischer Kultur. Das ist verständlich, wenn man bedenkt, daß der Jude des Ostens in seiner Umwelt eine viel tiefer stehende Kultur vorfindet, auf die er mit Recht mit innerem Stolze und mit einer gewissen Verachtung herabblicken konnte. Wenn nicht alle Zeichen trügen, so ist aber auch für den europäischen Osten die Zeit vorbei, in der das Judentum sich in seiner Splendid-Jsolation wird weiter behaupten können. Die Wellen europäischer Kultur haben heute auch die Ghettos der östlichen Länder schon überspült und es hebt dort das gleiche Problem an, mit dem das deutsche Judentum seit bald 150 Jabren ringt, das Problem nämlich, wie eine Synthese zu schaffen ist zwischen jüdischer und moderner Bildung. Darum scheint es von vornherein verfehlt, wenn man die geistigen Nöte des Judeseins für Deutschland lösen will dadurch, daß man die Jeschiwo des Ostens in ihrer Loslösung von moderner Kultur als den Schultyp hinstellt, der das deutsche Judentum retten könne. Die Geschichte der spanischen Judenheit zeigt uns die andere Kntwicklungsmöglichkeit. Auf dem Boden der arabisch-spanischen Geisteswelt entfaltete sich eine glänzende jüdische Kultur, weil man dort zu einer Synthese zwischen zeitgenössischer und Mischer Bildung gekommen war. Auch für uns deutsche Juden gilt das Wort: Es gibt kein Zurück in ein geistiges Ghetto. Der deutsche Jude der Zukunft wird ein moderner Jude sein oder er wird nicht sein. Kulturprobleme greifen immer ein in die Jugendbildung. Die Fundamente von Unterricht und Erziehung unserer jüdischen Jugend zu bewußten Juden basieren auf der Bildung der geistigen Führer. Darum ist die Lehrerbildungsfrage eine eminent wichtige Kulturfrage für das Judentum. Sie ist nicht eine Standesfrage: und ich möchte ausdrücklich davor warnen, bei der Behandlung der Probleme der modernen Lehrerbildung irgendwelche standespolitischen Gesichtspunkte in die Debatte zu werfen. Der jüdische Lehrerstand ist des Judentums wegen da. nicht umgekehrt! Es ist aber auch nicht wahr, wie vielfach behauptet wird, daß die Frage der Neuordnung der Lehrerbildung durch standespolitische Faktoren aufgerollt sei. Die geistigen Führer des deutschen Volkes haben nach dem Zusammenbruch erkannt, daß genau wie im vergangenen Jahrhundert nach den Tagen von Jena und Auerstädt das Bewußtsein und der Wille zur Behauptung deuffchen Volkstums, deutscher Kultur und nationaler Selbständigkeit nur geweckt werden kann durch Hebung der geistigen, sittlichen und religiösen Kräfte und daß deshalb die gesamte Volksbildung im Sinne der Lebensaufgabe eines Pestalozzi wiederum auf eine breitere und tiefere Basis gestellt werden muß. Das ist der innere Grund für die Modernisierung der Lehrerbildung. Der preußische Kultusminister Becker drückt das etwa mit den Worten aus: Der deutsche Volksschullehrerberuf muß aufgefaßt werden als eine den ganzen geistigen Menschen erfüllende Lebensaufgabe im Dienst an unserer Jugend und an der Zukunft des Vaterlandes. Hebung des Lehrerstandes bedeutet Hebung der Volksbildung. Wenn nach langem Zögern nun auch Bayern sich entschlossen hat, den neuen Weg der Lehrerbildung zu beschreiten, so ist das ganz gewiß nicht geschehen in Rücksicht auf die standespolitischen Wünsche der Lehrerschaft. Eine solche Meinung widerlegt sich eigentlich schon damit, daß die bisherige Lehrerschaft, die die Hebung der Lehrerbildung energisch fordert, standespolitisch gar keinen Vorteil hat, weil die wirtschaftliche Hebung, die aus der höheren Bildung folgen wird, ja ausschließlich nur denen zugute kommt, die den neuen Bildungsgang durchlaufen haben, nicht aber der alten Lehrerschaft. Wir können die Notwendigkeit der Änderung der Lehrerbildung gar nicht besser begründen als es die Denkschrift des bayerischen Ministeriums selbst getan hat: Gewiß hat das Seminar geleistet, was es konnte, aber die Lehrerbildungsanstalten krankten an dem unverbundenen Vielerlei im Unterricht. Die Lehrerbildung hatte einerseits sachliches Wissen und Können, anderseits theoretische und praktische Schulung für alle Volksschulbildung zu vermitteln. Die dafür zur Verfügung stehende Zeit reichte nicht aus, dis vielen Schulungs- und Bildungsfächer wirklich zu erarbeiten. Die Lehrerbildungsanstalt hatte zu viele Aufgaben, sie war mit unterrichtlichen Stoffen und Vildungsaufgaben überladen. Deshalb konnten viele Aufgaben nicht so behandelt werden, wie es die Belange der geistigen Schulung gefordert hätten. Die Folge davon war, daß die Schüler am Schluß ihrer Ausbildungszeit nicht zu dem erwünschten Grade geistiger Selbständigkeit und auch nicht zur wissenschaftlichen Durchdringung der Erziehungsprobleme gelangt waren. Als zweiter Hauptmangel wird in der Denkschrift mit Recht gerügt, daß die Ausbildung in den erziehungswissenschaftlichen Fächern viel zu früh einsetze. Sie mutete Jugendlichen im Alter von 16 bis 17 Jahren zu, Psychologie und Pädagogik zu studieren. Wer mit diesen Dingen am Seminar zu tun hat, der weiß aus eigener Anschauung am besten, daß die Fähigkeit zum abstrakten Denken in diesem Alter noch fehlt und daß der Versuch, mit wissenschaftlicher Gründlichkeit in die Erziehungsprobleme einzudringen, in den meisten Fällen scheitert. Gewiß lernen und verstehen die jungen Leute recht vieles, was an rationalen Erscheinungen des normalen Seelenlebens an der Oberfläche liegt, und wissen es auf Begriffs- und Verstandesbildung im Unterrichte anzuwenden, aber in die irrationalen Tiefen seelischer Struktur einzudringen, fehlt dieser Altersstufe die nötige wissenschaftliche Reife dem jetzigen Seminarbetrieb übrigens auch die Zeit. Das Nebeneinander zweier in ihrem Inhalte verschiedener Bildungsgebiete wirkte zerspitternd, zerstreuend, belastend. Diese Unzulänglichkeit wird allgemein gefühlt und ich möchte hier in Paranthese einschalten, daß ein ganz Schlauer (es war ein jüdischer Lehrer, der einmal in unserem Verein über Lehrerbildung gesprochen hat), diese Schwierigkeit dadurch beseitigen wollte, daß er den Vorschlag machte, den Unterricht in Psychologie auf das Maß herunterzuschrauben, wie es die Leitfäden für Psychologie vor dem Jahre 1898 enthalten haben,

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