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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-07-01 · 12 (1.7.1928) · p. Seite 201

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
12 (1.7.1928)
Article
Protokoll der Verhandlungen der sechsten Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden in Bamberg
Date
1928-07-01
Page
Seite 201 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 201 voraussetzen, daß ihm die Waffe des Geistes ausgegangen ist." Schon Aristoteles hat gesagt, daß man den Taten mehr glaubt als den Reden. Und wenn man mich fragt, wer hat in den Zeiten der vergangenen Jahre und trostlosester Gegenwart mit Taten geholfen, so muß ich den Angehörigen der israelitischen Gemeinde die Palme zuerkennen. Wie oft bin ich als Bittender gekommen und ich kann gestehen, nicht e i n Mal eine Fehlbitte getan zu haben. Erst in den letzten Tagen konnte ich die Freude erleben, daß ein Bamberger Sohn in treuer Anhänglichkeit an seine Heimatstadt große Unterstützung in einer gemeinnützigen Sache bieten konnte und geboten hat. Ich benütze die Gelegenheit, um Ihnen innigsten Dank fiir alle guten Taten zu erstatten. Ich darf von ganzem Herzen wünschen, daß die Tagung von bestem Erfolg gekrönt sein möge und ich wiederhole den eingangs gebotenen Gruß in der herzlichsten Form. Geh. Justizrat Dr. Werner: Hochverehrte Anwesende! Die Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden in Bamberg bedeutet für unsere Kultusgemeinde einen wichtigen Markstein in ihrer Geschichte, einen Ehrentag. Bei allen unseren Gemeindemitgliedern herrscht große Freude darüber, daß es ihnen vergönnt ist, die bewährten Führer und Vertreter des Judentums aus allen bayerischen Gauen kennenzulernen, mit ihnen in persönliche Fühlung treten, alte Bekanntschaften und Freundschaften erneuern und neue anknüpfen zu können. Im Namen und Aufträge der Gemeinde spreche ich der sehr geehrten Verbandsleitung unseren herzlichsten Dank dafür aus, daß sie uns die hohe Ehre und Auszeichnung zuteil werden ließ, unserer Einladung Folge zu leisten und die diesjährige Tagung nach unserer, wenn auch kleinen so doch schönen, an Natur- und Kunstdenkmälern reichen Stadt einzuberufen. Namens unserer Gemeinde begrüße ich freudig und ehrehrbietig die Organe des Verbandes, den hohen Rat und dessen hochverehrten, allseitsbeliebten Herrn Präsidenten, die verehrlichen Mitglieder der Tagung und deren hochgeschätzten Herrn Vorsitzenden, die ehrwürdigen Herren Rabbiner, die hohen Vertreter der Bayerrischen Staatsregierung und des Stadtrats sowie alle lieben und werten Gäste aufs herzlichste in unserer Mitte. Die Verwaltung des ehemaligen Krongutes hatte die außerordentliche Güte, uns den prächtigen Kaisersaal der Residenz, in dem wir uns versammelt haben, für die heutige Eröffnungsfeier der Verbandstagung zur Verfügung zu stellen, wofür ihr auch von dieser Stelle unser herzlichster Dank ausgesprochen sein soll. Beim Anblick dieser historisch und künstlerisch gleich bedeutenden feierlichen Stätte sei es mir gestattet, an den Erbauer der Residenz, den edlen Fürstbischof Franz von Schönbom, zu erinnern, der sich auch der Bamberger Juden ganz besonders warm annahm. In einem offenen Patente vom Jahre 1702 hat er strengstens verboten, sich an einem Juden im Hochstift mit Worten oder Taten zu vergreifen und hat, was besonders erwähnenswert erscheint, in zwei Briefen an den Kaiser Leopold (1701) sowohl wie später an den Kaiser Joseph I. vor der Verbreitung der damals erschienenen, auch heute noch ein Rüstzeug der Antisemiten bildenden Eisenmengerschen Schmähschrift „Entdecktes Judentum" eindringlichst gewarnt und erreicht, daß die gesamte Auflage dieses Pamphlets beschlagnahmt und später vernichtet wurde. Dieses Vorgehen zeugt nicht nur von dem edlen Sinne und der hohen Gerechtigkeitsliebe des Fürsten auch gegenüber andersgläubigen Bewohnern seines Landes, sondern auch davon, daß man an höchster Stelle damals die Unbegründetheit der gegen die Juden erhobenen Beschuldigungen erkannt haben muß und daß die Bamberger Juden, bezüglich deren die älteste Kunde auf das elfte Jahrhundert zurückführt, sich wohl solch edler Fürsorge würdig erwiesen haben müssen. Von den idealen und kulturellen Bestrebungen der Bamberger Juden schon im siebzehnten Jahrhundert zeugt die interessante Tatsache, daß sie schon damals gewissermaßen ein Vorbild unseres Verbandes schufen oder doch wenigstens einen Vorläufer desselben bildeten. Schon im Jahre 1619 verbanden sich nämlich in Bamberg die bischöfliche Landjudenschaft und die ritterschaftlichen Juden, deren Deputierte schon vorher in der Gemeindestube zu Bamberg als „Landesdeputierten-Versammlung" tagten, zu einer Organisation aller Juden des Landes, die Dr. Eckstein bei Erwähnung dieser Tatsache