Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-04-01 · 6 (1.4.1928) · p. Seite 87

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
6 (1.4.1928)
Article
Synagoge und Friedhof der Gemeinde Sulzbürg
Date
1928-04-01
Page
Seite 87 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2727810-2727850-2727856-2732983--03059-2733023
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

M. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 87 wer sollte das bestreiten? Und grade bei der Gelegenheit, die uns am eindringlichsten die Gemeinschaft der Zukunft aller menschlichen Geschöpfe vor Augen führt! Gar mancher Unbemittelte, der nicht zurückstehen möchte, wird zu schwer drückenden, für ihn unverhältnismäßig hohen Ausgaben für ein Grabdenkmal gezwungen, weil es ihn geniert, hinter anderen zurückzustehen; auf jeden Fall aber wird ihm das. schwere Los seiner Armut gerade in den schwersten Momenten seines Lebens vor aller Welt vor Augen geführt. Das Anbringen von Goldinschristen aus jüdischen Grabsteinen ist unpraktisch, denn sie erschweren in hohem Maße das Lesen der Grabschrift, wie sich jeder leicht überzeugen kann. Tiefschwarze .Schrift aus weißem Grund erscheinen mir als die gegebene wirksamste Farbengebung. Vielfach findet man auch, gerade auf den Friedhöfen kleinerer Orte Glasplatten als Jnschriftträger. Sie sind ebenso sehr abzulehnen, ja noch mehr. Ein mutwilliger Steinwurf zerschmettert sie in Scherben oder ein strenger Winter läßt sie aufsrieren. Beides habe ich beobachtet. Ein roher Gramtblock bleibt zurück. Auch die geflissentlich vor der Öffentlichkeit zur Schau getragene Gräberpflege ist durchaus nicht als eine jüdische Erscheinung zu werten. Der Friedhof ist die Stelle, die uns die ewige Vergänglichkeit mit eisernem Zwang vor Augen führt; er sollte dies eigentlich schon durch seine äußere Erscheinung. Als ich einst in einem kleinen hessischen Ort die Grabstätte meiner seligen Mutter aufsuchte, machte ich einen Rundgang, um die Gräber anderer dort zum ewigen Schlaf ruhenden Ahnen zu finden. Dabei muhte ich. mich mühsam durch die alten schiefstehenden und vielfach mehr oder minder eingesunkenen, mit Moos überwucherten Steine hindurchwinden: aut einem großen Teil der Grabstätten wuchsen wilde Bäume oder undurchdringliches Gebüsch, das nur schwer zu überwinden war. Plötzlich erschreckte mich ein aus einem solchen Grabgebüsch hervorspringender flüchtender Hase. — Gewiß herrschte dort nicht das nach heutigen Begriffen erforderliche Mindestmaß von Ordnungssinn; trotzdem aber war es für mich eine heilige Weihestunde, in der ich die Weltabgeschiedenheit auf mich eindringen fühlte. — Man denke sich ein Jahrhundert weiter. Wie mancher, anspruchsvoller Granitblock mag dann dastehen und der Name dessen, dem er gewidmet gewesen, ist trotz seiner Kostbarkeit vergessen! Die jüdische Gemeinde in Fürth verbot in ihren T'konauß (Gemeindesatzungen) im 18. Jahrhundert die Errichtung von Grabsteinen, deren Anschaffungswert über eine bestimmte kleine Summe hinausging: auf dem Stein durfte nichts stehen als der Name des Verstorbenen. Auch einige gerade der Bedeutendsten der Gemeinde Sulzbürg haben letztwillig verfügt, daß ihnen nur ganz bescheidene Denksteine, nur mit ihrem Namen versehen, gewidmet werden dürfen. Man möchte fast sagen, daß diese anspruchlosen Steine mehr die Aufmerksamkeit der Besucher erwecken als die pompösen in ihrem schematischen Einerlei. Auf demselben Friedhof befindet sich eine Anzahl ziemlich großer, plump zugerichteter Steine, aus denen in großen unbeholfenen Buchstaben