Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-06-15 · 11 (15.6.1928) · p. Seite 177

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
11 (15.6.1928)
Article
Beerdigung Simon Dingfelders
Date
1928-06-15
Page
Seite 177 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2727810-2727850-2727861-2733434--03352-2733507
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 11 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 177 faltete sein Leben sich immer reicher, immer vollendeter ward seine Gestalt. Und wie er nicht müde ward für sich und für seine Schule zu arbeiten, hat er das Wort des großen Pädagogen Diesterweg erfüllt, der einmal ausspricht: „Ein Lehrer ist nie fertig." Auch er war nie fertig, auch er war immer unterwegs, auch er strebte immer weiter nach Vervollkommnung, nach der Vervollkommnung, die wir Menschen hier auf Erden doch niemals finden. Nun ist er fertig geworden. Nun hat er sein Werk vor der Zeit lassen müssen. Nun ist es an uns, sein Werk fortzusetzen, in seinem Geiste weiterzuarbeiten. Wir danken ihm für alles, was er uns gewesen ist als Mensch, als vorbildlicher Mann, als Freund. Wir danken ihm, was er war als Lehrer in unserer Gemeinde, was er war als leitender, wirkender Organisator. Wir danken ihm, und wir können ihm nicht anders danken, als indem wir an seiner Bahre das Gelöbnis im Herzen lebendig werden lasten, in.seinem Geiste weiterzuarbeiten und damit das Beste, was er uns hinterlasten hat, weiterzuführen, in dem Geiste, in dem er vorbildlich vor uns stand. Dann wird für uns alle, die wir so schwer getroffen sind von der Größe dieses Verlustes, ganz besonders aber für die nächsten Angehörigen der Trost kommen trotz des herben Schmerzes, den sie jetzt empfinden. Sie werden sich sagen, daß das Bleibende an einem Menschen doch nicht sein irdischer Lebenswandel ist, sondern daß es noch weiterwirkt und Früchte trägt, auch wenn der, der gewirkt und geschafft, längst unter dem kühlen Rasen ruht. Auf eines deutschen Dichters Grabstein stehen die Worte, die wir auch auf den Entschlafenen anwenden können: „Nie entschlief, war einmal wach gelebt." Simon Dingfelder ist für uns nicht entschlafen, er lebt für uns in seinem Wirken fort, weil er „wach gelebt", weil er gearbeitet und weil er für uns alle mitgesorgt hat. Das ist unser Trost; das wird auch für Sie, verehrte Leidtragende, für die Gattin daheim, für den Sohn in der Fremde der Trost sein, der Sie aufrichtet. Mit diesen Gedanken wollen wir sein sterblich Teil hinübertragen in das Reich des Friedens, von dem ein Abglanz auch auf unser Leben sich senken soll. '2'illJ»^ 'tF2j „Kehre ein, o Seele", Seele unseres verehrten Bruders, kehr'ein zur ewigen Ruhe, zur Ruhe am Throne des Allerbarmers. Amen. Im Namen der Kultusgemeinde München und des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden sprach sodann Herr Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer: Leiderfüllt steht die Kultusgemeinde München an dieser Bahre. Es war eine gute Tat, als im Herbst 1904 Iustizrat Ofner, der damalige Vorsitzende der Gemeinde, Simon Dingfelder von der Volksschule in Ansbach hierher nach München berufen hat. Ich erinnere mich noch genau, als der nun Verewigte der Verwaltung vorgeftellt wurde; da trat zu uns ein schlichter Mann, der einen aufrechten Eindruck machte und mit einfachen Mitteln' die Ziele des Unterrichts darlegte, und wir erkannten an der die Sache durchdringenden klaren Art, daß der Mann berufen war, ein guter Lehrer zu sein. Wir wußten damals noch nicht, welch herrliches Herz der Mann hatte, welch reiche Liebe in ihm schlummerte, wie er befähigt war, auf die Jugend zu wirken. Wir wissen das heute und groß ist die Trauer der ganzen Gemeinde. Durch seinen verständigen Sinn und die hohe Begeisterung hat er es vermocht, den göttlichen Funken in den Herzen der Kinder zu entzünden und er hat durch die Kinder auch auf die Eltern gewirkt. Reiche Liebe ist ihm entgegengebracht worden und in eiserner Pflichterfüllung hat er ein außergewöhnliches Maß von Arbeiten auf sich genommen. An der Klenzefchule allein waren es früher 500 - 400 Kinder, die er zu unterrichten hatte. Sein Wirken gehörte aber auch der Jugend an den Mittelschulen und es war sein Stolz, daß er den Unterricht an der Realschule hier zu erteilen hatte. Bei Lehrproben konnten wir uns wiederholt überzeugen, in welch glänzendem Zustande seine Schule sich befand. Es kam dann der große Einschnitt in seinem Leben. Als er 55 Jahre alt war, sprach er den Wunsch aus, es möge ihm gestattet sein, seinen einzigen, hochbegabten Sohn, der sich jenseits des Ozeans eine Existenz gegründet, zu besuchen und seine Geschwister wiederzusehen, von denen er seit Jahrzehnten getrennt war. Es war im Jahre 1925, als er über den Ozean hinüberging und da ereignete sich das, was wir hatten kommen sehen: er war vom liebenden Familienkreis umgeben und es ward ihm mit seiner geliebten Frau ein glücklicher, behaglicher Lebensabend in Aussicht gestellt, er wurde bestürmt, bei seinen Lieben drüben zu bleiben. Da kam die große Tat, es war im Herbst 1925, schwere wirtschaftliche Bedrängnis und große politische Not lafteteten auf uns. Er wollte sich dieser Not nicht entziehen und kehrte zu uns zurück. Er schlug das ruhige, bequeme Leben aus, in eherner Pflichterfüllung hat er es vorgezogen, weiter bei uns zu leben und zu wirken. Er hat seine alte Tätigkeit wieder ausgenommen, und die Kinder, die er nach dem Jahre 1925 unterrichtet-, sie werden ihm danken dafür, L°s4 iflio jjf 741® Römer dt Seid! Wäschehaus Damenwäsche weil* und farbig Damenstrümpfe_ Alles in bester Qualität bei wahrhaft bescheidenen Preisen Römer dt Seidl Mündien Dienersfr. 21 GEGENÜBER RATSK.ELLER

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.