in seinem 1898 erschienenen Werke „Die Geschichte der Juden im ehemaligen Fürstbistum Bamberg" noch „als ein heute unerreichbares Ideal" bezeichnete. Der damals gegründete Gemeindeverband gab sich später in Bamberg Satzungen — die sog. Tekanoth — deren wesentliche Ziele: Befestigung der Grundsäulen des Judentums, der Lehre, des Gottesdienstes, der Wohltätigkeit, Wahrung des Rechtes, der Wahrheit und des Friedens auch Ziel und Zweck unseres Landesverbandes bilden. Dieser damalige Gemeindebund bestand über zweihundert Jahre; er hielt sich länger als das Fürstbistum Bamberg. Nach dem Übergang des letzteren an die Krone Bayerns im Dezember 1803 schlossen sich sodann die bayerischen Juden in zwei Versammlungen zu Bamberg zu noch engerem Bunde zusammen, zu einem Landesverein mit einem gemeinschaftlichen Landesetat, sie gründeten auch eine gemeinsame Landeskasse ähnlich unserer vor Gründung des Verbandes bestandenen Landeszentralkasse. Dr. Eckstein führt dazu in seinem angeführten Werke aus: „Es muß ein feierlicher Moment und ein erhebender Anblick gewesen sein, als unter dem Vorsitze des vollzähligen Landesrabbinats die zahlreich versammelten Deputierten aus dem ganzen Lande in Bamberg am 23. Dezember 1803 den Beschluß faßten: Von nun an haben wir nur eine Gemeinschaft. Leider wurde dieser Verband, wie alle jüdischen Korporationen, durch das Judenedikt vom Jahre 1813 aufgelöst, das mit seinen fast Pharaonischen Bestimmungen heute glücklicherweise ebenfalls der Geschichte angehört. Es hatte sich die Eingliederung der Juden in den bayerischen Staat zum Ziele gesetzt und konnte trotz aller beschränkenden Vorschriften die allüberall in der Judenheit entstandenen religiösen Meinungsverschiedenheiten der verschiedenen Richtungen auch in Bayern nicht hintanhalten. Ja, diese mehrten sich nach der unter tatkräftigster Unterstützung und Mitwirkung der Bamberger Gemeinde erwirkten Emanzipation der Juden in einer Weise, daß sich die bayerische Staatsregierung veranlaßt sah, ausgleichend zwischen den beiden Hauptrichtungen im Judentum einzugreifen und mit der allseits bekannten Ministerialverordnung vom Juni 1863 auch die inneren religiösen Verhältnisse der Juden zu regeln. Nunmehr sind durch die in unserer Stadt Bamberg gegebene Verfassung des Freistaates Bayern vom Jahre 1919, die den Religionsgemeinden und -gesellfchaften die selbständige Ordnung und Verwaltung ihrer Angelegenheiten überläßt und jedermann vollständige Gewissens- und Glaubensfreiheit gewährleistet, Edikt und Ministerialverordnung außer Wirksamkeit getreten. Gleichwohl können und möchten wir des Schutzes, der Beihilfe und Unterstützung der hohen Staatsregierung, die uns auch in den letzten -Jahren in so wohlwollender Weise zuteil wurde, nicht ent- Denn auch heute noch gilt es Anfeindungen und Angriffe von außen abzuwehren und im Inneren Gegensätze zu überbrücken und Meinungsverschiedenheiten auszugleichen. Ein griechischer Denker hat einmal alles Leben und Geschehen in der Natur auf zwei Kräfte zurückgeführt: auf den Kampf, der die Elemente trennt, und die Liebe, die sie verbindet. So wirkten auch im Judentum von jeher zwei Kräfte, eine trennende aber schöpferische Kraft, die es zersplitterte, und eine liebende erhaltende Kraft, die um die Mannigfaltigkeit der Parteien und Meinungen ein einigendes Band schlingt und in uns allen das Gefühl der Einheit und Zusammengehörigkeit wachhält. Beide Kräfte waren stets der Quell des Judentums und seines Lebens, in dem immer wieder das Gefühl der Einheit zur vollen Geltung kam. Als ein solches einigendes Band, welches der Erhaltung und Befestigung des Judentums gewidmet ist, erachten wir unseren Verband. Bei aller Freiheit der Geister zeigt er die Zusammengehörigkeit der Herzen, die Einheit der Gesinnung. ■ Möge auch über der Bamberger Tagung dieser Geist der Einheit und Einigkeit walten, mögen ihre Beschlüsse dem Verbände zur Stärkung, den Gemeinden zum Segen, dem ganzen Judentum zur Ehre gereichen. In diesem Sinne ruft die Kultusgemeinde Bamberg durch mich allen Teilnehmern der Tagung und ihren Gästen nochmals ein herzliches „Willkommen" zu. Oberstlandesgerichtsrat Prof. Dr.Silb ers chmidt: Die Tagung dankt innigst denjenigen Herren, die in so freundlicher Weise sie hier begrüßt haben und die die Wünsche für das Gedeihen der Tagung und des Verbandes ausgesprochen haben. Ich danke sowohl dem Herrn Vertreter des Staatsministeriums wie dem Herrn Vertreter der Kreisregierung und der Stadt Bamberg. Ich danke dem Vertreter der Kultusgemeinde Bamberg für all die lieben und freundlichen Worte, die er uns gewidmet hat. Wir treten nunmehr in die Wahl eines stellvertretenden Vorsitzenden ein und ich bitte, Vorschläge bei mir einzureichen.

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