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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-08-01 · 14 (1.8.1928) · p. Seite 233

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
14 (1.8.1928)
Article
Protokoll der Verhandlungen der sechsten Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden in Bamberg am 17. und 18. Juni 1928
Date
1928-08-01
Page
Seite 233 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 14 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 233 Rechtsanwalt Feilchenfeld (Konservativer Block): Ich glaube, in dem Dank an die Verbandsleitung gibt es keine Trennung nach Parteien. In diesem Dank sind wir alle um so mehr einig, als wir wissen, wie verschiedenartige Ausgaben, die alle gleich wichtig sind, immer von neuem an den Verband herantreten. Es ist also eine um so dankenswertere Arbeit, wenn die immerhin beschränkten Mittel in einer so sinnvollen Weise für alle diese Aufgaben verwendet werden. Es ist eine schöne Sitte, im Anschluß an die Berichterstattung über den Etat auf die allgemeinen Grundzüge unserer Arbeit zurückzugehen, auf die höheren Gesichtspunkte, die sich hier auswirken. Ich möchte den Gedanken aufgreisen, der heute morgen in so herrlicher Weise von dem Rabbiner dieser Gemeinde, Herrn Dr. Rülf ausgesprochen worden ist, wenn er unter der Gläubigkeit des iüdischen Menschen nicht allein die des Menschen von heute verstand, sondern die des jüdischen Menschen aller Zeiten und aller Orte. Wir müssen uns von Zeit zu Zeit darauf besinnen, wenn auch unsere Tagesarbeit nur einem engeren Kreise gelten kann. Wir müssen uns darauf besinnen, daß wir im Zusammenhang stehen mit dem Judentum aller Zeiten und mit allen Juden auf der Erde. Dann werden wir den richtigen Ausgangspunkt für unsere Arbeit finden. Das Judentum befindet sich leider in einer doppelten Verteidigungsstellung gegenüber äußeren Angriffen und gegenüber innerem Verfall. Wir stehen nach außen in dem ständigen Kampf der Weltanschauungen überhaupt, in dem Kampf, den jede Religion und wahre Geisteskultur gegen die heidnische Anbetung von Macht und Genuß zu führen hat, außerdem aber in dem besonderen Kampf, in dem die Judenheit von ihren zahlreichen Feinden bedrängt wird. Ich glaube, es ist nicht ohne Wert, auf diesen Kampfplatz binzuweisen und auf die Funktionen, die sich daraus für uns ergeben. Die jüdische Religion schreibt vor, daß der Jude sich vor allem mit den geistigen Gütern, mit der Lehre des Judentums beschäftigen soll und dies müssen wir in den Vordergrund unserer Arbeit stellen. Besonders heute haben wir es nötig, wo die Anfeindungen von außen, die wir immer durchzumachen hatten, -sich vereinigen mit den inneren Tendenzen zum Zerfall unserer Gemeinschaft. Ich habe das Gemeindeblatt der Gemeinde Berlin vor mir, das die Vevölkerungsbilanz enthält. Der Überschuß der Sterbefälle war für das Jahr 1926 so. daß 1800 Geburten 2300 Sterbefällen gegenüber standen. Was ist nun zu tun. um dieser Tendenz entgegenzuwirken? Der Untergang der deutschen Juden steht vor unseren Augen. Wir müssen die Verteidigungsstellung ausbauen, wo wir können. Das können wir durch Verwurzelung der jüdischen Menschen in den geistigen Gütern des Judentums, um sie widerstandsfähig zu machen für den Kampf, den sie zu führen haben. Und hierbei komme ich zu dem grundsätzlichen Wunsch unserer Freunde, daß wir jüdische Schulen als Vorbildung für das jüdische Leben verlangen. Wir sind uns wohl