Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 14 (1.8.1928)
- Article
- Protokoll der Verhandlungen der sechsten Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden in Bamberg am 17. und 18. Juni 1928
- Date
- 1928-08-01
- Page
- Seite 232 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2727810-2727850-2727864-2733709--03505-2733738- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
232 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 14 Boden für eine große Aufgabe läßt die Verschiedenheit der Anschauungen, auch der Weltanschauungen, in den Hintergrund treten und vereinigt alles auf einer Plattform. Ich sehe es deswegen in diesem Augenblick auch nicht als meine besondere Aufgabe an, irgendwie das Gegensätzliche zu betonen. Wenn ich aber einen Augenblick das Fazit der letzten Jahre vom parteipolitischen Standpunkt aus ziehe, so muß ich sagen, daß wir Liberalen wesentlich geringere Erfolge auszuweisen haben als die anderen Richtungen. Aber wir tragen das in dem Bewußtsein, zum ganzen beigetragen zu haben. Nur dürfen wir betonen, daß wir bisweilen hart an die Grenze dessen gegangen sind, was unsere Überzeugung uns gebietet. Wir glauben, daß wir doch ein Anrecht darauf haben, daß man unsere innerste Überzeugung und unser Verantwortungsbewußtsein auch dann würdigt, wenn wir in irgendeiner Frage aus unserem Standpunkt beharren müssen. Gerade deshalb, weil bei den anderen Richtungen die Meinung besteht, daß der Liberalismus sich in einer möglichst weitgehenden Liberalität gegenüber den Wünschen der anderen Richtungen zu erschöpfen habe. Wir tun, was wir können, aber wir müssen verlangen, daß auch für die Liberalen eine gewisse Grenze anerkannt wird. Daß wir keine offensichtlichen Erfolge aufzuweisen haben, ist deswegen klar, weil zu den Hauptaufgaben des Verbandes die Belebung und Aufrechterhaltung des jüdischen Lebens in den Kleingemeinden gehört und die Kleingemeinden im wesentlichen konservativ eingestellt sind. Wir haben volles Verständnis dafür, daß das jüdische Leben in diesen Gemeinden aufrecht erhalten werden muß und helfen gerne hier mit. Aber wir müssen dann auch verlangen, daß unsere Bedürfnisse, wenn nötig, berücksichtigt werden. Wenn ich mich nun einen Augenblick den eigentlichen Aufgaben des Verbandes zuwende, so darf ich gerade deshalb, weil wir Vertreter der Liberalen sind, die sich größtenteils aus Groß- und Mittelgemeinden zusammensetzen, die Bitte des Herrn Rosenzweig unterstreichen, die größte Sparsamkeit walten zu lassen. Wenn wir täglich sehen, wie große Teile der jüdischen Bevölkerung wirtschaftlich schwer leiden, so müssen wir uns selbst immer wieder einhämmern, daß wir jeden Pfennig dreimal umdrehen müssen. Und wenn ich von dieser Notwendigkeit spreche, so erhebt sich das schon erwähnte Gebiet der Zwerggemeinden und Zwergrabbinate. Da möchte ich doch einmal die Verbandsleitung nicht im unklaren darüber lassen, daß Bayerische Vereinsdank Niederlassungen an allen größeren Plätzen des rechtsrheinischen Bayern Die in letzter Zeit sich häufenden Einbruch-Diebstähle sollten jedermann veranlassen, Wertgegenstände aller Art nicht zu Hause zu behalten Stahlkammern Vermietung von Schrankfächern Aufbewahrung geschlossener Depots SSH meine Freunde sich aus die Dauer nicht mehr mit dem Hinweis auf Erhebungen vertrösten lassen. Sie haben die Botschaft nun schon so lange gehört, daß sie allmählich den Glauben verlieren. Ich weiß, daß vieles geschieht, aber auf diesem Gebiet darf kein Mittel unversucht bleiben, um endlich zu verhüten, daß diese kleinen Gemeinschaften, die keine Daseinsberechtigung mehr haben, aus Verbandsmitteln künstlich erhalten werden. Wir sind weit davon entfernt. Erhaltenswertes beseitigen zu wollen und haben volles Verständnis dafür, daß den religiösen Bedürfnissen und Belangen der Kleingemeinden unbedingt Rechnung getragen werden muß. Aber es muß einmal mit aller Energie hier vorgegangen werden. Und ich bitte an der Ernstlichkeit unseres Standpunktes auch dann nicht zu zweifeln, wenn wir für diesesmal noch beschlossen haben, die