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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-08-01 · 14 (1.8.1928) · p. Seite 235

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
14 (1.8.1928)
Article
Protokoll der Verhandlungen der sechsten Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden in Bamberg am 17. und 18. Juni 1928
Date
1928-08-01
Page
Seite 235 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 14 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 235 Aus Ängstlichkeit gegen die Parität zu verstoßen, wohl auch aus einer gewissen Unkenntnis über die Ziele der Jugendbewegung war in früheren Jahren ein durch mich gestellter Antrag auf Unterstützung — im sozialen Ausschuß oft genehmigt, vom Rat abgelehnt worden. Die Jugendvereine haben ihre Ziele klar herausgestellt und es lassen sich für alle zwei grundsätzliche Willensrichtungen feststellen: 1. der Wille zur Einheit und Brüderlichkeit. 2. der Wille zur Hinwendung zum Jude sein und Judentum. Da ich Ihr Herz für die Jugend und ihre selbstgestellten Ausgaben erwärmen möchte, gestatten Sie mir, in Kürze davon zu sprechen. Die Jugendoereine wollen das parteimäßige Zersplittern aus ihren Reihen ausgeschlossen wissen. Soweit sie untereinander zu verhandeln haben, geschieht es in Freundschaft und friedlicher Arbeit. Sie sind Juden und daher Brüder. Sie wollen verwirklichen, daß das Judentum höchstes Ideal des Friedens ist. Sie arbeiten darauf hin, daß der Kastengeist im Judentum, der heute noch nach Geldbeutel und Berufsstellung unterscheidet, verschwinde. Sie wollen durch Erziehung und gemeinschaftliches und gleichgerichtetes Streben die Zerrissenheit, wie sie gerade das Judentum der Gegenwart vielfach aufweist, für späterhin unmöglich machen. In ihren Reihen steht heute der Akademiker neben dem jüngsten Lehrling und die Hausangestellte neben der Großkaufmannstochter. Noch wichtiger aber ist der Wille der Jugend, Jude zu fein. Nachdem der Krieg den Machtgedanken ad absurdum geführt hatte, wandte sich die gesamte bildungswillige Jugend Deutschlands dem Geistigen und Religiösen zu. Hierbei konnte übrigens wieder festgestellt werden, daß der Jude in gleicher Weise reagiert auf Ereignisse und Wandlungen in seinem Vaterland, wie der christliche Deutsche. Auch die jüdische Jugend wandte sich der neuen Geistigkeit zu unter besonderer Betonung der jüdischen Ideale. Und sämtliche Jugendvereine treffen sich — wenn sie auch in mancherlei Hinsicht divergieren — auf der gemeinsamen Plattform der Erkenntnis des Judentums. Sie studieren an den unversiegbaren Quellen jüdischer Lehre, sie holen sich Stolz und Rückgrat aus der jüdischen Geschichte, sie gedenken in ernsten und fröhlichen Feiern der Marksteine im Werden des jüdischen Volkes. Und ob und wie sie den jüdischen Problemen treu bleiben, das mag fiir den Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden der Maßstab sein bei der Zuteilung von Unterstützungen. Aber der Verband muß der Jugend zu Hilfe kommen. Die Jugend wird nicht weiterkommen oder ihre Ziele zurückstecken müssen, wenn sie noch weiterhin angewiesen ist auf die Tasche des Privatmanns, auf die Beiträge der Studierenden und nach Tarif bezahlten Angestellten. Der Verband muß ihr nächster, der aus Selbstverständichkeit beispringende Helfer sein. Ich möchte mich, um Ihnen die Verbundenheit und die Arbeit für einander in der Jugendbewegung zu demonstrieren, — obwohl konservativer Abgeordneter — nicht nur für die orthodoxen Verbände einsetzen, sondern ebensowohl für die neutralen, für Kadimah, für die zionistische Jugend und für alle anderen Vereine, die sich stolz zur jüdischen Jugend bekennen. Sie alle brauchen — wie ja die Delegiertentagung der jüdischen Jugendvereine Deutschlands letzthin in Dresden auch festgestellt hat — Geld für Bibliotheken, um sich weiterzubilden, für Heime, damit der Lehrling, der jugendliche Mensch, von der Straße, von der schlechten Kinoaufführung, von dem Talmivergnügen weg in eine für ihn eigens geschaffene gesunde Luft kommt, die ihm die aus dem Vaterhaus ersetzen soll. Sie brauchen Geld, damit die in der Stadt fremden ihre Freitagabende ausbauen und so nach werktätiger Arbeit ein Weekend zur Erfrischung der Seele begehen können. Sie brauchen Geld für den Sport, den sie treiben, um ihren Körper stark zu machen in dem auf das Erotische eingestellten Getriebe der Großstädte. Sie brauchen Geld für ihre zum Gemeinschaftsgeist erziehenden Treffahrten und für die Wanderungen, die aus der stickigen Luft zwischen den Steinmauern hinausführen in die freie Natur, wo sie blanke Augen und frische Lungen bekommen und sich ihrem Schöpfer näher fühlen. Es wäre ein schlecht wieder gutzumachender Fehler gewesen, wenn — wie es zuerst im Ausschuß beabsichtigt — gerade an der Position für die Jugendverbände etwas gekürzt worden wäre. Die Jugend hätte es nicht verstanden, wenn gerade ihre Belange weniger hoch eingeschätzt würden. Aber die Summe von RM. 4500.