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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-09-04 · 16 (4.9.1928) · p. Seite 263

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
16 (4.9.1928)
Article
Konferenz des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum zu Berlin
Date
1928-09-04
Page
Seite 263 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 16 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 263 dern an alle Juden der Welt. Unsere Gemeinschaft spricht aber nicht nur zu den Juden, sie spricht zur ganzen Menschheit. In einer Zeit, da die prophetischen Ideen des Friedens und der Gerechtigkeit im Leben der Völker ihr Haupt erheben, haben wir die Pflicht, darauf hinzuweisen, daß wahre Freiheit, Einheit und Friede erst einziehen in die Herzen und die Häuser der Menschen, wenn erfüllt wird, was vor tausenden von Jahren jüdische' Männer der Welt gekündet haben. In einer Zeit, wo körperliche Entwicklung und technische Vervollkommnung fast über Gebühr gefördert werden, erscheint es notwendig daraus hinzuweisen, daß niemals das wahre Glück kommt, ohne daß die Seele ihr Recht empfängt. Das ist der letzte und tiefste Sinn unserer Zusammenkunft, der Ruf zur Einkehr an den einzelnen und an die Gesamtheit, die Forderung, nachzudenken über den Sinn des Lebens, die Pflichten des Menschen und das Endziel der Menschheit. Eine Frau und ein Mann sind es — fährt Heinrich Stern fort — deren Geist über dieser Tagung schwebt: Lily Montague ist das Herz, Claude G. Montefiore das Haupt unserer Gemeinschaft. Ihnen, teurer Freund, Claude Montefiore, hat die Welt, nicht nur die jüdische Welt, vor kurzem an ihrem 70. Geburtstag sagen dürfen, was Sie ihr bedeuten. Der Redner verliest die Ehrenurkunde der Ernennung Montefiores zum Ehrenmitglied der Vereinigung für das liberale Judentum (starker, langanhaltender Beifall). Der Redner wünscht, daß die Konferenz ein Jungbrunnen für die liberale Bewegung, ein Ring des Zusammenschlusses der jüdischen Gemeinschaft und ein Samenkorn für den Auftrieb und das Blühen der gesamten Menschheit werde. Legationsrat Graf von Tattenbach erklärt, er habe von der Reichsregierung und der preußischen Staatsregierung den ehrenvollen Auftrag erhalten, diese Tagung zu begrüßen, die im Dienste ethischer Ideen steht und darum nicht an ein einziges Land gebunden ist. Die von ihr vertretenen Ideale erstrecken sich über alle Länder der Erde und tragen dazu bei, Berührungspunkte zwischen den Menschen und Völkern zu schaffen und dem Frieden zu dienen. Die Reichsregierung und die preußische Staatsregierung wünschen den Beratungen einen vollen Erfolg. Rabbiner Dr. Seligmanu wendet sich im Namen der Vereinigung für das liberale Judentum mit einer feierlichen Ansprache an den Präsidenten Montefiore, dem alle geistigen Führer des Liberalismus huldigen als einen Mann der Wissenschaft und des starken Willens, als einer religiösen Persönlichkeit, die als Vorbild dient und das Beispiel von „Kiddusch haschem" gibt. Da er nun die Schwelle des biblischen Alters überschritten hat, überreichen ihm die Führer eine Festgabe. Der Redner überreicht in feierlicher Form Montefiore eine Festschrift auf Büttenpapier und in künstlerischem Einband, in welcher Dr. Baeck, Erich Bayer, Dr. Blau, Dr. Dienemann, Prof. Elbogen, Falkenberg, Dr. Freudenthal, Dr. Galliner, Dr. Goldmann, Dr. Gottschalk, George Goetz, Dr. Holzmann, Dr. Kahlberg, Dr. Lehmann, Levi (Mainz), Dr. Lilienthal, Dr. Lenkowitz, Dr. Maybaum, Dr. Joseph, Paula Ollendorf, Dr. Salomonski, Dr. Samuel, Dr. Seligmann, Heinrich Stern, Dr. Vogelstein, Dr. Wiener und Dr. George Alexander Kohut (Neuyork) der Persönlichkeit von Claude Montefiore huldigen. Kammergerichtsrat W o l f f begrüßt namens der Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Landesverbände Deutschlands, des Preußischen Landesverbandes und der Berliner Jüdischen Gemeinde die Weltkonferenz und sagt, er stehe hier als Vertreter aller deutschen Juden, in der — und das ist nicht zu bedauern, eher zu begrüßen — verschiedenste Richtungen vertreten sind. Aber jeder gibt von seiner Stelle das Beste für das Wohl des Judentums. Möge die Tagung ein Markstein in der Geschichte des Judentums werden. Montefiore dankt tiefbewegt für die ihm zuteil gewordene Ehrung. * Deutschland, sagt er, ist der Geburtsort und die Heimat des liberalen Judentums, hier wirken große Männer und Lehrer. Montefiore erzählt, wie er vor 45 Jahren zum ersten Male nach Berlin kam, um bei Männern wie