Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-09-04 · 16 (4.9.1928) · p. Seite 265

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
16 (4.9.1928)
Article
Konferenz des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum zu Berlin
Date
1928-09-04
Page
Seite 265 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2727810-2727850-2727866-2733825--03580-2733862
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 16 Bayerische Israelitische Gemeindezeirung 265 5. Es verbleiben dem liberalen Judentum auch heute noch besondere Aufgaben für die soziale Arbeit, a) Einmal muß die soziale Gerechtigkeit auch darin zur Geltung kommen, daß der Gewissenszwang aufhört, der heute ausgeübt wird, indem bei allen sozialen Einrichtungen, wenigstens in Deutschland, Gottesdienst und Lebensführung allein nach streng orthodoxen und streng rituellen Forderungen geregelt werden. b) Die größte soziale Tat des Judentums, der Sabbat der Knechte und Mägde, kann nur dann segensreich sein, wenn den wirtschaftlichen Verhältnissen Rechnung getragen wird und im Gotteshause und im Famlienhause die Ruhe der Seele gesucht wird an dem Tage und in den Stunden, die die Arbeitsruhe ermöglichen. Nachdem ein gemeinsames Mittagessen im Tagungshause Delegierte und Gäste vereinigt hatte, trat die Konferenz um 4 Uhr nachmittags in eine für vertraulich erklärte Sitzung ein. Den Vorsitz führte Rabbi Dr. Mattuck (Berlin). Lily Montague erstattete den Geschäftsbericht, es folgte der Bericht des Schatzmeisters. Hierauf wurde die Verfassung des Weltverbandes beraten. Der vorgelegte Entwurf wurde einstimmig angenommen. Er sieht einen Direktoren-Ausschuß vor, der vom Delegiertentag des Weltverbandes gewählt wird, sowie ferner einen engeren Rat, der sich aus Persönlichkeiten zusammensetzt, die von den einzelnen Landesorganisationen nominiert werden. Es gelangte der folgende Antrag von Reo. M. L. Perlzweig (London) zur Annahme: Der Vorstand wird ermächtigt, sobald es die Mittel erlauben, eine Persönlichkeit zu verpflichten, die geeignet ist, in solchen Ländern, welche es wünschen, neue liberale Organisationen einzurichten. Auch soll zu diesem Zweck ein Fonds geschaffen werden. Auf Antrag von Prof. Elbogen wird beschlossen, eine Zweimonatsschrift für die Wissenschaft des Liberalismus herauszugeben. Der Geschäftssitzung schloß sich eine Gedenkfeier für den vor einigen Monaten verstorbenen Justizrat Bernhard Breslauer, den Gründer und Ehrenvorsitzenden der Vereinigung für das liberale Judentum an. Am Montag, dem 20. August, vormittags, ging die zweite Konferenz des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum in die Hauptaussprache über die programmatischen Vorträge des Sonntags ein. Den Vorsitz führte Justizrat Dr. Blau (Frankfurt a. M.). Zunächst wurden Begrüßungsschreiben verlesen von Rabbiner Dr. Ehrenpreis (Stockholm), Rechtsanwalt Bruno Weil, Rabbiner Dr. Goldmann und dem Landesverband Groß-Berlin des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Die Hauptaussprache gestaltete sich zu einer geistigen Auseinandersetzung zwischen den Anhängern der Tradition und den Verfechtern der Reform innerhalb des liberalen Judentums. Die Traditionellen wandten sich insbesondere gegen die Ausführungen von Dr. Joseph Lehmann, Prediger der Jüdischen Reformgemeinde zu Berlin, der sein Referat „Der Einfluß des liberalen Judentums auf die soziale Arbeit" zu einem Werbevortrag für den Reformismus gestaltete. Am schärfsten wandte sich Prof. Elbogen gegen Lehmann, während Dr. Seligmann wünschte, daß man die Reformisten nicht wieder abstoße. Er knüpfte an die Forderung „Baut Brücken!" an, die Pros. Elbogen in seinem Beitrag für die Sondernummer der „Jüdischen Rundschau" erhoben hat. Der Gedanke „Baut Brücken" wurde dann von mehreren Rednern aufgegriffen und variiert und gab den versöhnlichen Ton an für den Ausklang der Aussprache. Als erster in der Aussprache ergriff das Wort I s a a c W. B e r n h e i m (Louisville). Es ist