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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-07-01 · 12 (1.7.1928) · p. Seite 195

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
12 (1.7.1928)
Article
Die Gläubigkeit des jüdischen Menschen
Date
1928-07-01
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 195 sondern auch eine innere Aufgabe. Er fordert Überwindungskräfte gegenüber der Welt da draußen, aber auch gegenüber dem eigenen Herzen. Denn dort begegnet der Mensch den größten Widerständen gegen die Verwirklichung des Guten. So ist der Kampf für Gott zugleich ein sittlicher Kampf gegen die eigene Schwäche und Sündhaftigkeit. Den inneren Zwiespalt zu überwinden und im eigenen Leben ein Abbild des Gottesreiches zu schaffen, ist die Sehnsucht des kämpfenden Menschen. Das bedeutet die erhabene prophetische Forderung: „Suchet mich und lebet!" Aus der doppelten Front des Kampfes für Gott nach innen und außen ergibt sich oft eine tiefe Tragik, ein Martyrium, wie es uns z. B. das Lebensbild des Propheten Ieremia zeigt. Und es ist begreiflich, daß es nur den wenigen ganz starken, heroischen Menschen gelingt, den Kampf zu Ende zu führen. Aber schon unser Stammvater, dessen Namen wir tragen, hat uns in seinem nächtlichen Kampfe das Vorbild gegeben, auszuharren, bis die Morgenröte naht. Denn zu dem Engel, der mit ihm rang, und von dem unsere Weisen sagen, daß er der Schutzgeist Esaus gewesen sei, d. h. die Verkörperung der feindlich widerstrebenden Bamberger Dom Welt, den man aber ebenso gut deuten kann als den Widersacher in seiner eigenen Brust, — zu dieser mystischen Engelögeftalt sprach er die berühmten Worte, um derentwillen er den Namen Gotteskämpfer erhielt: „Ich lasse dich nicht ziehen, du hättest mich denn gesegnet." Und wer den Namen eines wahren Sohnes Israels verdienen will, der muß den Kampf für Gott und für das Kommen seines Reiches tapfer zu Ende kämpfen, — in der Welt und in sich selbst, und wenn es sein muß,, gegen die Welt und gegen sich selbst. „Wer da glaubt, wird nicht weichen!" Dies ist die zweite Stufe jüdischer Gläubigkeit. Sie gehört den Kämpfernaturen, den Menschen mit dem unruhvollen, sehnsüchtigen Herzen, den vielen jüdischen Pionieren einer neuen Zeit und Gesittung. Unter ihnen sind die Besten des Judentums, viele Propheten, die Helden der Makkabäerzeit und auch nicht wenige von den Weisen der talmudischen Epoche, so der Prototyp des unbeugsamen Kämpfers Rabbi Akiba. Einige aber unter ihnen, die als Märtyrer unseres Glaubens starben, haben durch die freiwillige Hingabe ihres Lebens den Kampf für Gott mit einem glänzenden Siege beendet; und sie sind um dieses Opfers willen in eine noch höhere Stufe eingegangen. Jedoch gibt es auch Menschen, denen es vergönnt ist, schon in ihrem Leben der Die ehemals bischöfliche Residenz, in deren Kaisersaal die Eröffnungssitzung der Tagung stattfand dritten und höchsten Stufe anzugehören. Das sind die Menschen, die nach dem Kampfe für Gott den Frieden in Gott gefunden haben. Ihre Zahl ist gering. Sie sind die ganz Großen und Weisen, die Stillen und Abgeklärten, die aus der gesammelten Kraft ihres Wesens Mächte des Glaubens hinaussenden und ihr Zeitalter führen, auch wenn man nur wenig von ihnen sieht und hört. Die jüdische Mystik nennt sie die 36 Gerechten, die irgendwo zerstreut in der Welt, vom Lichte der göttlichen Gnade umflossen, leben. Nicht schon von der Geburt an und auch nicht in untätiger Beschaulichkeit haben sie das Gottesgeschenk der Gnade empfangen. Auch sie haben kämpfen müssen, und der Friede ward ihnen erst als Lohn des ehrlich zu Ende geführten Kampfes. Aber man glaube nun nicht, daß jeder Mensch um des Verdienstes seiner sittlichen Tat willen einen Anspruch auf das Geschenk des Friedens habe. Manchem ehrlichen und tapferen Kämpfer blieb es versagt. Aber an den wenig Erwählten hat sich das Wunder erfüllt. Und demütig bekennen sie, daß auch sie nur schwache Menschen sind und über ihr Verdienst hinaus begnadet wurden. Demütig und doch voll froher Kraft wissen sie von der heiligenden Nähe ihres Gottes, — so wie der Psalmist es auödrückt: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt." Alte Hofhaltung

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