Maybaum, Zunz und Steinschneider zu lernen. Durch diese Andenken ist ihm Berlin zu einer Stadt geworden, die ihm Demut einflößt, so oft er sie betritt. Es komme ihm darum verwunderlich vor, daß er heute hier den Ehrenplatz einnimmt. Hier fühle er sich nicht als Führer, sondern als Schüter. Montefiore sagt, obwohl er von Lily Montague gebeten worden ist, nichts über sie zu sagen, könne er sich nicht enthalten, zu bemerken, daß Lily Montague die Gründung des Weltverbandes zu danken ist. Noch einige wenige Jahre, schloß er, sind mir zu leben beschieden, diese Jahre will ich unserer Bewegung widmen. Lily Montague verliest ein Grußtelegramm der American Hebrew Congregations, das von Dr. Ludwig Voogesstein unterzeichnet ist und besagt, die Union der Amerikanisch-Jüdischen Kongregationen sende der Konferenz die besten Wünsche und lade sie ein, zur dritten Weltkonferenz des liberalen Judentums nach Amerika zu kommen. Die ungemein hohe Beteiligung Amerikas an der Berliner Konferenz beweise das große Interesse des amerikanischen Judentums an dem liberalen Gedanken, der die mittelalterlichen Fesseln abstreisen hilft und eine Vereinigung der Erkenntnisse von Religion und Wissenschaft herbeiführt. Von den Nichtjuden trennt uns nichts als die Verschiedenheit der Religion. George Goetz verliest nun Begrüßungsschreiben aus verschiedenen Ländern. Am Sonntag vormittag begann die Sitzung um 11.20 Uhr mit einem kurzen Gebet. Den Vorsitz führt A. Leo Weil (Pittsburgh), der in einer kurzen Ansprache betont, daß der Weltverband für das liberale Judentum in der Frage des Zionismus Neutralität wahrt und daß darum diese Frage nicht zur Erörterung kommen wird; das Präsidium ist aber damit einverstanden, daß die Sondernummer der „Jüdischen Rundschau,,, die der liberalen Weltkonserenz gewidmet ist, draußen unter den Delegierten verteilt werde. Von lebhaftem Beifall begrüßt, beginnt Dr. Leo Baeck das Generalreferat der Tagung, das den Titel trägt: „Die Botschaft des liberalen Judentums an die Juden von heute!" In meisterhafter, tief eindringlicher Form, die die große Zuhörerschaft in Atem hält und zum Schluß einen außerordentlich warmen und langandauernden Beifall auslöst, entwickelt Baeck die Idee des jüdischen Liberalismus. Der Jude ist ein Bekenner und ein Zeuge, er darf die Bequemlichkeit nicht lieben, er muß den Willen zum Drama haben, zur Tragödie. Liberalismus bedeutet nicht ein Minimum, sondern ein Maximum an Judentum. Liberales Judentum muß die Stimme der Geschichte hören. Des weiteren führt Der Liberalismus im Judentum will den Blick und die Aufgabe des Juden in den ganzen Lebensbereich der Menschheit hineinstellen.' Mit den anderen Richtungen im Judentum ist ihm gemeinsam, daß er einen entschiedenen Wert darauf legt, daß der Jude in feiner Religion ein eigenes, eigentümliches, religiöses Besitztum hat, daß dem Juden in seiner Religion die Gewißheit, das Gebot, die Zuversicht, der Wert seines Lebens gegeben ist. Das Besondere des liberalen Judentums ist, daß es in dem allen zugleich immer stark empfindet, was darin der Menschheit, und also jedem Menschen gegeben ist, so daß in dem Persönlichen, dem spezifisch Jüdischen, auch immer das Universale lebendig erfaßt wird. Die Gefahr der anderen Richtungen ist, daß das jüdische Denken ganz in seinem eigenen jüdischen Bezirke bleibt, daß die Weite und damit der große Zug ihm verloren gehen. Die Gefahr des Liberalismus ist, daß er sich in die Weite verflüchtigt, daß er in einen vagen Umversalismus, in eine verschwommene Humanität verfliegt, und daß er so das Bewußtsein des Eigenen und Charakeristischen, die Sicherheit des besUmmten Bodens einbüßt. Das Humane verlangt vom Menschen weniger als das bestimmt Religiöse, weil es ein Allgemeines ist, das keine genauen Fordederungen stellt. So kann Liberalismus aus einer Schwäche des Religiösen hervorgehen, er kann eine Minimalforderung des Jüdischen bedeuten. Die Gefahr der Orthodoxie ist, daß die Idee, das Wesentliche und Eigentümliche von der Fülle der einzelnen Forderungen erdrückt wird. Die Gefahr des Liberalismus ist, daß er sich mit dem Allgemeinen und Ideellen zufrieden gibt und sich des einzelnen, des Gebotes enthoben meint, so daß er dann eine Religion und Konfession und nicht eine Religiosität, ein religiöses Leben ist. Der Liberalismus gründet sich auf das Recht des Individuums. Aber damit fordert er vom einzelnen auch mehr als jede andere Ä2 KUNST-GEWERBE'HAUS SÄ

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