Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 14 (1.8.1928)
- Article
- Protokoll der Verhandlungen der sechsten Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden in Bamberg am 17. und 18. Juni 1928
- Date
- 1928-08-01
- Page
- Seite 236 (sequence 8)
- Language
- German
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236 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 14 Hausfrauen nehmt zur Bewältigung Eurer großen Wäsche die Wäscherei der Münchner Hausfrau Landwehrstr. 57/59 Tel. 596858 in Änspruch. Sie bietet Euch alle Vorteile. Besichtigung des gesamten Betriebes gerne gestattet. bewußtsein verlieren. Wenn die soziale Hilfeleistung dazu führt, daß sich der Befürsorgte seiner eigenen Kraft nicht mehr bewußt wird, daß er sich immer mehr auf die soziale Hilfeleistung verläßt, dann hat sich der Zweck der sozialen Hilfeleistung in das Gegenteil verwandelt. Ich möchte darum darauf Hinweisen, und Ihnen die dringende Mahnung ans Herz legen, daß der sozial Befürsorgte nicht bloß Geld braucht, sondern auch Erziehung, um aus den ihm gewährten materiellen Mitteln etwas Fruchtbares zu gestalten. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß dieselbe Mahnung auch zu richten ist an manche Vereine, Stiftungen und Gemeinden, denen vielfach ein größeres Maß von Verantwortungsbewußsein gewünscht werden muß. Auch hier wird es notwendig sein, dazu zu erziehen, nicht einfach zu nehmen ohne zu fragen, was dafür zu leisten ist. Wir müssen uns doch vergegenwärtigen, daß in früheren Jahren Vereine, Stiftungen u. a. ihren Stolz darein gesetzt haben, alles aus eigenem zu leisten, während sie heute vielfach zu Kostgängern des Verbandes und der Gemeinden geworden sind.. Es ist vielleicht ein bezeichnendes Beispiel, daß wir schon seit Jahren von den Vereinen und Stiftungen mit ganz wenigen Ausnahmen keine gedruckten Jahresberichte mehr erhalten, in denen früher das Verantwortungsbewußtsein der Körperschaften zum Ausdruck kam. Auch hier darf vielleicht die Mahnung zu stärkerem Verantwortungsbewußtsein erhoben werden, die notwendigerweise den Vereinen und Stiftungen ans Herz gelegt werden muß; und gerade weil sie hilfsbedürftig sind, müssen sie wieder an den Gebrauch ihrer eigenen Kraft gewöhnt werden. Ich darf vielleicht zum Schluß an die Worte erinnern, die Herr Kollege Rülf von R. Israel zitiert hat: „Wenn Gott sich von Noah entfernt hatte, so wußte er. es ist, damit er gehen lernt." Auch wir müssen vielleicht sagen, wir müssen uns von manchen Hilfsbedürftigen, Einzelpersonen wie Vereinen und Stiftungen, entfernen, damit sie wieder gehen lernen. JustizratLeo Oppenheimer: Ich möchte mich den letzten Worten meines Vorredners im allgemeinen anschließen. Es ist richtig gesagt worden, daß die Ansprüche an den Verband namentlich von Vereinen und Stiftungen immer mehr wachsen, weil sie sich sagen, der Verband kann es sich fa leisten. Und da muß gesagt werden (auf Grund eines Beschlusses, den die Tagung schon in früheren Jahren gefaßt hat), daß sie sich Vorbehalten hat die Verwendung der Mittel zu prüfen insbesondere., ob sie zu dem Zwecke verwendet worden sind, für den sie bewilligt sind. Ich verweise darauf, daß wir nicht nur Zwerggemeinden nicht unterstützen dürfen und Zwergrabbinate, sondern daß das auch gegenüber Vereinen und.Stiftungen sowie Anstalten gilt, die nicht mehr lebensfähig sind. Z. B. möchte ich darauf aufmerksam machen, daß die Anstalten in Wolfratshausen, das Landheim und die Haushaltungsschule, immer mehr verlangen. Ich fordere nicht, daß Sie die Beiträge in diesem Jahr nicht bewilligen, aber ich stelle den Antrag an die Verbandsleitung, daß geprüft wird, ob diese Beträge in richtiger Weise verwendet werden. Hinsichtlich der Anstalt in Forth meine ich, daß von der Gemeinde Nürnberg der ausgesetzte Betrag von RM. 500.— leicht aufgebracht werden könnte. Dagegen möchte ich feststellen, der israelitische Verein für Ferienkolonien in München hat im vorigen Jahre nichts bekommen, obwohl er umbauen mußte und in Geldverlegenheit war. Es ist ihm nichts anderes übrig geblieben, als bei einer Bank ein Darlehen aufzunehmen und sich so zu helfen. Hier müßte Wandel geschaffen werden. Anderseits muß ich konstatieren, daß für den Verein für Geisteskranke in Lohr zu wenig geschieht. (Redner führt dies eingehend aus.) Des weiteren möchte ich auf die Wanderärmenfürsorge Hinweisen. Mit Jeremia 1, 14 könnte man da sagen: Vom Norden kommt da nichts Gutes. Wir haben von Berlin aus, von der Zentralstelle, eigentlich nicht die Organisation zur Bekämpfung des Wanderbettels erhalten, sondern die Organisation des Wanderbettels. In dieser Richtung muß Wandel geschaffen werden. Wenn ich weiter anerkennen will, daß für die Geschichte des Judentums etwas geschehen muß, so bitte ich zu beachten, daß für die Sammlung jüdischer Kunstaltertümer in Bayern RM. 17 000.