bewußt, welche Schwierigkeiten dem entgegenstehen. Aber ohne auf Einzelheiten einzugehen, wollen wir immer wieder betonen, daß wir die jüdische Schule als Voraussetzung für eine Gesundung des jüdischen Lebens ansehen. Und zwar nicht nur mit der Begründung, daß die anderen Schulen nicht geeignet sind, weil sie keine jüdischen Lehrkräfte anstellen, oder weil die Gleichberechtigung der jüdischen Schüler nicht gewährleistet sei. sondern aus dem Grunde, daß eine jüdische Atmosphäre für das jüdische Kind notwendig ist, um es im Judentum zu verwurzeln. Das soll keinerlei Spitze gegen eine andere Anschauung sein. Ich sage, wir brauchen das nicht mit negativen Argumenten zu begründen, warum die anderen Schulen nicht geeignet sind, sondern mit dem positiven Gesichtspunkt, daß ein Baum, der dem Sturm standhalten soll, fest seine Wurzeln im Erdreich geschlagen haben muß. wenn er nicht Schaden leiden will. Das kann nur durch eins jüdische Schule bei Verbindung des Gesamtunterrichts mit dem Geiste des Judentums geschehen. Sie wissen, daß auch die sogenannten Simultanschulen christlichen Charakter haben. Dafür ist z. V. Beweis, daß die Anstellung einer jüdischen Lehrerin abgelehnt wurde, weil gesagt worden ist, die Simultanschulen tragen christlichen Charakter. Damit ist eines der erheblichsten Argumente zu Gunsten der Simultanschule widerlegt. Wir wollen doch den jüdischen Geist in den Unterricht hineinbringen, der in einem zweistündigen Religionsunterricht an einer Simultanschule nicht hereingebracht werden kann. Wir wollen, daß unsere Kinder Sabbate und jüdische Feiertage halten können und die Sprache der Bibel kennenlernen. Dies ist eine Aufgabe unserer Zeit, die vieles gutzumachen hat, was vergangene Geschlechter nach unserer Ansicht gesündigt haben. Sie brauchen nicht Angst zu haben vor der Absonderung von den anderen Staatsbürgern. Ich glaube, daß heute die Gesamtansicht der gebildeten Kulturwelt dahin geht, daß nicht die Verwischung sondern die Erhaltung und Bewahrung der Eigenart dazu beiträgt, einen vollwertigen Staatsbürger heranzuziehen. Wer den Werdegang der jüdischen Volksschule kennt, der weiß ganz genau, daß keinerlei Gefahren bestehen für das Kind, das in einem jüdischen Milieu ausgewachsen ist, daß es sich im Leben nicht zurechtfindet wie jedes andere. Denn die jüdische Schule erzieht nicht zu unpraktischen Idealisten. Wir begrüßen es, daß in diesem Etat Mittel für die Jugendbewegung eingesetzt worden sind. Denn, die Schule allein kann nicht das Werk vollenden. Die jüdische Jugend muß in die Jugendverbände. Auf diese Frage wird noch näher eingegangen werden. In dem Punkte der Verufsumschichtung stimme ich mit meinem Vorredner überein. Wir sind mit allen dahingehenden Versuchen einverstanden. Rur eines möchten wir betonen: Man soll hierbei darauf Rücksicht nehmen, daß die Erfordernisse des jüdischen Religionsgesetzes erfüllt werden können, oder daß die Möglichkeit gegeben wird, in solchen Siedlungen die religiösen Bedürfnisse in erforderlicher Weise zu erfüllen. Was hier im Verbände an sozialer Arbeit geleistet worden ist, werden wir morgen hören. Das ist nicht genug zu rühmen und zu loben. Das ist eine Arbeit, die reiche Früchte tragen wird, und die in keiner Weife eingeschränkt werden darf. Und was uns noch besonders am Herzen liegt, das ist die Förderung der kinderreichen Familien. Diese schwierige Frage beschäftigt nicht nur unsere Gemeinschaft, sondern darüber hinaus die