Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 6 (1.4.1928)
- Article
- Vom Wesen des Alpinismus und von jüdischen Bergsteigern
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 85 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 85 Ostjuden nach Wien. Sicher ist, daß diese von vielen als Fremdkörper empfunden wurden. Sie fielen auf und die Weltfremdheit vieler Bergsteiger, der vielfach unberechtigte Hochmut der Alpinisten, welche die zwei Welten, die sich hier kreuzten, nicht verstanden, mußte sich an ihnen stoßen. Die völkischen Doktrinen taten ein übriges dazu. Der völkische Führer im Alpenverein, Hofrat Pichl in Wien, trat infolge der Tatkraft seiner Anhänger und - der Intereffelosigkeit der jüdischen Mitglieder — . an die Spitze der „Austria" und veranlaßte den Ausschluß der Juden. Es kam als Gegenpart zur Gründung der Sektion „Donauland", in die viele der ausgeschlossenen Juden eintraten, und zu den Kämpfen im Alpenverein, die schließlich, als durch die Rebellion der österreichischen Sektionen der Bestand des Hauptvereins bedroht wurde, im Jahre 1924 zum Ausschluß der Sektion „Donauland" und deren Weiterbeftehen als selbständigen Verein führte. Das Gift war inzwischen aber auch nach Deutschland geströmt, hatte in Berlin zu Spaltungen und zur Gründung des „Deutschen Alpenvereins Berlin", in München zum Austritt von etwa achtzig Münchener Alpenvereinsmitgliedern aus der Sektion München geführt. Damals trat an jeden die Frage heran, was zu tun sei. Und die Verbitterung, die Verzweiflung war bei manchem so groß, daß er an die Idee nicht mehr glaubte, den Pickel hinlegte und den Bergen fernblieb. Der Kundige aber wußte, und es ward ihm zum Tröste, daß gerade viele der bedeutendsten Alpinisten, Männer wie Stüdl, Kugy, Lämmer sich gegen den alpinen Antisemitismus wandten, daß sie immer wieder darlegten, daß Rasse, Politik und Religion nichts mit den alpinen Idealen zu tun habe, daß der Alpinismus eine interkonfessionelle, eine internationale Angelegenheit sei. Doch es gehörten starke Menschen dazu, in dieser Zeit der Anfechtung dem Gedanken treu zu bleiben und sich sogar oft neue Freundeskreise zu suchen, was den wirklichen Bergsteigern jedoch meist gelang. Viele jedoch gaben das Rennen auf, viele suchten keinen Anschluß mehr an alpine Kreise, vielen auch war tatsächlich in Ermangelung eines solchen Kreises die Teilnahme am alpinen Leben verschlossen, wenn sie nicht die Kraft zu Alleingang besaßen. So hat die Nachkriegszeit, in der an und für sich ein großer Aufschwung der alpinen Bewegung erfolgte, die deutschen Juden unter besonders schlechten Auspizien gesehen und es konnte nicht ausbleiben, daß sich dies auch auf ihre Anteilnahme an der alpinen Bewegung ungünstig auswirkte. Man wird ihnen aber daraus keinen Vorwurf machen können, sondern höchstens ihren Gegnern. Wie liegen die Dinge nun heute im Alpenverein und speziell in München? Der Hauptverein ist ohne Zweifel nicht antisemitisch, der völkische Sektionenbund ist aufgelöst. In Österreich herrscht bei acht Zehnteln der Sektionen der Arierparagraph, die deutschen Sektionen nehmen in ihrer Mehrzahl wie auch vor dem Kriege Juden auf. In München mit seinen fünfzehn Alpenvereinssektionen gibt es Sektionen aller Schatierungen, antisemitische, nichtantisemitische und neutrale, d. h. gleichgültige. Ich will mich im einzelnen nicht damit befaßen. Es ist Recht einer jeden Sektion, zu tun, was sie will, nur muß es offen eingeftanden werden. Deshalb will ich hier nur einer Sektion Erwähnung tun, weil ich dies dem Gedenken teurer Toten schuldig zu sein glaube. Das ist die Sektion „Bayerland", eine Sektion, die zu den bergfteigerisch tüchtigsten gehört. Diese Sektion, der Paul Preuß, Gottfried Merzbacher, Otto Margulies und Fritz Pflaum angehört haben, diese Sektion, die aus der Stiftung des Juden Fritz Pflaum und dessen Familie im Jahre 1912 ihre Fritz-Pflaum- Hütte erbaute und die noch im vorigen Jahre beim Tode Merzbachers versichert hat, daß sie sein Andenken in Ehren halten werde, hat das Andenken ihrer Toten mißachtet, indem sie im geheimen, schon vor Merzbachers Tod, anläßlich der Donaulandangelegenheit beschloß, keine Juden mehr aufzunehmen. „Im geheimen!" Öffentlich dies einzugestehen, hat man sich wohl gescheut. Mag sein, daß viele Mitglieder dies heute nicht mehr billigen, die Tatsache besteht weiter. Wollte man solcher Handlungsweise gedenken, wahrlich, man möckte an der Kraft der Idee verzweifeln! Noch aber gibt es gottlob rechtlich und menschlich denkende Bergsteiger, die wissen, daß der Alltag draußen bleiben muß aus den Bergen mit all seinem Haß und seiner Niedrigkeit. Die letzten Jahre haben auch dem alpinen Antisemitismus manchen Rückschlag gebracht und langsam bricht sich die Erkenntnis Bahn, daß da droben alle gleich sind in der einigenden Idee des Alpinismus, daß der Steinschlag und der Schneesturm auch keinen Unterschied macht zwischen Juden und Christen, zwischen Deutschen oder Franzosen. Hoffen wir daher, daß dieser völkerversöhnende Gedanke des Friedens auf den Bergen bald wieder voll zur Wahrheit werde und mit ihm die Worte des zweiundsiebzigsten Psalmes: „Mögen die Berge Frieden bringen dem Volke und die Hügel Gerechtigkeit." Bayerische Vereinsbank Niederlassungen an allen größeren Plätzen Bayerns rechts des Rheins Individuelle Beratung in allen Vermögensangelegenheiten IL Gold-Pfandbrief »> 3 - Sa.8S.BtEE. >. »35536 Wy _ ©ramm fttnjoU -100 ©olömarE. mh f