Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 11 (15.6.1928)
- Article
- Beerdigung Simon Dingfelders
- Date
- 1928-06-15
- Page
- Seite 176 (sequence 2)
- Language
- German
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176 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 11 ken für die Interessen des Judentums oder für die Interessen seines Standes; überall ftand er seinen Mann. Nicht als ob er blendende Gaben besessen hätte, durch die er die Menschen im Sturme für sich eingenommen hätte, nicht als ob ihm beschieden gewesen wäre, was andere vermögen, durch ein gewinnendes Auftreten die Herzen im Fluge zu erobern; nein, was er war, das war er ohne jede Künstelei kraft der Gaben, die tief in ihm wurzelten und die er mit Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit immer stärker auszubilden gewußt hat. Das war vor allem seine Willenskraft, die in ihm lebendig war und die ihn dazu befähigte, all das zu erreichen, was er sich vorgenommen. Auch bei ihm waren es der zähe Wille und der eiserne Fleiß, aus dem alle großen und dauernden Leistungen geboren wurden. Es war aber auch ein klarer, ein nüchterner Verstand, der die Menschen und die Dinge zu beurteilen in der Lage war. Es war ein offener Blick, der das Rechte erkannte und aussprach. Es war auch ein unbeugsamer Mut zur Wahrheit, der nicht scheute, auch das anszusprechen, was von anderen nicht gern gehört wurde. Es war aber vor allem ein goldenes Gemüt, ein Herz voll Liebe, eine Seele voll Wärme, die in ihm zum Ausdruck kam und alle seine Taten und alle seine Worte vergoldete, eine starke, kraftvollmännliche Liebe. Aus der Vereinigung solcher Gaben müssen die Menschen geschnitzt sein, die dem Beruf sich weihen, den er in seiner Jugend sich erwählt hatte, dem Lehrerberuf. Dieser Beruf war das Ideal seines Lebens, und er hat ihn erfüllt in einer wahrhaft vorbildlichen Weise. Die Bibel prägt ein schönes Wort (II. Mos. 35, 34): '2h2 in: nmnVi „Zu unterrichten gab ihm Gott in sein Herz." In sein Herz, nicht in seinen Verstand. Der Verstand ist notwendig zum Unterricht, aber in der Hauptsache muß das Herz dabei sein, wenn es gelten soll, die Jugend zu gewinnen, die Menschen zu unterrichten, und ein großer Kenner der Menschenseele (Jean Paul) war es, der ausgesprochen hat: „Die Menschen soll keiner lehren als einer, der sie recht herzlich liebt." Die Liebe zu den Menschen war es, die ebenso stark in ihm war wie die Liebe zu dem, was er sie zu lehren hatte. Etwas Großes, etwas Heiliges war ihm die Religion, die in ihm und aus ihm so lebendig und laut sprach. So wie sich die Flamme an der Flamme entzündet, so entzündete auch er in den Herzen derer, die er zu unterweisen berufen war, mit seiner Begeisterung religiösen Idealismus. Begeisterung war es, die zu wecken er verstanden hat, ob er nun von den großen Gestalten der Geschichte Israels zu erzählen hatte, von den Erzvätern, von den Propheten, von den Dichtern und Denkern und Duldern, oder von dem Geiste der Bibel, von dem Geiste unserer Religion, in der er die Kinder zu unterrichten hatte — es war immer die innige Anteilnahme, die ihn erfüllte und die wie ein zündender Funke aus seinem Herzen übersprang auf die Herzen derer, die vor ihm saßen. Es wäre zu wenig, wollten wir sagen, daß er ein beliebter Lehrer war; nicht immer ist Beliebtheit ein Ruhmestitel des Lehrers; sie kann mit billigen Mitteln erzielt werden; aber von Menschen für die ganze Zeit des Lebens, auch wenn sie schon Jahrzehnte der Schulbank entwachsen sind, verehrt zu werden, das, geehrte Trauerversammlung, ist das Kennzeichen