Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 4 (1.3.1928)
- Article
- Verdienst und Lohn
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
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50 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 es abgeleitet ist, im Alten Testament findet, so hat es da nicht seinen späteren pharisäischen Sinn. Ich glaube daher, daß es wesentlich richtig ist, zu sagen, daß die Doktrin vom „Verdienst" hauptsächlich den Pharisäern zuzuschreiben ist, und daß, wenn sie auch die Lehre vom „Lohn" übernahmen, sie diese dennoch auf ganz eigene Weise entwickelten und zu vom Alten Testament ganz verschiedenen Schlüffen kamen. Was sie auch unter „Lohn" verstanden haben mögen, — eine Frage, die jetzt untersucht werden soll — sie identifizierten ihn jedenfalls nicht mit bloßem materiellem Glück. Die pharisäische Doktrin von Verdienst und Lohn folgt aus drei fundamentalen Überzeugungen oder Axiomen ihres religiösen Glaubens: daraus, erstens, daß Gott gerecht ist, zweitens, daß ein inhärenter Unterschied besteht zwischen Rechttun und Unrechttun, drittens, daß es die Pflicht des Menschen ist, den Willen Gottes zu erfüllen. Das sind Axiome des Judentums im allgemeinen, die nicht bloß den Pharisäern eigen sind. Aber ihnen ist es eigentümlich, daß sie diese Axiome, besonders das letzte, in Ausdrücken der Thora entwickelten. Über die zwei ersten ist wenig zu sagen. Daß Gott gerecht ist, vollkommen gerecht, ist das letzte Wort des Judentums in bezug auf die menschliche Erfassung des göttlichen Wesens. Die Juden glauben stark an die Liebe Gottes und haben viel darüber zu sagen; aber sie betrachten die Liebe nicht als das höchste von dem Menschen wahrnehmbare Attribut Gottes. Vielleicht liegt der Unterschied nur in der Form des Ausdrucks, und göttliche Gerechtigkeit und göttliche Liebe sind in Wirklichkeit ein und dasselbe. Nicht weniger grundsätzlich ist im Judentum, ganz gleich welcher Einstellung, die Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht als eine moralische Unterscheidung und nicht bloß als eine Maßregel der Klugheit oder Nützlichkeit. Es war gerade die Vorstellung von diesem moralischen Unterschied als eines integralen Elements des Glaubens an Gott, die die alte hebräische Religion von der „der Völker rings umher" unterschied; und hauptsächlich durch die Betonung des engen Zusammenhanges von Religion und Sittlichkeit erhob sich das Judentum dann auf die Höhe, die es erreichte. Das war das dauernde Thema der Propheten und nicht weniger dauernd das Thema der Pharisäer und Rabbinen. Die Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht war überdies keine bloße theoretische Ansicht, sondern die Grundlage für eine praktische Forderung. Sie sollte in der Lebensführung anerkannt werden, dadurch, daß man auch das Gute tat und das Schlechte mied. Auf keine andere Weise konnte Gott anerkannt werden, geschweige denn ihm gedient werden. Der Satz: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich" ist in allen Zeiten seit seiner ersten Äußerung eines der Losungsworte des Judentums gewesen. Das ist in Wirklichkeit das dritte oben erwähnte Axiom — nämlich, daß es die höchste Pflicht des Menschen ist, Gottes Willen zu erfüllen. Diese drei Axiome fassen das Wesen des Judentums zusammen als einer Religion, die vor alles andere die Erfüllung des göttlichen Willens setzt, weil Gott das Rechte will und das Böse verabscheut, weil Gott selbst vollkommen gerecht, wahr, heilig und gütig ist. Es findet sich noch vieles sonst im Judentum außer dem hier Angeführten, aber nichts ist fundamentaler als dies. Das Christentum hat zweifellos immer an einen gerechten und heiligen Gott geglaubt, hat immer die Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht betont und hat immer die Pflicht der Erfüllung