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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-04-01 · 6 (1.4.1928) · p. Seite 82

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
6 (1.4.1928)
Article
Vom Wesen des Alpinismus und von jüdischen Bergsteigern
Date
1928-04-01
Page
Seite 82 (sequence 2)
Language
German
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82 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 6 II. Vom Wesen des Alpinismus Man bezeichnet als Geburtsftunde des Alpinismus den Augenblick, da am 8. Juli 1786 der Landarzt I. Paceard unter der Führung deS Jägers I. Balmat den Gipfel des höchsten Berges Europas, den Montblanc, betrat. Es ist hier nicht der Platz, auf die Geschichte des Alpinismus im einzelnen^ einzugehen. Nur soviel sei gesagt, daß das Grundmoment in der wiffenschastlichen Forschung des Zeitalters der Aufklärung lag, daß aber die Freude am Objekte „Berg" in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts den klaren Übergang zum Bergsteigen als Selbstzweck, zum bewußten Alpinismus, hervorrief. Der plötzliche Aufschwung, den die Bewegung nahm, ist nur zu erklären als ein Protest gegen die die Kultur der Zeit überwuchernde Zivilisation. Der Starke, der Naturfreudige fand im Berg ein freigewähltes Kampfgebiet für seine unerschöpsten Kräfte, eine nie endenwollende Fundgrube stets neuer und stets großartigerer Bilder für seine unverbrauchten Sinne. Schon früh beginnt hier besonders beim englischen Hochturisten der Begriff des „Sportes" aufzutreten, und für die Männer, die in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts die Alpen zum „plaiground of Europe“ machten, die um das Matterhorn kämpften wie um die Weltherrschaft, galt bald das Wort Henry Hoeks': „Der Kampf mit dem Berg ist das eigentliche Ziel des alpinen Sportes ... Der Reiz, der Genuß besteht darin, die Schwierigkeiten in möglichst vollkommener Weise zu meistern." Unzweifelhaft liegen starke sportliche Momente im Bergsteigen, Motive, die besonders in den Klettererfolgen der Nachkriegszeit ihre Triumphe erlebt haben. Dies liegt ja schon im Wesen des Kampfes, der nur zu schnell zum Wettkampf wird. Will man der viel bekämpften Definition Heinrich Steinitzers^ folgen, dann ist Sport: „Jede Tätigkeit, soweit sie ausschließlich zu dem Zwecke ausgeführt wird, Kräfte mit anderen unter bestimmten Ausführungsbedingungen zu messen. Die Triebfedern jeder Tätigkeit, soweit sie Sport ist, liegen ausschließlich in dem Streben nach persönlicher Auszeichnung und Anerkennung." Ein hartes Wort und doch liegt viel Wahrheit darin. Aber es paßt nicht ganz auf den „alpinen Sport", wenn man das Wort schon gebrauchen will. Denn hier kann, wenigstens nach der deutschen Bergfteigerauffaffung, der „Sport", das sogenannte „Ausbildungömoment" im Bergsteigen nur Mittel zum Zweck, nicht endgültiges'Motiv sein. Denn das Bergsteigen gibt dem Alpinisten, auch dem rein „sportlich" eingestellten Kletterer innere Freuden, wie sie kein anderer „Sport" vermitteln kann. Dr. Alfred Dessauer, der im Kriege gefallene jüdische Münchener Alpinist und alpine Schriftsteller, schrieb einmal: „Das eben ist das Vornehme am Alpinismus, daß die Zuschauer fehlen, daß die Resultate unmeßbar sind, und daß der beste Mann das beste leistet mit Mitteln, die für den Millionär die gleichen sind wie für den Diurnisten." Sicher spielt beim Bergsteigen das körperliche Ausarbeiten, das zielbewußte, kraftvolle Ringen mit Fels und Firn eine große Rolle, aber es muß doch letzten Endes nur Ursache sein für die Wirkung auf die Seele des Bergsteigers, von der alles Außer- 1 Siehe Lehner: Die Eroberung der Alpen, München 1924. - Henry Hoek: Wanderungen und Wandlungen, München 1924. 