eines wahren Lehrers und besonders eines Lehrers der Religion. Die Nachhaltigkeit der Wirkung aber beruht auf der Hingabe des Lehrers an die Menschen wie an den Gegenstand. Auf keinem anderen Gebiete ist es so notwendig, ganz erfüllt zu sein von dem Gegenstand, in dem man unterrichten soll, ganz davon durchdrungen und erhoben zu sein, als gerade hier. Die innere Wahrhaftigkeit ist nicht nur eine seelische Voraussetzung gerade des Religionslehrers, sondern auch seiner Wirkung auf die empfänglichen Seelen der Kinder, die mit einem feinen Gefühl, fast möchten wir sagen, Instinkt zu unterscheiden wissen, wie der Mensch beschaffen ist, der vor ihnen steht. Bei Simon Dingfelder wußte man das Bibelwort erfüllt: '22V rr.BB'Vi ’ptrts'V -ns" „Dein Wort war mir zur Wonne und zur Freude meines Herzens." (Ierem. 15, 16.) Hier war der Quell feines Lebens, der Grund, auf dem seine ganze reiche, harmonisch ausgeftaltete Persönlichkeit erwuchs. Und diese Persönlichkeit bewährte er zunächst an der Stelle, die er für seinen Lebensberuf erwählt hatte, in der Schule, vor seinen Kindern, wie auch an anderen Stätten, an denen er mit derselben Tatkraft, mit demselben Interesse, mit derselben klugen Beherrschung der Verhältnisse auf den verschiedensten Gebieten, mit derselben innigen Anteilnahme und Wärme wirkte. In den Standesorganisationen wie in der Gemeinde, überall wußte man seinen klugen Rat zu schätzen, wußte man, was es bedeutete, wenn Simon Dingfelder sein Wort in die Wagschale warf. Wie aber die Schule die Stätte war, an der er die Religion lehrte, so war sein Haus die andere Stätte, aus der fein Fühlen und Denken, sein ganzes Leben und Schaffen, sein unermüdliches Arbeiten und Wirken immer neue Kraft gewann, wo er Religion lebte. Es war fein Haus die Stelle, wo er Erholung, Freude und Frieden fand von den Kämpfen, denen auch er ausgesetzt war, wo er das stille Glück der Häuslichkeit genossen. Und wenn ihm auch der herbe Schmerz nicht erspart geblieben ist, die treue Gefährtin zu verlieren, die Mutter seines Sohnes, mit der er gemeinsam sein Haus aufgebaut, in dem er so viele Jahre des Glückes mit ihr verlebt hatte, so war ihm doch auch in diesem Unglück Gottes Gnade zur Seite gestanden, die ihn einen Ersatz finden ließ für das, was er verloren hatte; er gewann nochmal eine Frau, die ihm mit treuer Liebe und herzlicher Fürsorge zur Seite ftand, an deren Seite er die letzten Jahre um so mehr Freude und um so mehr Glück genossen. Diese Freude ward allerdings gemindert durch die Abwesenheit seines Sohnes. Diesen Sohn, der die Freude und der Stolz seines Lebens war, hat er zu allem Guten aufgezogen; für ihn hatte er, als der große Krieg auch seinen Sohn zu den Fahnen rief, sich bangen und sorgen müssen, wie so manch anderer Vater, auf ihm lastete doppelte Sorge, bis er nach schwerer Verwundung langsam der Genesung entgegensah. Und der Vater ist nicht müde geworden, das Opfer zu bringen und den Sohn ziehen zu lassen, als es für die Zukunft des Sohnes besser schien; wußte er ihn doch in treuer Obhut bei den Geschwistern jenseits des Meeres und seit einem Jahre glücklich an der Seite einer Frau. Vor fünf Jahren hatte er sich entschlossen, seinen Sohn drüben zu besuchen; wie hat er von den Eindrücken, die er damals drüben gewonnen, zu erzählen gewußt; als echter Schulmann hat er das, was er drüben geschaut, nicht für sich behalten, sondern er mußte anderen Menschen mitteilen, was er an Eindrücken gewonnen hatte. So ent- Pianohaus Kaim E FLÜGEL PIANO SH| I Ältestes fachmännisches Geschäft am Platze Augsburg ObstmarktD 100a,Telephon 62h