— wird kaum ausreichen. Noch in den letzten Tagen bat mich die Nürnberger Jugend dafür einzutreten, daß ihr doch außer der ihr zusallenden Quote noch etwa RM. 300.— bewilligt .werden, damit sie den ihr von der Stadt zugewiesenen Platz im Stadion bezahlen könne. Ich will den Herrn Schatzmeister nicht drängen. Nachdem er sich selbst als. ein Fürsprech der Jugend gezeigt hat, für deren Ausbildung nach der religiösen und geistigen Seite hin, bin ich der festen Erwartung, daß er aus etwa erhöhten Steuereingängen die Wünsche der Jugend befriedigen wird, wenn es nicht schon heute möglich gemacht werden kann. Der Verband hat sich in allen seinen bisherigen Maßnahmen vorbildlich gezeigt, fiir alle übrigen Verbände, die ihm auch auf den von ihm zuerst beschrittenen Wegen nachgefolgt sind. Möchte der Verband jetzt auch beispielgebend sein im Eingehen auf die berechtigten Wünsche der Jugendverbände. Um der Jugend unsere Sympathien zum Ausdruck zu bringen und zugleich die Bereitschaft auf die materielle Hilfe, möchte ich das Hohe Haus bitten, diese Resolution anzunehmen: „Der Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden verfolgt mit regem Interesse die Bestrebungen der jüdischen Jugendvereine und ist gerne bereit, die der geistigen und körperlichen Ausbildung dienenden Einrichtungen derselben kräftigst zu fördern und zu unterstützen." Mit Unterstützung des Verbandes wird die Jugend leichter ein freies lebendiges in der Vergangenheit wurzelndes und in der Gegenwart blühendes Judentum erhalten und schaffen können. Rabbiner Dr. Baerwald: Ich möchte an die-Zahlen des Etats anknüpfen und wiederholen, was wir heute bereits gehört haben-, nämlich daß die Ausgaben für soziale Zwecke von RM. 5000.— im Jahre 1924, im vergangenen Jahre auf über RM. 150 000.— gestiegen sind und für 1928 über RM. 200 000.— betragen sollen. Zahlen, die zu den allgemeinen Ausgaben in immer steigendem Maße in ein höheres Verhältnis getreten sind. Auch wenn ich von diesen RM. 211 000.— die kulturellen Leistungen abziehe, so bleiben immer noch über RM. 100 000.— übrig, das sind gegenüber dem Gesamtetat etwa 20 Prozent. Diese Zahlen finden ein gewisses Gegenbild in den Ausgaben bei anderen Körperschaften, z. B. wenn in der Stadt München etwa 40 Prozent, in der Kuktusgemeinde München etwa 26 Prozent des Gesamtetats für soziale Zwecke verausgabt werden. Das sind Beträge und Verhältnisse, die uns nach verschiedenen Richtungen hin zu Erwägungen Anlaß geben. Wir können einerseits mit freudiger Genugtuung konstatieren, daß die Opferfreudigkeit des Verbandes sowie ^r einzelnen Gemeinden gerade auf diesem Gebiete besonders stark ist. Es hat sich überall ein gewisser Enthusiasmus sozialer Hilfeleistung in den letzten Jahren geltend gemacht. Die Beobachtungen, die man hier machen muß, können aber auch ein anderes Gefühl in uns auslösen. Wir denken auch daran, was für Not und Elend uns in diesen Erscheinungen entgegentritt. Die soziale Gesetzgebung und Hilfeleistung trägt aber auch Gefahren in sich selbst. Je mehr die soziale Hilfe organisiert wird — und ohne Organisation können wir nicht richtig Helsen —. desto mehr unterliegt sie der Gefahr mechanisiert zu werden. Das bedeutet aber eine Entfeelung, und das würde die soziale Arbeit entwerten. Aber es ist auch die Frage, die wir uns vorzulegen haben, ob die soziale Arbeit bleibenden Erfolg hat. Den kann sie nur haben, wenn wir die Wohlfahrtspflege treiben unter dem Gesichtspunkt der Erziehung der Hilfsbedürftigen im Geiste der „Zedokoh". Wir haben zwar eine Tradition des Gebenden, aber ich glaube es wird notwendig fein, auch eine Tradition des Nehmenden sich heranbilden zu lassen. Sonst besteht die Gefahr, daß die Nehmenden das Verantwortungs- STOLtWERCK SCHOKOLADE-PRALINEN 1

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