Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 4 (1.3.1928)
- Article
- Verdienst und Lohn
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
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9lr. 4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung den Glanz der Schechina genieße". Daß die Rabbinen sich hoch über die alten materialistischen Vorstellungen erheben konnten, zeigt der bekannte Ausspruch von ben Asai: „Der Lohn für die Mizwa ist eine Mizwa, und die Strafe für eine Sünde ist die Sünde", wobei unter „Mizwa" eine Gelegenheit verstanden ist, Gott durch Erfüllung eines Gebotes zu dienen. In diesen und vielen anderen Aussprüchen, die angeführt werden könnten, benutzten die Rabbinen den Ausdruck „Lohn" ohne Zögern, und sie benutzten ihn immer', um die „beffere Lage" damit zu bezeichnen, welche auf Grund der Gerechtigkeit Gottes die notwendige Begleiterscheinung, das Ergebnis oder die Folge des rechten Tuns war. Das war der Sinn von „Lohn" nach der Ansicht der Rabbinen. Sie lehrten nicht, daß ein Mensch mit Gott einen Vertrag machen könne, noch weniger, daß er das solle, gleichsam Übereinkommen, für diesen oder jenen Dienst so und so entlohnt zu werden. Möglicherweise hat einer unter den vielen Hunderten von Lehrern, deren Worte im rabbinischen Schrifttum überliefert wurden, solche Worte gebraucht. Aber dies war gewiß nicht üblich. Ganz nachdrücklichste widerspricht ja dem der berühmte Ausspruch des Antigonus von Socho, eines frühen pharisäischen Lehrers, der lautet: „Seid nicht wie die Diener, die ihrem Herrn dienen unter der Bedingung, ein Geschenk zu erhalten", wobei das Wort „Geschenk" sich von dem üblichen Wort für „Lohn" unterscheidet. Da so der wirkliche Sinn von „Lohn" nach pharisäischer und rabbinischer Auffassung war, ist es klar, daß diejenigen, deren Handlungen auf einer solchen Vorstellung beruhten, nicht gut als bloße Handelsmänner verurteilt werden können, die Gott nur für das dienen, was sie durch solchen Dienst gewinnen können. Wenn es eine „bessere Lage", d. h. göttlichen Segen in irgendeiner Form für diejenigen gab, die, so gut sie konnten, Gott dienten, warum soll es denn unrecht sein, wenn ein Mensch hofft, Gott durch sein Tun zu gefallen, wenn er hofft, in irgendeiner Weise die Billigung Gottes zu erfahren? Ist es denn falsch, auf den Segen Gottes zu hoffen? Wenn es in der Parabel heißt: „Ei du frommer und getreuer Knecht... gehe ein zu deines Herrn Freude", wird dann ein Christ je sagen, daß es falsch ist, auf eine solche Freude zu hoffen? Ein Pharisäer würde gesagt haben: „das eben ist es, was ich unter ,Lohrsi verstehe." Und der diese Worte gebraucht hat, war kein Pharisäer. Auch Jesus benutzt in vielen seiner Aussprüche das Wort „Lohn" anscheinend mit ebensowenig Zögern wie die Pharisäer. Christliche Leser- Haben sich oft unbehaglich gefühlt, wenn sie gelesen haben: „Dein bimmlischer Vater wird dir vergelte n", „Groß ist dein Lohn im Himmel", „Er soll nicht seinen Lohn verlieren". Liegt etwa diese Lehre auf einer tiefen moralischen Stufe? Wenn nicht, dann deshalb, weil Jesus und die Pharisäer genau dasselbe meinten, wenn sie den Ausdruck „Lohn" benutzten. Sowohl er wie sie machten ihn zum Wesentlichen ihrer Lehre von der Erfüllung des göttlichen Willens, was immer sonst auch der Unterschied in ihrer Auffassung vom Willen Gottes gewesen sein mag. Und er hat nicht weniger als sie anerkannt, daß es eine bessere - Der „Lohn" einer Sünde ist nach dem Ausspruche von ben Asai zwar keine „bessere Lage". Aber sowie in bezug auf Gebot und Sünde ist es die Gerechtigkeit und sogar die Güte Gottes, die die künftige Lage des Menschen, der das eine oder das andere tut, bestimmt. Und wenn es die Gerechtigkeit Gottes ist, die dem Sünder einen solch schwachen Willen bestimmt, damit er leichter sündige, so sei es doch besser fiir ihn, daß so mit ihm verfahren wird, als daß seine Sünde übergangen wird. Es ist die Gnade Gottes, die „dem Menschen nach seinem Tun vergilt". Psalm 62. 