Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 6 (1.4.1928)
- Article
- Vom Wesen des Alpinismus und von jüdischen Bergsteigern
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 83 werden für ihn zum großen -ergfteigerischen Erlebnis. Auch Heinrich Heine gab im Prolog zur „Harzreise" eine empfindsame Schilderung der Bergesfreuden. Diese wenigen Beispiele sollen genügen. Wie tief die HochgebirgSwelt auch auf den Musiker wirkt, zeigen die Briefe Richard Wagners aus seiner Schweizer Zeit? Richard Strauß gab in der „Alpensymphonie" seinem Bergerleben tönenden Ausdruck. Die ästhetische Seite im Bergsteigen regt den Schönheitssinn im Menschen an. Sie soll aber nicht, um ein Wort Gottfried Kellers zu gebrauchen, zu „passiver Naturschmökerei" werden. „Dieses oberflächliche und gedankenlose Wohlgefallen", sagt Lammet, „wirkt nur aushöhlend und verweichlichend. Es ist unser unwürdig, die wir aktive Menschen sind." Weit bedeutsamer als das psychologische und das ästhetische Moment beim Bergsteigen ist der Einfluß auf den Ethos des Menschen und damit auf seine Charakterbildung. Kaum eine Tätigkeit kann so die Erziehung zum Willensmenschen gestalten wie der Alpinismus. Eiserner Wille gehört zum Bergsteiger. Die alpine Tat fordert Ausdauer und Geistesgegenwart, Mut und Selbftbezwingung, ein oft restloses Selbstvertrauen auf die eigene Kraft in oft selbftgewollter Gefahr. Niemand konnte dies besser deuten als der Philosoph des Individualismus, Friedrich Nietzsche mit den Worten: „Kein Pfad mehr, Abgrund rings und Totenstille. So wolltest du's! Vom Pfade wich dein Wille. Nun Wandrer gilt's! Nun blicke kalt und klar. Verloren bist du, glaubst du an Gefahr!" Zur Ausbildung des Willens tritt die Betrachtung des eigenen Ichs, die Selbstbesinnung, die ich bereits erwähnt habe als Folge der Einsamkeit. Eines der höchsten Ideale der Menschheit ist die Treue. Treue vom Freunde, zum Kameraden ist wohl eines der schönsten Früchte, die aus dem Bergsteigen naturnotwendig ersprießen müssen. Die Pflichten dem Gefährten gegenüber sind das höchste, was ein wahrer Bergsteiger kennt. Das Vertrauen muß jede Angst, jeden Rest von Furcht am gemeinsamen Seile ausschließen. Deshalb hält Bergkameradschaft auch fester als Blutsverwandtschaft, fester als manches andere Band, das Freundschaft ketten soll. „Wer es gelernt hat", sagte einmal Josef Enzensperger, der erste Zugspitzmeteorologe und bekannte Alpinist, „jede Gefahr mit dem Freunde bis zum letzten Tropfen auszukoften, dem Gefährten unter Einsetzung des eigenen Lebens jede Möglichkeit zu geben, sein Leben zu retten, wer das köstliche Gefühl der Sicherheit und des blinden Vertrauens kennen gelernt hat, das auch an tollster Stelle dem anderen Schutz und Hilfe bis zum letzten gibt, der hat die schönste Wunderblume gefunden, die das Leben in den Bergen schenkt, die nie versagende wahre Treue gegen den Freund auf Leben und Tod." Erkenntnis führt zur Demut, Treue zur Bescheidenheit, Tat zum Selbstvertrauen. Demut und Bescheidenheit im Selbstvertrauen aber zu Gott, zur Erkenntnis einer göttlichen Macht, einer waltenden Gesetzmäßigkeit. Wie in der Urzeit der Mensch die Götter auf den Gipfeln der Berge verehrte, wie David sang zum Herrn: „Spende Dein Licht und Deine Treue, daß sie mich geleiten und bringen zu Deinem heiligen Berge!" (Ps. 45), so sinkt, wie Mose im aufgehenden Sonnenlichte, gebeugt vor der 8 Dr. I. Braunstein: Richard Wagner und die Alpen. Nachr. d. Av. Donauland Nr. 79, Wien 1928. 