Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 16 (4.9.1928)
- Article
- Konferenz des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum zu Berlin
- Date
- 1928-09-04
- Page
- Seite 264 (sequence 3)
- Language
- German
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264 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 16 Richtung: vom liberalen Juden ist mehr an Religiosiät als von jedem anderen verlangt. Der Liberalismus sagt jedem, daß in seinem Judentum der Geist der Menschheit ist; damit sind vom liberalen Juden größere Gedanken als von jedem anderen gefordert. Der Liberalismus stellt den einzelnen in seine Gemeinde und in sein Voll-, aber auch in die Völlerfamilie; damit ist für jeden ein stärkeres Bewußtsein seines Platzes vonnöten. Drei-, faches ist so die Forderung: lebendige persönliche Religiosität, Größe der Gedanken, Wissen um den jüdischen Wert. Darin spricht die Gegenwart ihre Forderung aus, das ist „modern life". Claude G. Montefiore hält nun sein Referat über „Die Bedeutung des liberalen Judentums für das religiöse Leben." Er beginnt seine Rede mit der scherzhaften Bemerkung: „Bin ich nicht ein guter Mensch, wenn ich es unternehme, nach einem Baeck zu sprechen?" Und führt dann folgendes aus: Er hat den Titel dieses Vortrages (der ihm vorgeschrieben und nicht selbst von ihm gewählt worden ist) so verstanden, daß er über die Bedeutung des liberalen Judentums für das religiöse Leben des Individuums sprechen soll. Die Bedeutung der Bezeichnung „ein religiös gelebtes Leben" ist: a) Ein besonderer Antrieb, der dem menschlichen Leben hinzugefügt ist; b) eine besondere Note, ein besonderes Plus, das hinausgeht über das durchschnittliche oder gewöhnliche „gute" Leben. Das religiöse Leben erhält seine Färbung durch die besondere Eigenschaft der Religion (in der Bedeutung, in der das Wort in diesem Vortrag gebraucht ist), nämlich daß Religion (anders wie Schönheit, Pflicht oder Wissen) eine lebendige Persönlichkeit als Objekt oder Subjekt fordert. Dieses Ideal ist (für den Gläubigen) nicht durch Menschen geschaffen, wenn auch durch Menschen entdeckt. Religion und religiöses Leben bedeuten Beziehungen zu einer höchsten Persönlichkeit, die in höchstem Maße lebendig ist. Es ist außerordentlich unwahrscheinlich, daß ein orthodoxer Jude ein reiner und leidenschaftlicher Theist wird, wenn er aufhört, ein orchodoxer Jude zu sein. Daraus allein schon ergibt sich die ungeheure Bedeutung des liberalen Judentums für das religiöse Leben, weil es erstens der einzige religiöse Gegensatz zum orthodoxen Judentum ist und zweitens das orthodoxe Judentum für die Juden des Westens mehr und mehr unannehmbar wird. Bayerische Vereinsbank Niederlassungen an allen größeren Plätzen Bayern rechts des Rheins m [§§ Gold-pfariddrief H! te.88.tt.EE . § 35 wt m m Gramm Jttojott - ico GoISmart. | '^z£-2r- /«—i Issm Individuelle Beratung in allen Vermögensangelegenheiten Der neue Zeppelin wird bald seine Rundflüge über Deutschland beginnen; das neue ..Zelt“ enthält einen lesenswerten Aufsatz über David Schwarz, einen jüdischen Vorläufer Zeptern anderes, nicht religiöses Ideal, so vorzüglich es an sich auch sein mag, kann die Stelle des orthodoxen Judentums in der Schaffung des religiösen Lebens ersetzen. Nur Religion kann die Stelle von Religion einnehmen. Die Unannehmbarkeit und Vernachlässigung des orthodoxen Judentums ist nicht auf eine „Klaffe" oder aufdie „Gebildeten" beschränkt. Daraus ergeben sich ernste Konsequenzen. Das liberale Judentum ist' in hohem Maße notwendig, um dem weitverbreiteten Jndifferentismus und Atheismus entgegenzuwirken. Das liberale Judentum ist die einzige Chance für das Judentum und für das religiöse Leben der Juden des Westens. Das stellt eine Aufgabe von ungeheuerer Bedeutung dar. Das liberale Judentum allein besitzt die Kraft, erfolgreich die Schwierigkeiten zu lösen. Darum wollen wir an das liberale Judentum und an Gott glauben. Rabbi Dr. David Philipsom (Cincinnati) spricht über „Religiöses Leben des einzelnen und der Gemeinschaft." Er führt ungefähr aus: Da wir uns hier in der Hauptstadt des Landes zusammenfinden, das die Wiege des liberalen Judentums war, zollen wir unseren Tribut den deutschen Pionieren, und namentlich dem Führer unter allen, Abraham Geiger; seine große Leistung, seine Einstellung gegenüber dem gemeindlichen Judentum liegt in Traditionen begründet, die in Worten ausgesprochen sind: „Was der Geist der Geschichte, in welchem Gott sich offenbart, beseitigt, und begraben hat, kann keine menschliche Kunst auferwecken und wieder lebendig machen." Diese Philosophie der Reformbewegung ist noch auf die gegenwärtigen Verhältnisse anwendbar und drückt das Wesen des religiösen Wesens der Gemeinschaft aus. Der jüdische Liberalismus ist die Behauptung des Rechtes auf das selbständige Urteil der Persönlichkeit gegenüber den Forderungen der verschanzten Autorität. Das wahre Verhältnis zwischen dem religiösen Leben des Individuums und der Gemeinschaft in der liberalen Bewegung ihre gegenseitige Verpflichtung: „Freiheit in der Vereinigung", sollte das Motiv des liberalen Judentums Rabbiner Dr. Josef Lehmann, Prediger der Jüdischen Reformgemeinde zu Berlin, spricht über „Einfluß des liberalen Judentums auf die soziale Arbeit." Das Thema erfordert die fünf grundlegenden Feststellungen: 1. Was bedeutet Liberalismus? 2. Was bedeutet liberales Judentum? 3. Was bedeutet der soziale Gedanke innerhalb des Jdeenkomplexes des liberalen Judentums? 4. Welches waren die besonderen Leistungen des liberalen Judentums auf dem Gebiete der sozialen Arbeit? 5. Welche besonderen Aufgaben hat heute noch das liberale Judentum auf diesem Gebiete? 1. Das Wesen des Liberalismus besteht in der Wahrung der unbedingten Freiheit der Idee. Weder mythologische Vorstellungen, noch dogmatische Formulierungen dürfen die Idee fesseln, der in rein logischer Erkenntnis die Möglichkeit gegeben sein soll, sich gemäß dem Fortschritt des Denkens und der Kultur stetig zu entwickeln. 2. Das Wesen des Judentums ruht in der Eigenart seiner rein geistigen, rein sittlichen Gottesidee. Die einzigen religösen Einrichtungen der jüdischen Gemeinde können daher nach der Anschauung des liberalen Judentums nur sein: 1. Lehrhaus, 2. Gotteshaus, 3. soziale Einrichtungen. 3. Die Eigenart der sittlichen Idee des Judentums gegenüber Christentum und Buddhismus offenbart sich in der Idee der sozialen Gerechtigkeit. Das Lebensrecht des Knechtes und der Magd, des Armen und des Fremdlings, ihr unbedingtes Menschenrecht, ihr Recht auf Anteil an den Gütern der Gotteserde beherrscht die sittliche Gedankenwelt der Bibel und prägt sich in praktischen sozialen Forderungen aus. - 4. Es war das Verdienst des liberalen Judentum, daß sofort mit Beginn der großen Reformbewegung des 19. Jahrhunderts auch der Baum sozialer Gerechtigkeit wieder zu neuer Entfaltung kam.