wesentlich für das liberale Judentum, sagte er, daß wir keine Nation und ohne Fahne sind. Wir wollen uns nicht von der Nation, in der wir leben, absondern. Die Ideen der Propheten wollen wir in all ihrer Reinheit bewahren. Er schlägt vor, einen Weltverband der jüdischen Laien zu schaffen. Der Vorsitzende ersucht den Referenten, seinen Antrag schriftlich einzureichen. Rabbiner Dr. G a l l i n e r dankt den Anwesenden für die Stunden der gemeinsamen Andacht, besonders Dr. Baeck für sein Referat, das wirklich eine Andachtsstimmung im Saal geschaffen hat. Fangen wir mit der Botschaft an, mit Cheschbon-nefesch: der Re- Hausfrauen nehmt zur Bewältigung Eurer großen Wäsche die Wäscherei der Münchner Hausfrau Landwehrstr. 57/59 Tel. 596858 in Anspruch. Sie bietet Euch alle Vorteile. Besichtigung des gesamten Betriebes gerne gestattet. chenschaft vor uns selbst. Dank an Dr. Baeck und Prof. Elbogen für das Nachschlagewerk, das sie geschaffen haben. Diese Konferenz bringt etwas Neues. Sie zeigt der Welt, wie Juden die Wissenschaft der jüdischen Religion pflegen. Wir haben volles Verständnis für alle anderen Gesinnungen, die Orthodoxen aber haben kein Verständnis für die Forderungen des liberalen Judentums. Es ist unmöglich, daß heutzutage in Deutschland, einem Lande, in dem die Frau auf allen Lebensgebieten mit dem Mann auf gleicher Stufe steht, sie in der Synagoge sich hinter den Gittern befindet. Die Mädchenkonfirmation wird einzig und allein bei der Reformgemeinde Berlin geübt. Hier sind französische, englische, deutsche und andere Juden, die sich voneinander wesentlich unterscheiden, aber in ihrer Seele zusammenstimmen, und das tragen wir in die Zukunft. Rabbiner Dr. Schulmann (Neuyork) dankt der Vorsehung, daß er es ' 'ebt hat, an dieser Tagung in dieser Stadt und in dem Lande, ir ^em er als junger Mann sein Studium genossen hat, teilnehn ' t zu können. In Amerika haben wir bisher zuviel Liberalismus schabt. Das amerikanische Judentum hat auch eine große Reformer-Persönlichkeit gehabt: Jsaac Meir Wise. Es muß im Leben für eine Autorität Platz fein. Der Sinn des Judentums ist es, Norm zu sein, viel wurde an dieser Norm gekürzt. Frau O l l e n d o r f: Es ist wenig über Frauen in dieser Konferenz gesprochen worden und wenige Frauen haben gesprochen. Im Namen der deutschen Frauen dankt die Rednerin der Miß Montague für die vorbildliche Arbeit. Einer der Referenten hat die Schaffung eines Laienbundes für das liberale Judentum vorgeschlagen. Es wird dies eine Aufgabe fein, mit der sich die Frau zu befassen haben wird. Die Amerikaner, besonders die amerikanischen Frauen, sind viel idealistischer als es im allgemeinen in Europa angenommen wird. Die amerikanische Frau ist viel weiter als die deutsche. Sie hat Schwesternschaften in den Gemeinden geschaffen, die viel zur Stärkung des jüdisch-liberalen Lebens beigetragen haben. In Deutschland ist Synagogenbesuch bei der liberalen Frau nicht Mode. Die amerikanischen Frauen gehen in die Synagoge, nehmen Religionsunterricht damit sie den Kindern schon im zartesten Alter eine religiöse Erziehung geben können. Auch auf dem sozialen Gebiet haben die Sisterhoods viel geschaffen. Da sind z. B. die Jugendheime, die aus einer Gemeinde eine Gemeinschaft machen. Hier in Deutschland wird viel von Jugendarbeit gesprochen, aber nicht viel getan. Wir müssen uns aufraffen, um unsere Jugend im jüdisch,liberalen, demokratischen Geiste zu erziehen. Dr. Ignaz Friedmann (Budapest): Das ungarische Judentum stand immer am Schneidepunkt zwischen Ost- und Weststidentum. Die ungarische Orthodoxie hat von je dem Westen große Lehrer gegeben: Hildesheimer, Gutmann und andere. Wir müssen Achtung vor der Orthodoxie haben, und unsere freiheitliche Auffassung als Forderung an uns selbst empfinden. Wir wollen jeder in unserer Heimatsprache beten und die Lithurgie danach einrichten. Aber der Sabbath muß gewahrt werden. I.J. SCHRAMM^^

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.