9 Siehe Lämmer a. a. O. unergründlichen Erhabenheit und Macht des Weltenherrschers der Bergsteiger in die Knie. Noch ein Wort zum „Inneren Motive". Warum steigen wir zu Berge, warum nehmen wir all die Mühen und Gefahren auf uns? Es wird keiner eine bindende Antwort geben können. Hier und da wird das sportliche Moment durchblicken, mancher wird aber einfach sagen: „Weils mich freut!" Die alpine Tat geschieht um ihrer selbst willen, ohne Zwang und Ziel! Ist das innere Verständnis, die innere weltanschaulich gebundene Einstellung zum Alpinismus da, so werden sich die drei Komponenten, von denen ich gesprochen habe, am Menschen auswirken. HI. Von jüdischen Bergsteigern Der Alpinismus hat seine stärkste Anhängerschaft in Deutschland und Österreich gefunden. Über 160000 Mitglieder hat allein der Deutsche und Österreichische Alpenverein. Rechnet man die übrigen Touriftenvereine noch hinzu, so ist eine Zahl von 250000 Bergsteigern deutscher Zunge nicht zu hoch gegriffen. Daneben erscheinen die Ziffern der übrigen Nationen gering. Natürlich ist nicht jedes Mitglied des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins Bergsteiger in unserem Sinne. Die eigentliche „Gilde" ist vielmehr wohl auch im deutschen Sprachgebiet nur wenige tausend Mann stark. Tatsächlich hat aber der deutsche Alpinist, besonders in Gestalt des deutschen „Führerlosen" den Engländern, den eigentlichen Begründern des Alpinismus, das „Blaue Band" der Alpen bereits geraubt. Und der Anteil der deutschen Juden an dieser Bewegung? Als die ersten Bahnbrecher in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ihre kühnen Entdeckungsfahrten begannen, waren die deutschen Juden gerade dem Zwange des Ghettos entronnen. Die Tore der Freiheit standen scheinbar offen da, aber siehe, es war nur eine scheinbare Freiheit; ein jedes gute Recht mußte noch einmal mit Zähigkeit neu errungen werden. Da gab es Kampf genug, Kampf um politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche Rechte, vielfach zermürbender Kampf. Und man brauchte nicht die Tat im Hochgebirge zu suchen, man fand sie im Bekenntnis, Jude zu sein, an jedem Tage im Staube der Straße. Dazu hatte die jahrhundertelange Gefangenschaft im Ghetto den Körper geschwächt, die Kräfte nicht zur Entfaltung gelangen lassen, hatte man den Streit mit geistigen Waffen dem körperlichen Wettbewerbe vorgezogen. Die übergroße Zärtlichkeit der Eltern zu ihren Kindern, die sich auch bei der Gründung der K.- C.-Verbindungen in den achtziger Jahren zeigte und diesen hinderlich im Wege stand, verhinderte auch hier viel junge Elemente, sich im entscheidenden Augenblicke der aufblühenden Bewegung anzuschließen. So war der Jude nicht prädestiniert für den Alpinismus. Und er blieb ihm fern. Vielleicht auch schon deswegen, weil er gar nicht darum wußte. Der Beruf des Naturwissenschaftlers, der im Anfang viel Gelehrte von selbst zu Bergsteigern machte, war ihm noch verschlossen. Dazu kam, daß das Bergsteigen damals noch mit sehr erheblichen Kosten verbunden war, die sich höchstens der von hohen Gönnern unterstützte oder im Staatsauftrag reisende Gelehrte oder der selbst begüterte, bereits von der Idee ergriffene Alpinist leisten konnte. Das erftere kam für den Juden kaum in Frage, das zweite jedoch auch nicht, denn die breite Masse der deutschen Iudenschaft war damals noch arm, gerade im Aufbau ihrer Vermögen be-