13. Lage" für den gab, der Gottes Willen erfüllte, als für den, der es nicht tat. Bevor wir den Gegenstand „Lohn" verlassen, soll noch bemerkt werden, daß die Tendenz der rabbinischen Lehre dahin ging, den tatsächlichen „Lohn", worin er auch immer bestehen mochte, auf das zukünftige Leben zu verschieben. Keiner weiß, welche Form der Lohn annehmen wird, wenn er überhaupt irgendeine Form annimmt, außer der der inneren Befriedigung der göttlichen Billigung. Und R. Elieser der Große warnte davor, Gott zu dienen mit der Absicht, dadurch etwas zu gewinnen, als er das Tertwort: „Heil dem Manne_der sich an seinen Geboten sehr erfreut" dahin erklärte: „Er erfreut sich an seinen Geboten und nicht an dem damit verbundenen Lohn." Die Pharisäer kannten wohl den Mißbrauch, dem ihre Theorie vom „Lohn" ausgesetzt war, und sie suchten sie dagegen zu schützen. Aber sie hielten an ihrer grundsätzlichen Vorstellung von der „besseren Lage" auf Grund der Gerechtigkeit Gottes fest, weil sie von ihrer Wahrheit überzeugt waren. Und wahr ist diese Auffassung sicher, wenn es auch schwer ist, die genau paffenden Worte zu finden, um diese Wahrheit auszudrücken. Soviel über „Lohn", nun über „V e r d i e n st". Das ist, wie oben gezeigt wurde, eine Vorstellung, die für den Pharisäismus noch kennzeichnender ist als die des „Lohnes". Um zu verstehen, was die Pharisäer unter „Verdienst" verstanden, müssen wir auf die drei oben erklärten Grundariome zurückgreifen. Wenn ein Mensch in einem gegebenen Falle den Willen Gottes erfüllt, so ist er Gott gewiß wohlgefälliger, als wenn er ihn nicht befolgt oder nichts getan hätte. Das muß so sein, wenn Gott gerecht ist und wenn er wünscht, daß sein Wille erfüllt wird. Wenn deshalb die Gelegenheit an den Menschen herantritt, den göttlichen Willen zu erfüllen, dann hat er die Möglichkeit Gott zu dienen, um in seinen Augen wohlgefälliger zu werden. Durch die Verrichtung der betreffenden Handlung hat er für Gott etwas getan; und wenn es auch Gott gleichgültig sein kann, waö die Menschen für ihn tun, da er ja dessen nicht bedarf, so ändert es doch etwas für den Menschen, daß er in diesem Augenblick eine bestimmte Willenshandlung vollbracht und aus sich heraus für Gott gehandelt hat. Wenn diese Gelegenheit, Gott zu dienen, nicht an ihn herangetreten wäre, so hätte er Gott in jenem Maße weniger gedient, als die Verrichtung dieser Handlung bedeutete. Nun hat aber Gott kundgetan, was in diesem und jenem Falle sein Wille ist. Vom pharisäischen Standpunkt aus ist ja die Halacha die deutliche Aussage des göttlichen Willens. Sie gibt die Richtlinien an, wie die verschiedenen „Mizwoth", Gebote, zu erfüllen sind. Wenn sich eine Gelegenheit bietet, bei der eine Mizwa erfüllt werden kann, so stehen dem Menschen drei Wege offen: Entweder befolgt er sie, oder er bleibt neutral und tut nichts, oder er beachtet sie überhaupt nicht. Wenn wir die Linie der Neutralität als Grundlage nehmen, so erhebt sich derjenige, der den göttlichen Willen durch die Verrichtung der Mizwa erfüllt, über diese Linie, während der, der ihn nicht befolgt, unter sie sinkt. Die Stellung des Menschen, der sich über die Neutralitätslinie erhebt, ist das, was in der pharisäischen Theorie unter „Verdienst" verstanden wird. Was hier unter dem Bild eines Stellungswechsels beschrieben ist, entspricht tatsächlich der Wirklichkeit. Die Erfüllung einer Handlung im Dienste Gottes ändert etwas an dem Charakter des Menschen, der sie geübt hat, fügt ihm etwas hinzu, was er vorher nicht besaß. Dieses „Hinzugefügte" ist der „Verdienst", den er durch die Erfüllung der Handlung erworben hat. Über die Tatsache, daß er in einem gegebenen Falle die Handlung voll-