— ausgesetzt sind und da sind nach meiner Meinung die tatsächlichen Ausgaben noch nicht genug umfaßt. Wenn Sie dagegen den nächsten Posten ansehen „für die Jugend RM. 4500.—", so ist das im Verhältnis zu wenig. Zu einem weiteren Punkte möchte ich noch kurz meine Meinung äußern, das ist „die jüdische Volksschule". Es ist eigentlich nicht richtig gewesen, daß diese Frage angeschnitten wurde; denn wenn man sie erörtern will, gehört ein ganzer Tag dazu. Ich habe bei einer Versammlung in München schon dazu gesprochen, bin ausgegangen von dem Satze in dem Buche Jona: „Jvri onochi." Ich habe selbst in München noch die jüdische Polksschule besucht im letzten Jahre, da sie bestand. Aber als ich im Gymnasium war, habe ich nicht empfunden, daß der Umgang mit Andersgläubigen ein Fehler war. Es ist mir aber klar, daß, wenn alles dürchgeführt wird, was hier von den Anhängern der jüdischen Volksschule hinsichtlich der Errichtung solcher geplant und gefordert wird, dann kommt eine Gemeinde nach der anderen mit großen Ansprüchen an den Verband. Aber schlimmer wird sein: Wir brauchen dann keine Bekämpfung des Antisemitismus mehr; denn ein Asemitismus wird von selbst Platz greifen. Wir können eben nicht früh genug lernen, mit Andersgläubigen zu leben. Aber ich bin der Meinung, daß diese ganze Frage beute hier nicht hätte angeschnitten werden sollen. Das gleiche gilt für die Frage der Einbürgerung, die Herr Dr. Bamberger behandelt hat: im Rahmen einer Etatrede ist sie nicht zu prüfen, wenn sie auch vielleicht vor die Tagung gebracht werden kann. Zum Schlüsse noch eines: Es wird uns eine Gemeindezeitung gebracht. die die Überschrift trägt: Gemeindezeitung der Kultusgemeinden München und Augsburg und des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Ich meine, der Verband sollte an der Spitze stehen. Die Zeitung sollte nicht in erster Linie Angelegenheiten der Gemeinden bringen, sondern solche des Verbandes. Und zwar solche, die allgemein interessieren, auch unsere Mitglieder von der Pfalz. Von allen Seiten sollten mehr Veröffentlichungen gebracht werden. Dann wird die Gemeindezeitung überall Interesse erregen und das werden, was sie sein soll, ein Widerhall der Stimmen der einzelnen Gemeinden, .dann herrscht Freude und Leben, wenn's von allen Zweigen schallt Rabbiner Dr. Stein: Ich könnte stolz darauf sein, daß die größte Fraktion unseres Parlaments durch den Mund ihres sehr verehrten Vorsitzenden erklären läßt, daß sie im Hinblick auf meine bescheidene Persönlichkeit sich entschlossen hat, die Mittel für den Fortbestand des Rabbinats Burgpreppach zu bewilligen. Mein Stolz liegt aber in diesem Fall nach einer anderen Richtung. Ich bin stolz darauf, daß die stärkste Partei in unserer Körperschaft sich von sachlichen Erwägungen leiten läßt und den Mut aufbrinat, ihren ursprünglichen Beschluß hinsichtlich der Besetzung des Rabbinats Burgpreppach, der von unzutreffenden Voraussetzungen diktiert war, zu ändern. Zurückweisen muß ich es aber, wenn Herr Rechtsanwalt Jung im Namen seiner Fraktion davon gesprochen hat, daß wir nicht die Verdienste der liberalen Fraktion anerkennen. Wir sind vollauf durchdrungen von dem Bewußtsein, daß hier eine allseitig harmonische und friedliche Zusammenarbeit aller Fraktionen stattfindet. Ich möchte darauf Hinweisen, daß es keinen Sinn gehabt hätte, vor acht Jahren einen Verband etwa für die liberalen Gemeinden zu gründen. Es konnte nur ein Verband gegründet werden zum Schutze der Klein- und Mittelgemeinden. Die liberalen Großgemeinden mögen folgendes erwägen: Der Talmud sagt: „Weit mehr als der Reiche an dem Armen tut, tut der Arme an dem Reichen." Die großen Gemeinden tun etwas überaus Nützliches und Verdienstvolles, wenn sie Mittel bereitstellen, um der Not in den Kleingemeinden zu steuern. Aber die größere Befriedigung haben die Gebenden. Der Talmud sagt, es ist kein Unterschied, ob einer viel oder wenig geben kann, wenn nur die Absicht auf den Himmel gerichtet ist. Das ist die Hauptsache. Wir alle haben in allen Teilen des Landes den Wunsch, zur Aufbringung der Mittel des Verbandes beizutragen. Der Wille ist überall da, der Effekt freilich ist verschieden. Da die Kleingemeinden nicht so vermögend sind, können sie nur wenig beitragen. Die Groß-