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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-04-01 · 6 (1.4.1928) · p. Seite 84

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
6 (1.4.1928)
Article
Vom Wesen des Alpinismus und von jüdischen Bergsteigern
Date
1928-04-01
Page
Seite 84 (sequence 4)
Language
German
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84 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr . 6 griffen, die sie dem Mittelstände einverleiben sollten. Diese hatte daher keine Zeit zu solchen Dingen. Die reichen Familien dieser Zeit aber hatten andere Interessen. Sie reiften wohl, aber ohne ihre Bequemlichkeit aufgeben zu wollen. Zu alledem kam, daß allen Kreisen des Judentums in der Entwicklungszeit zweifellos jeglicher Anschluß an die Alpinisten der Zeit gefehlt hat, ein Moment, das auch für die spätere Zeit wohl zu beachten ist. Mit der fortschreitenden Emanzipation und dem allmählichen Hineinwachsen in die deutsche Kultur- und GesellschafLSsphäre wurde auch der deutsche Jude an der alpinen Bewegung interessiert, und als in den achtziger und neunziger Jahren in allen größeren Städten Sektionen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins gegründet wurden, sahen sie sehr bald auch jüdische Mitglieder in ihren Reihen. Es war dies begreiflicherweise nur eine kleine Schar, immerhin haben besonders die Sektionen Frankfurt und Berlin eine Reihe tüchtiger jüdischer Bergsteiger hervorgebracht. Weit größer schon war die Zahl der jüdischen Bergsteiger in den Alpenstädten München und Wien. Hier traten im Laufe der Zeit eine Anzahl hervorragender jüdischer Alpinisten auf, die zu den besten ihrer Zeit gehörten. Ich nenne nur die Namen: Dr. Alfred Dessauer, Otto Margulies, Ingenieur Guido Mayer und dessen Bruder Max Mayer, Dr. Gottfried Merzbacher, Dr. Fritz Pflaum, Dr. Paul Preuß. Niemand wird die überragende Stellung dieser Männer wegleugnen können. Doch ist ihre Anzahl immerhin relativ klein. Aber auch die allgemeine Beteiligung der deutschen Juden am Alpinismus ist nicht so groß, wie man es prozentual und gemessen an anderen Sportarten erwarten müßte. Diese Feststellung ist sehr wichtig, denn im Jahre 1924 hatte die Sektion München des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins den numerus clausus für Juden eingeführt mit der Begründung, sie fürchte eine Überfremdung, obwohl zweifelsfrei feststand, daß der Prozentsatz höchstens eineinhalb Prozent betrug. Man wird sich aber doch fragen müssen, woran diese auch jetzt immer noch relativ geringe Beteiligung an der alpinen Bewegung liegt. Die Gründe dafür sehe ich einerseits in der Berufsftellung der deutschen Juden, anderseits in dem deutsch-alpinen Antisemitismus und seinen Folgen. Zunächst in der Berufsstellung. Der überwiegende Teil der deutschen Juden gehört dem Kaufmannsftande an. Nun steht aber fest, daß der Kaufmann, besonders der selbständige, nicht übermäßig bemittelte Unternehmer in der alpinen Bewegung nur eine ganz bescheidene Rolle gespielt hat. Jeder, der einmal beobachtet hat, welchen Schichten eigentlich die Bergsteiger angehören, die allsonntäglich zu wirklich ernsten Fahrten ausziehen, wird folgende Schichtung feststellen müssen: Es sind Beamte, Mitglieder freier Berufe, Angestellte und Arbeiter. Erft im weiten Abstand folgt der selbständige Kaufmann, der Wirtschaftsmensch. Auf die soziologische Seite dieser Dinge kann hier nicht eingegangen werden?" So viel aber steht fest: Wer Woche für Woche den entnervenden Kampf ums Dasein zu führen hat, dem fehlt neben der Zeit am Sonntag auch vielfach die Kraft, zu den Kämpfen der Woche noch den freigewollten Kampf am Feiertag zu setzen. Der sehnt sich höchstens nach der Ruhe der Berge und läßt, ohne eigentlich Alpinist zu sein, den Frieden der Natur auf sich wirken. 