Namen und Sterbetage der Verstorbenen mit einem Nagel eingeritzt sind, ein noch heute ergreifendes Bild der Armut und zugleich Pietät der Hinterbliebenen, die nicht die Mittel befaßen, einen Steinmetz zu bezahlen und daher ohne alle Unkosten selbst mit eigener ungeübter Hand den Eltern diesen Denkstein setzen. Und diese Steine wirken noch heute monumental, mehr als manche dort stehende von kostbarer Herrichtung. Gerade sie tragen dazu bei, den Charakter dieses alle Menschenklaffen umfassenden Ortes mitzubestimmen. Man beschäftigt sich in neuerer Zeit viel mit Friedhofs- und Grabsteinpflege. Die Literatur hierüber ist ansehnlich. Da findet man oft auch ein Kapitel über jüdische Friedhöfe. Ihre ganz besondere Individualität und die eindrucksvolle Wirkung auf den Beschauer wird stets betont. Diese scheinbar planlos nebeneinander stehenden, verwitterten Zeugen alter Vorzeit verfehlen nie ihren Eindruck. Die nichtjüdischen Besucher des alten Frankfurter jüdischen Friedhofes erleben dort eine Weiheftunde. Kann man Gleiches von unseren modernen jüdischen Friedhöfen behaupten oder wird man es einst von ihnen behaupten können? Zeigen diese überhaupt noch eine eindrucksvolle spezifisch jüdische Note, die ja auch der nichtjüdische Besucher hier zu finden hofft? Finden wir nicht vielmehr das Bestreben, jüdische Eigenart oft zu verbergen und der Angleichung an die „moderne Friedhof- und Grabsteinpflege", statt Anknüpfung an die jüdische Tradition, wie sie doch an diesem Ort ganz selbstverständlich sein sollte? Warum verpönt man auf einem rnna Tafrima vs ■Tja’ "'iT.!TQU 3V. NT; »vn isn iis? Lpvn rnr swm ui» tob» Bilds Vom Friedhof in Sulzbürg — Grabstein eines Ermordeten, 1742 jüdischen Friedhof die hebräischen Schriftzeichen? Gibt doch gerade ihre, wie von den nichtjüdischen Beschauern anerkannt wird besonders monumentale Wirkung unseren Friedhöfen ihre besondere Eigenart. Das Entscheidende für Form, Ausstattung und Inschrift ist oft nur der Kostenpunkt; alles übrige überläßt man dem privaten Kunstverständnis des Steinmetzen. So war es nicht bei unseren Vorfahren, die ihre eigenen Wünsche bei der Gestaltung eines Grabsteines wohl durchzuführen wußten. Grabsteininschrift und Ornament sind da oft bezüglich des Verstorbenen unmittelbar belehrend, Da finden wir z. B. in Baierdorf unter dne angebrachten Ornamenten zuweilen eine Gans; sie weist auf den Familiennamen „Gans";, oder in Sulzbürg bei den Familien Löwenmayer einen Löwen und den Mitgliedern der Familie Hirsch einen Hirsch. Das ist zwar naive Kunst, aber gerade deshalb wirklicher, natürlicher Sinn für Kunst, statt der nichtssagenedn monotonen Ästhetik, die sich auf den modernen Grabsteinen zeigt. Auf einem Stein des Sulzbürger Friedhofes, der einem Ermordeten gewidmet ist (siehe Bild 3), finden wir die Mordwerkzeuge abgebildet. Diese Anbringung der Dolche vermag vielleicht unserem modernen Geschmack nicht mehr zu entsprechen; das ist auch nicht erforderlich. Es genügt, daß sie dem Empfinden ihrer Zeit Rechnung trägt. Und wie angemessen präsentiern sich die herkömmlichen Embleme, die auf die besonderen Beziehungen des Verstorbenen auf sein Judentum Hinweisen! Aus den Grabsteinen des Kohen die segnenden Priesterhände, aus denen der Leviten die Waschkanne und auf denen der Beschneider das Mohelmesser. Wir bringen als besonders schönes Beispiel dieser Art das Bild 4 des Grabsteines des Privatrabbiners und Gemeindevorstehers Simon Hirsch, Neustem in Sülzbürg (Näheres über ihn auf Seite 17 meines angeführten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.