Ausgaben für den Rabbinatsbezirk Burgpreppach zu bewilligen. Wir haben uns nicht zuletzt durch die Hingabe des Herrn Dr. Stein, dem auch für die seelsorgerische Versorgung während eines Jahres der innigste Dank der Judenheit Bayerns gebührt, noch einmal bewegen lassen, diese Summe zu bewilligen. Wir bitten aber wiederholt, anzuerkennen, daß das an unserem prinzipiellen Standpunkt nichts ändert. Und wenn ich nun noch einen Posten herausgreife, so bitte ich, mich nicht einer kleinlichen Nörgelei zu zeihen, sondern überzeugt zu sein, daß ich ihn nur herausgreife, weil er von prinzipieller Bedeutung ist. Es handelt sich um den Posten von 11000 RM. für Tagung, Rats- und Ausschuhsitzungen. Ich stehe heute mit Ihnen noch unter dem erhebenden und nachhaltigen Eindruck des Auftakts der diesmaligen Tagung. Aber ich möchte doch der Verbandsleitung im Einvernehmen mit weiten Kreisen einmal zur Erwägung anheimgeben, ob man nicht an eine nüchternere, schlichtere Gestaltung der Tagung denken sollte und sie wenigstens von Zeit zu Zeit ihres repräsentativen Charakters entkleiden könnte. Wir verkennen durchaus nicht die beachtenswerten Gedanken, von denen die Verbandsleitung hier ausgeht. Aber wir möchten zu erwägen geben, ob die beiden Hauptfaktoren, die innere Verbundenheit mit den Glaubensgenossen in den Städten und der Eindruck auf die Außenwelt so erheblich sind, daß sie diesen Mehraufwand rechtfertigen. Ich darf dann auch noch sagen, daß wir der Meinung sind, es mögen möglichst viele Mittel in Zeiten gegenwärtiger wirtschaftlicher Bedrücktheit den sozialen Aufgaben zugeführt werden. Ich habe volles Verständnis für das Referat Freudenthal und die Ausgaben, die hier erfüllt werden und gebe überhaupt zu, daß eine große Menge von idealen Zielen von unserem Verband erstrebt und erreicht wird. Aber man darf uns nicht übelnehmen, wenn wir die Meinung vertreten, daß nur allzu schnell neue Ausgaben und hiermit neue Ausgaben hinzukommen, die vielleicht späteren Jahren Vorbehalten werden könnten. Wir hoffen, daß wir dann wirtschaftlich besser gestellt sind und unser Geld nicht mehr in erster Linie zur Linderung sozialer Not brauchen. Eine Sache nun liegt uns auch noch sehr am Herzen, das ist die heute früh schon betonte Siedelungsfrage. Es wird morgen darüber ausführlich gesprochen werden. Aber jeder, dem die Entwicklung des Judentums in Bayern Herzenssache ist, wird mit einer ständig wachsenden Besorgnis sehen, wie wenig sich die Glaubensgenossen aus dem Lande auf die Dauer halten können, wie sehr sie, wirtschaftln sozial und gesellschaftlich in den Dörfern und kleinen Städten abgeschlossen, immer mehr in die größere Stadt hereinströmen. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß uns kein Mittel zu groß und keine Hilfe zu weit ist, wenn es gilt, diesem bevölkerungspolitisch ungemein bedauerlichen und im Interesse des Judentums aufs schärfste zu bekämpfenden Zustand abzuhelfen. Darum meine ich, daß die Summe, die wir mit 5000 RM. in den Etat eingesetzt haben, nicht ausreicht, um diesem Ziele zu dienen, einem Ziel, das mit der Umschichtung der jüdischen Bevölkerung, die wir so dringend wünschen, aufs engste zusammenhängt. Der Bund Jüdischer Frontsoldaten hat in vorbildlicher Weise diese Sache in die Hand genommen und auch schon Richtlinien ausgearbeitet. Ich glaube, daß ein Betrag von 5000 RM. nichts ist, um die Worte in die Tat umzusetzen. Ich möchte deshalb außer den gegebenen Anregungen den formellen Antrag stellen, man möge diese Summe wenigstens von 6000 auf 10 000 RM. erhöhen und die Mittel hierfür aus den Zinsen des Landeswohlfahrtsfonds nehmen. Sie werden nach meiner Überzeugung keine Verwendung finden, die würdiger, angemessener und dem Titel des Landeswohlfahrtsfonds mehr entsprechend ist, als diese Ausgabe. Ich gehe im übrigen auf Einzelheiten nicht ein. Ich greise noch das Wort „Landeswohlfahrtsfonds" auf und schließe mit dem Wunsche, daß wie bisher so auch fürderhin alle Parteien sich zur Wohlfahrt des bayerischen Judentums und damit der bayerischen Gesamtheit vereinigen mögen.