10 Siehe Dr. G. F. Bergmann: „Hochmut zwischen zwei Welten." Nachr. d. Av. Donauland, Nr. 74, Wien 1927. Dazu kommen bei manchem auch noch die gesellschaftlichen Verpflichtungen, denen er sich, häufig in Auswirkung seines Berufes, nicht entziehen kann. Da nun eine Mehrheit der deutschen Juden dem Kaufmannsberufe angehört, so entfällt demgemäß auch nur ein geringer Prozentsatz von Bergsteigern auf ihren Teil. Tatsächlich sind auch mindestens achtzig Prozent der berühmt gewordenen jüdischen Alpinisten Akademiker gewesen. Es kann nicht geleugnet werden, daß die schon erwähnte falsche Erziehungsmethode der alten Generation, die manchen guten Kern schon im Keime erstickte, noch nachwirkt. Hier hat sich aber die Jugend aus sich selbst heraus geholfen und besonders mit Hilfe der „Wanderbünde", „Kameraden", „Blau-Weiß" u. a., Wandel geschaffen. Aus diesen naturbegeifterten Iugendkreisen ist denn auch ein kleiner bergfteigerischer Nachwuchs hervorgegangen. Zu diesen Hemmungen tritt als stärkstes Hindernis in der Entwicklung des deutsch-jüdischen Alpinisten der deutschalpine Antisemitismus. Dieser hat zwei Wurzeln: 1. den Hochschulantisemitismus vor dem Kriege, 2. den völkisch-alpinen Antisemitismus nach dem Kriege. Ich habe schon zuvor ausgeführt, daß es den deutschen Juden in der Frühzeit des Alpinismus sicher vor allem auch am Anschluß zum Alpinismus gefehlt haben mag. Die Ausbildungsftätten, gewissermaßen die Nester fast aller bedeutenden Bergsteiger der letzten Jahrzehnte vor dem Kriege, waren die Akademischen Alpenvereine. Gar bald aber hatten diese das antisemitische Prinzip der übrigen Hochschulverbindungen angenommen. Der gesellschaftliche Antisemitismus der achtziger und neunziger Jahre griff gerade auf so intime Kreise, wie es die Akademischen Alpinen Vereinigungen waren, rasch über und verweigerte dem jüdischen Studenten den Zutritt. Es blieb somit dem jungen jüdischen Bergsteiger auf der Universität schon von vornherein der Anschluß an den maßgeblichen Teil der deutschen Bergsteigerschaft versagt, zumal dieses Prinzip auch bald unausgesprochen, aber geübt auf den „Österreichischen Alpenklub", die vornehmste deutsche Touristenvereinigung, überging. Was das bedeutet, davon wird mancher ein Liedchen singen können, der sich mühsam seine Gefährten suchen mußte, der alle Erfahrungen selber sammeln, alles selber lernen mußte, was einem anderen durch gute Lehrmeister mühelos in den Schoß fiel. Ein schwerer Anfang jedenfalls, der den nicht sattelfesten zurückschrecken konnte. Umso schöner aber war der Sieg für den, der sich allein durchgekämpft hatte. Derselbe Antisemitismus, der dem deutschen jüdischen Akademiker den Zugang zur Offiziers- und Beamtenlaufbahn versperrte und versperrt, verschloß ihm auch den Zugang zur alpinen Bewegung. Hier blieb immerhin die Gefahr mehr auf die Akademiker beschränkt. Weit größer wurde sie, als in den Jahren 1921/23 von Österreich her der völkisch-alpine Antisemitismus einsetzte und auch den Alpinismus und insbesondere den Alpenverein in schwerste Mitleidenschaft zog." Die Gründe für den österreichischen Antisemitismus, der schon vor dem Kriege stärker war als der deutsche, liegen tiefer. Der Ausschluß der Juden aus den österreichischen Sektionen, hauptsächlich aus der Sektion „Austria", die früher zahlreiche Juden als Mitglieder hatte, begann dort nach dem starken Zuzug der 11 Siehe Dr. G. F. Bergmann: Die Juden im Deutschen und Österreichischen Alpenverein. K.C.blätter XV, 1.

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