des göttlichen Willens gelehrt. Aber es hat, wie es in der Lehre der Kirche zusammengefaßt ist, dies nicht vor allem andern gelehrt. Die erste Stelle ist immer dem rechten G l a u b e n eingeräumt worden. Wenn die Kirche mit Sündern so verfahren wäre, wie sie mit den Ketzern verfahren ist, wäre ihre Geschichte ganz anders verlaufen. Auf diesen drei Axiomen ruht die ganze Struktur des Judentums; und ein Teil davon ist die Doktrin oder Theorie oder allgemeine Vorstellung von Verdienst und Lohn, die jetzt genauer untersucht werden soll. Wenn Gott gerecht ist, dann kann ihm der Unterschied zwischen Recht und Unrecht nicht gleichgültig sein. Das ist keine willkürliche menschliche Unterscheidung, sondern eine, die dem Wesen Gottes eigen ist. Nicht in dem Sinne, daß Böses bei Gott möglich ist, sondern so, daß er die Personifikation des Guten ist und das Böse sein Gegensatz. Die Unterscheidung zwischen beiden ist in der Idee von Gott selbst begründet, insofern die Annahme des Vorhandenseins beider dem schöpferischen Denkvermögen des Menschen entspricht. „Ich mache Frieden und schaffe das Böse, ich bin Gott, der all dies macht." Wenn diese Unterscheidung auf die Lebensführung angewandt wird, dann ergibt sich die Unterscheidung zwischen dem Gerechten und dem Sünder. Und weil Gott gerecht ist, folgt daraus, daß er den Gerechten und den Sünder nicht auf dieselbe Weise behandeln wird. Es muß irgend einen Unterschied in der Lage dessen geben, der das Gute tut und desjenigen, der das Böse tut. In irgendeiner Weise geht es dem erfteren besser als dem letzteren, und nicht nur geht e6 ihm besser, sondern m u ß es ihm besser gehen, eben auf Grund der Gerechtigkeit Gottes. Auf welche Weise es ihm besser ergeht, ist eine andere Frage, die verschieden beantwortet werden kann; aber über die Tatsache des von Gott bestimmten Unterschiedes in der Lage des Gerechten und der des Sünders hat im Judentum nie ein Zweifel bestanden. Sie ist auch überdies durch die allgemeine menschliche Erfahrung bestätigt, wo immer jene Erfahrung die Anerkennung der Begriffe Gut und Böse einschließt. Nun ist es gerade diese Tatsache eines von Gott bestimmten Unterschiedes in der Lage des Gerechten und des Sünders, was die Doktrin vom „Lohn" in irgendeiner Form auszudrücken suchte. Der Lohn war letzten Endes jene bessere Lage, was immer sie auch sein mochte, und die schlimmere Lage war das Gegenteil des Lohns — die Strafe oder Vergeltung — oder wie dies sonst aufgefaßt werden mochte. Es ist nur natürlich, daß diese „bessere Lage" auf verschiedene Weise beschrieben wurde, von dem gröbsten materiellen Glück an bis zur reinsten seelischen Freude. Das war nichts weiter als das Ergebnis eines langsamen sittlichen Entwicklungsprozesses des jüdischen Volkes. Am naheliegendsten ist es, den Unterschied zwischen der „besseren" und der „schlechteren" Lage mit dem von Glück und Unglück in Verbindung zu bringen. So findet es sich an zahllosen Stellen im Alten Testament, und man kann es als eine erste ungefähre Erklärung des wahren Sinnes und Wesens der „besseren Lage" bezeichnen. Selbst im Alten Testament wurde diese Erklärung, wie etwa im Buche Hiob, in Frage gestellt, aber die Tatsache blieb bestehen, für die die Erklärung gesucht wurde. Die Entwicklung des pharisäischen und rabbinischen Denkens war auf eine höhere und geistigere Auffassung der „besseren Lage,, gerichtet. Die alte Vorstellung des materiellen Glücks wurde zwar nie aufgegeben, aber andere Vorstellungen wurden daneben eingeführt, ohne daß man versucht hatte, sie in Übereinstimmung miteinander zu. bringen; jeder einzelne Lehrer tat dies, so gut er es konnte. Der höchste Punkt wurde vielleicht von Rab erreicht in seinem berühmten Ausspruch, daß es in der künftigen Welt „weder Essen noch Trinken gibt, sondern daß der Gerechte