3 Heinrich Steinitzer: Sport und Kultur, München 1910. 4 Alfred Dessauer: Bergwanderungen in den Ostalpen, München 1913. liche übertönt werden muß. „Anfang und Ende ist die Seele."° Dazwischen liegt die Tat. Es gibt tausend Definitionen über das Wort „Bergsteigen". Keine erschien mir aber so schön, wie die, welche der berühmte italienische Alpinist Guido Rey" uns gab. Er spricht vom „Bergsteigen" als „dieser unvergleichlichen Freude des ganzen Körpers und Geistes, die so ganz anders geartet ist als die übrigen menschlichen Freuden, weil sie in grenzenlosen, unbeschreiblichen Erregungen ihren Ursprung hat. Sie wurzelt in der Eigenart des Schauplatzes, in der- Dünne der Luft, im klaren Himmel, im Felsendust, in der Einsamkeit, die um uns, in der Frohheit, die in uns ist. Sie entspringt dem Gefühl der Höhe, der Erwartung der Gefahr, dem Brausen der Freiheit, den Naturtrieben des ungebundenen Lebens und dem Vergessen der weltlichen Dinge." Dreierlei Komponente sind es also, die wir als die kostbaren Schätze alpinen Erlebens bergen können, psychologische, ästhetische und ethische Werte. Das psychologische Moment tritt uns besonders nahe in dem Motive der Einsamkeit. Der Berg ist einsam. Stille der Ewigkeit herrscht an ihm. Sehnsuchtsvoll sucht der Mensch aus dem Trubel der Weltstadt heraus diese Stätten. Neben dem Erlebnis der Tat wird ihm, — wenn er will — wunschloser Seelenfrieden zuteil. Diese Erkenntnis liegt auch in den Worten Josef Pontens^: „Die Natur selbst hat keinen Feind. Sie ist ausgeglichen und ruht in sich." Ausgeglichen wird auch der Mensch in der Natur, der Bergsteiger. Es tritt eine Distanz ein zu den Dingen da draußen, das Alltagsleben versinkt. Nicht umsonst suchte schon der in Meditation versunkene Prophet die Einsamkeit im Berge (II. Kön. 2, 25), zogen die Mönche hinauf in die Bergklöster von Athos. Auch Dante hat dies erkannt, als er in seiner „Di viiia Commedia“ die Worte prägte: „Rigirando la montagna, che drizza voi che il mondo fece torti“,, „Wieder in die Berge will ich gehen, die alles aufrichten, was die Welt niederbog." Der Nervenapparat des Menschen saugt neue Kräfte aus der Frische und Reinheit der Luft. Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, daß dieses Moment überall dort versagen muß, wo Massenbetrieb und Berghotel sich eingeniftet haben, wo die Stadtgebundenheit nur auf einen höheren Platz verlegt wurde. Das ästhetische Moment ruht im Erfassen der Schönheit der Natur, im künstlerischen Begreifen des Landschaftsbildes in seinem tausendfältigen Wechsel, aber auch im Begriff des Erhabenen in der Bergwelt. Das Walten mächtiger Naturkräfte, das Erlebnis eines Hochgebirgsgewitters, eines Lawinensturzes, regt im Menschen, besonders im Künstler, im Maler und Dichter die schaffenden Elemente an. So entstanden Werke von der Abgeklärtheit eines C. D. Friedrich, eines Egger-Lienz, so ließ die Romantik die transzendentale Gedankenwelt eines I. A. Koch in wildschönen Naturbildern sich auswirken und schuf schließlich die Neuzeit die wuchtigen Hochgebirgslandschaften eines Fritz Bär, H. B. Wieland oder Lovis Corinth. Der Dichter sieht noch tiefer hinein in das Geheimnis des Geschehens und formt es um zu Worten feines Mundes. Friedrich Nietzsche, der Bergwänderer von Sils Maria, lieh dem Einsamen im „Zaratuftra" seine Stimme. Byrons „Manfred" sah bereits wieder die Anfänge einer neuen Bergreligion. Goethes Winterbesteigung des Brockens und seine Schweizer Reise 5 Guido Lämmer: Bergsteigertypen und Bergsteigerziele, Wien 1924. 0 Guido Rey: Kletterfahrten, Wien 1925. 7 Josef Ponten: Der Gletscher, Stuttgart 1923.

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