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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-04-01 · 6 (1.4.1928) · p. Seite 86

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
6 (1.4.1928)
Article
Synagoge und Friedhof der Gemeinde Sulzbürg
Date
1928-04-01
Page
Seite 86 (sequence 1)
Language
German
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86 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 6 Svnagoge und §r!eohof der Semeinde Sulzbürg Betrachtungen von Rabbiner Dr. In meiner soeben erschienenen „Geschichte der Juden in der Oberpfalz", Band IV, habe ich versucht, die Geschichte der alten ruhmreichen Gemeinde Sulzbürg zu verfolgen. Dabei war mir leider aus ökonomischen Rücksichten versagt, einen besonderen Wunsch zur Ausführung zu bringen, nämlich den, manche Darstellungen aus der Gemeinde durch Beigabe von Illustrationen anschaulicher zu machen. Einige der vorgesehenen Bilder erscheinen für weitere Kreise so instruktiv, daß ich sie auf diesem Wege veröffentliche. Sie wurden mir durch den Senior der Gemeinde, Herrn Moritz Wertheimer, der dreißig Jahre lang die Stelle des Gemeindedieners versah und mit der Gemeindegeschichte eng verwachsen ist, vermittelt. Sulzbürg gehört leider zu den dahinschwindenden Gemeinden (wie es deren so viele in Bayern gibt), in denen die Führer und Einzelmitglieder stets eine heilige Aufgabe darin erblickten, die öffentlichen Gemeindeeinrichtungen in einer Vollendung herzustellen, die heute noch für manche Großgemeinde vorbildlich sein könnte. Für unsere alten Glaubensgenossen in den kleinen Städtchen und Dörfern gab es bei all ihrer geistigen Regsamkeit keine andere Möglichkeit, sich öffentlich zu betätigen, als in ihrem engen Gemeindeleben. In Kommune und Staat waren sie nur passive, geduldete Mitglieder: um so mehr und umfassender kam ihr Tatendrang im Kehillohleben zur Geltung. Man muß heute beim tieferen Eindringen in die alten Gemeindeeinrichtungen und Gemeindebräuche oft staunen über das tief jüdische Verständnis, über den geradezu überraschenden natürlichen Kunstgeschmack, der noch nicht, wie heute oft, zur Schablone geworden und über den praktischen Sinn, der sich da oft offenbart. Und was da alles in den Bereich der öffentlichen Gemeindepflichten einbezogen wurde! In Sulzbürg z. B. stehen zwei Gemeindesessel bereit, die bestimmt sind, bei vorkommenden Beschneidungen in das Haus gebracht zu werden, wo die Veschneidung vollzogen wird, ebenso der Gebärstuhl, der in vorkommenden Fällen in das Haus der Wehmutter überführt wurde und noch bis vor nicht allzulanger Zeit in Gebrauch war, — der silberne Gemeindekamm, mit welchem die Braut von den Frauen gekämmt wurde, bevor sie kurz vor der Hochzeit „unter die Haube" kam usw., alles Dinge, die heute längst aus dem Aufgabenkreis der Gemeinden geschwunden sind. In,alten, jetzt leer stehenden Synagogen "einst berühmter Gemeinden finden wir eine bis in das kleinste gehende Durcharbeitung für die religiöse Praxis, die wir in unseren heutigen, vielfach nur für pompösen Eindruck hergerichteten, vergeblich suchen. In diesen Einzelheiten gerade merkt man die Liebe, mit der man an allem hing, was das religiöse Gemeinschaftsleben betraf. Ich möchte hier auch an die leider noch so wenig bekannten, kulturhistorisch so überaus bedeuffamen Memorbücher erinnem, die als besonders heiliges Besitztum, immer wieder durch neue Einträge bereichert, von einer Generation zur anderen überging und die bedeutenden Persönlichkeiten der Gemeinde in der Bild 1. Synagoge von Sulzbürg — Innenansicht l Weinberg, Neumarkt (Oberpf.) Bild 2. Synagoge von Sulzbürg — Auhenansicht Erinnerung weiterleben ließ. In dem individuellen Geschmack, mit dem man sie ausstattete, zeigt sich die oft ergreifende Hingabe für höhere, über den Augenblick hinausgehende Interessen und Ideen. Die Synagoge von Sulzbürg verkörpert diese Schönheit und Zweckmäßigkeit in sich in besonderem Maße, zumal jetzt, wo sie im vorigen Jahre mit tatkräftiger Unterstützung des Gemeindeverbandes renoviert ist und sich in ursprünglicher Schönheit uns präsentiert, wie sie sich im Bild 1 zeigt. Der Bau selbst ist von ganz besonderer Eigenart. Er ist direkt in den Berg hineingetrieben. So ergibt es sich, daß an der oberen und Haupffront, wo der Eingang in die Frauensynagoge sich zur ebenen Erde befindet, das Dach nur zwei bis drei Meter über den Boden ragt, während der Weg zur Männersynagoge dort auf einer massiven Außentreppe neben dem Haus bergab führt. Die Rückfront, die den Haupteindruck vermittelt, hat dadurch die Höhe von etwa zehn bis zwölf Metern. Wohlausgestattete Räume für die Wohnung des Kultusbeymten, die Schule und Gemeindesitzungen sind eingebaut (Bild 2). Von ganz besonderer bizarrer Eigenart ist der Friedhof auf Bergeshöhe, mitten im Ort gelegen. Man möge das Einzelne über ihn in meinem eingangs erwähnten Buche Nachlesen. Hier möchte ich zur Illustration der Art, wie man früher ein viel ausgeprägteres Verständnis für natürliche Formen hatte, etwas auf die Grabsteine eingehen. Die vielen, zum Teil ganz, zum Teil halb in den Erdboden versunkenen, zum großen Teil aber noch recht gut erhaltenen Denkmäler wirken gerade durch ihre Schlichtheit und Einfachheit, aber auch dort, wo man künstlerische Verzierungn in der Aufschrift angebracht hat, geradezu ergreifend. Die heutigen Friedhöfe möchte man Marmor- oder Granitsteinbrüche nennen. Marmor und Granit sind aber das Material für öffentliche Denkmäler berühmter Persönlichkeiten; sie sollen die Jahrhunderte überdauern. Übrigens sind Marmor und Granit hierzulande keine heimischen Gesteine und erwecken dadurch auf unseren Friedhöfen einen fremdartigen unharmonischen Eindruck. Was sollen diese, sicherlich in aufrichtiger Pietät errichteten Prunkdenkmäler auf den jüdischen Friedhöfen? Das Andenken derer, denen sie gewidmet sind, wird durch solche Prunkdenkmäler nicht eine Stunde länger wach erhalten, als durch ein einfaches schlichtes Sand- oder Kalksteindenkmal; fast könnte man sogar die Beobachtung machen, daß ein schlichter Stein heutzutage inmitten seiner pompösen Umgebung einen ganz besonders wirksamen und auch für die Hinterbliebenen ehrenden Eindruck erwecken würde. Gar mancher möchte sich von dieser modernen Richtung abwenden und sich zu der alten jüdischen Schlichheit zurückwendend, einem lieben Abgeschiedenen einen seinem Wesen entsprechenden schlichten Grabstein errichten; aber es erfordert schon einen ziemlichen Mut, gegen den auch das gesamte übrige jüdische Gebiet vielfach beherrschenden modernen Geist der Uniformierung aller äußeren Formen anzuknüpfen. Daß dadurch auch sozial unangenehme Nebenerscheinungen gefördert werden,

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