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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-05-15 · 9 (15.5.1928) · p. Seite 133

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
9 (15.5.1928)
Article
Überreste von kanaanitischen Kulturen bei Jerusalem
Date
1928-05-15
Page
Seite 133 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 9 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 133 weniger von Urnenstandplätzen, sondern daß diese Anlagen irgendwelche kultische Bedeutung gehabt haben müßten. Aber welche? Aus gewissen Anzeichen geht hervor, daß die Wände dieser Grotten nicht mit einmal, sondern sukzessive mit Nischen versehen worden sind, einzelne auch garnicht oder nur teilweise. Und daraus schloß ich nun, daß diese Grotten eine Art von „Sammelftellen für Kultnischen" gewesen sein mögen; denn die vor resp. in den Nischen deponierten Opfer mußten wohl täglich erneuert werden, damit die Spender auch des dauernden Segens und Schutzes der dort verehrten Gottheit sicher waren. Legte man die Nischen nun zerstreut und einzeln an, so war das relativ schwierig, wurden sie aber in einer Grotte angebracht, so konnte leicht eine Person diesen Dienst versehen. Außerdem mag bei diesen Opferhandlungen, so einfach sie wohl auch waren, zeitweise doch die Assistenz eines Priesters notwendig gewesen sein; für den war es dann ebenfalls viel bequemer, wenn er an diesem „Zentralheiligtum" seine Zeremonien ausführen konnte, statt von einem Ende zum andern der Niederlassung zu gehen. So mögen diese einzelnen Gründe zusammen die „Zentralisation" dieses Kultes bedingt haben. — Und noch weiter: Wenn ein Mensch in Not war oder ein besonders dringendes Anliegen an die Gottheit hatte, gelobte er ihr eine Nische (genau so wie es jetzt noch in der katholischen Kirche mit Kerzen usw. Brauch ist), teilte es dem Priester mit, der sie dann zu den schon vorhandenen hinzufügte. — So erklärt sich auch die augenscheinlich sukzessive Herstellung der Nischen in solchen Kultgrotten und vielleicht auch ihre verschiedene Form. Denn bei den relativ starren und konservativen religiösen Anschauungen der alten Bewohner Kanaans an bloße Willkür zu denken, verbietet sich von selbst. — Ehe wir nun zu den allgemeinen Schlußfolgerungen übergehen, müssen wir noch ein kurzes Wort über den kreuzförmigen Grundriß der Kultgrotten sagend. Zufällig ist er auf keinen Fall, am ehesten auf Grund des heute bekannten Materials durch das aus Ägypten übernommene „Schema": Central-Cella + 3 Nebenkammern, mit Fortlassung der Scheidewände, zu erklären. Ob ihm auch eine bestimmte religiöse Idee, nicht nur diese „bautechnische" zugrunde lag, ist vorläufig noch nicht zu sagen; ganz unmöglich wäre das nicht, denn wir wissen, daß das Kreuz ein uraltes orientalisches Sonnensymbol ist, das sich bei semitischen Völkern häufig findet, sogar das ominöse Hakenkreuz! Als ein solches Symbol ist es auch das Attribut des im Frühling auferstehenden Gottes der alten Religionen. (Adonys-, Tamuz- Mythenkreis.) In diesem Zusammenhang ist es dann auch ursprünglich vom Christentum übernommen worden, weil meistens neue Religionen sich tunlichst alten Formen anzupassen pflegen, um ihren Anhängern den Übergang zu erleichtern. — 5 Leider kann ich hier der Abbildungen und auch der möglichsten Raumbeschränkung wegen hochinteressante Beispiele von Nischenkult usw. usw. bei Jerusalem nicht bringen, sondern nur versichern, daß vieles, was ich hier als bewiesen ooraussetze, auch tatsächlich in der erwähnten Ausarbeitung bewiesen worden ist! — Dann kommt noch bei den sog. „Kolumbarien" ein anderer, sehr merkwürdiger Grundriß vor, in dem bei einer rechteckigen Form die beiden Längsseiten plötzlich schmäler werden. Eine Erklärung dafür konnte ich noch nicht finden. Bei allen weiteren Details kann ich nur immer wieder auf die druckfertig vorliegende Ausarbeitung Hinweisen. — Das ist ein Versuch (ich mache ausdrücklich darauf aufmerksam, daß das Wort gesperrt ist!), diese Anlagen und ihren Zweck usw. zu erklären, der mir aber dem vorhandenen Tatbestand ungleich besser zu entsprechen scheint, als die bisherigen, mit ihm in keinen Einklang zu bringenden Deutungen. Wenn ich nach Publikation des ganzen Materials begründeten Widerspruch finden sollte, so bin ich sehr gern bereit, mich demselben zu fügen, resp. die Möglichkeit einer anderen Deutung zu diskutieren. — Man kann wohl ohne zu große Übertreibung sagen, daß in der Umgebung der Stadt Jerusalem fast überall, wo dazu geeignete Felsparlien sich vorfinden, d. h. besonders an den Rändern der Wadis usw. auch Felsbearbeitungen sind. Nur wo das Gestein zu weich oder bröcklich und zerklüftet ist, finden sich keine solchen, oder aber sind sie bis zur Unkenntlichkeit vernichtet worden. Ein Teil dieser Bearbeitungen scheidet aus, weil es in Wahrheit nur Bruchstellen von Bauquadern sind. Was bleibt, hat, wenigstens so weit ich das gesehen habe, nur zum kleinen Teil zu praktischen Zwecken gedient, wie z. B. Wohngrotten, Zisternen usw., wie sie hier nur wenig, dagegen in Anatolien häufig vor'ommen. Der überwiegend große Teil der Felsarchitektur sind Felsgräber, die jüdisch sind. Der Rest aber ist und das kann nicht weggeleugnet werden, kanaanitisch, resp. nicht-jüdisch! Nämlich die hier erwähnten Kultgrotten, Altäre, Kolumbarien, Nischen, Schalenfteine und dergleichen. — Allein schon aus der „quantitativen" Bestimmung der einzelnen Arten geht hervor, daß die Kritik des P. Vincent, ich hätte „eine immense Serie von primitiven Kultorten konstituiert" (ek. Revue Bibl., Paris 1925, Juli, p. 425) doch wohl jeder Begründung entbehrt! Denn erstens kann er meine diesbezügliche eigentWe Veröffentlichung nicht kennen, und zweitens sind ein halbes Dutzend von Altären, desgleichen von Kolumbarien, sowie einige Kultgrotten usw., doch noch keine „immense Serie"! — Aber hinter eigentlich nur die Wiffenschaft angehenden Dingen stecken oft „immense Serien" von solchen, die nicht das Geringste damit zu tun haben; deshalb erwähne ich sie auch nicht weiter, sondern erkläre nur nochmals, daß ich stets für eine sachgemäße Diskuffion zu haben fein werde! Aber auch für nichts anderes! Aus all dem geht eben nur hervor, daß, obgleich Jerusalem jahrhundertelang das politische Zentrum des Judentums war, und dieses die Macht hatte, mit allem nicht zu ihm Gehörigen, besonders in religiösen Dingen, aufzuräumen, sich trotzdem doch noch relativ zahlreiche Spuren nichtjüdischer Kulte erhalten ha- I.J. SCHRAMM^^ Verwendet die lelegramm-Lrsah-fformulare des Israelitischen ssrsuen-Vereins Wachen (e.V.) von J830!

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