Staatsmänner. Ich weiß nicht, ob eine Lösung heute herbeigeführt werden kann. Aber wir wollen alles versuchen, um der hier gegebenen Not abzuhelfen. Mit Schlagworten ist dieses Problem nicht zu lösen. Man hat die abnehmende Religiösität und die schweren wirtschaftlichen Verhältnisse für den Geburtenrückgang verantwortlich gemacht. Sie sind es aber nicht allein. Diese und andere Momente wirken zusammen, die wohl zu beachten sind. Dann möchte ich noch in einem prinzipiellen Punkt dem Vorredner widersprechen. Wir wollen nicht, daß Kleingemeinden und kleine Rabbinate aufgelöst werden. Im Gegenteil, wir wollen, daß die religiöse, soziale und geistig kulturelle Fürsorge für die Kleingemeinden und kleinsten Gemeinden ausgebaut wird, wir müssen dies fordern, da wir die Vertreter der Kleingemeinden sind. Es ist nicht nötig, daß der vielbeschäftigte Stadtrabbiner noch große Landbezirke mit übernimmt. Wenn der Weg der Bezirksgemeindeordnung sich nicht gehen läßt, weil die Sitzgemeinden gegen eine Einflußnahme der kleinen Gemeinden sich wehren, wenn sich zeigt, daß die Interessen zu verschieden sind, dann müßte der Weg beschritten werden, daß besondere ländliche Rabbinate geschaffen werden für solche Gemeinden, die sonst nicht versorgt werden können. Vielleicht ist dies der einzig richtige Weg. Es wird sich damit auch die Frage einer Neueinteilung der Rabbinatsbezirke überhaupt verbinden lassen. Ich glaube, es würde richtig sein, wenn die Verbandsleitung an die Rabbinerkonferenz mit der Frage herantritt, die aus ihrer Erfahrung heraus am meisten in der Lage ist, Vorschläge für eine Neueinteilung der Rabbinatsbezirke zu machen. Ich möchte mit Genügtuung feststellen, daß der Verband durch die Regelung der Gehalts- und Versorgungsbezüge wesentlich dazu beigetragen hat, daß in den Mittest und Kleingemeiden die religiöse Versorgung sichergestellt worden ist. Das ist ein Ruhmesblatt für den Verband, das ihn immer auszeichnen wird. Es ist heute morgen mit Recht von einem Vertreter der Behörden gesagt worden, daß der Verband in seiner neuen Tagung nicht nur auf dem bisher bewährten organisatorischen Weg fortschreiten, sondern die geschaffenen Formen mit reichem Inhalt erfüllen möge. Ich will nicht sagen, daß das bisher nicht geschehen wäre, aber ich möchte mich in dieser Hinsicht den Anregungen meines Vorredners anschließen. Wir sind noch in den Kinderschuhen unserer Arbeit und müssen zuerst die Formen für sie schaffen, wir dürfen nicht zu viel des Guten in der Richtung tun. wir wollen an die großen Ziele denken, die hinter dieser organisatorischen Form stehen. Wenn auch zu bedauern ist, daß der letzte Schlußstein des Gebäudes, die Bezirksgemeindeordnung, nicht zustandegekommen ist, und ich möchte zum Ausdruck bringen, daß wir das bedauern, so ist vielleicht doch noch ein Ausweg in der vorhin angedeuteten Weise zu finden. Die Bezirksgemeindeordnung ist in hundert Jahren nicht zustande gekommen. so wird man eben noch etwas zuwarten. Vor allen Dingen müssen wir an die inneren Aufgaben herantreten, um den Verband, der eine schöne äußere Form gefunden hat, auf dem Wege vorwärts zu bringen, den wir für die Zukunft unserer Gemeinschaft und damit für die Menschheit erhoffen. Dr. Bamb e r g e r - Nürnberg (Volkspartei): Im Namen meiner Freunde möchte ich mich dem Danke anschließen, den die Herren Vorredner für ihre Fraktionen ausgesprochen haben. Wir rvol-

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