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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-03-01 · 4 (1.3.1928) · p. Seite 52

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
4 (1.3.1928)
Article
Verdienst und Lohn
Date
1928-03-01
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
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52 Bäuerische Israelitische Gemeindeiemnia Nr. 4 bracht hat, konnte kein Zweifel bestehen; sie sprach für sich selbst. Die Pharisäer faßten das „Hinzugefügte" als eine psychologische Tatsache auf und bedienten sich ihrer in vollem Maße. Ob das Wort „Verdienst" die beste Wiedergabe für „Sechuth,, ist, ist vielleicht fragwürdig, obgleich ich nichts besseres verschlagen kann. Das Wort „Verdienst" verdeckt aber eine feine Unterscheidung, die die Pharisäer noch machten, und die ihre Theorie vom „Verdienst" von dem befreit, was als anfechtbar daran empfunden worden ist. Angenommen, jemand verrichtet eine Handlung, im Dienste Gottes, erfüllt eine Mizwa oder eine gute Tat oder dergleichen. Es mag ihm manche Selbstüberwindung gekostet haben oder sogar Leiden und Entbehrung. Er tat es mit Hilfe Gottes, auf den er vertraute, und zu dem er betete. In der so vollzogenen Handlung sind zwei Faktoren enthalten, der Wille des Menschen, der sich in der Handlung ausdrückt, und die Hilfe Gottes ,die ihn befähigt, diese Handlung zu tun. Sechuth, „Verdienst", bezieht sich auf den ersten Faktor und nicht auf den zweiten. Ein Pharisäer würde sich den Fall so auseinanderlegen: Ich habe diese Handlung erfüllt, wodurch ich höher stehe als zuvor, aber Gott war es, der mich dazu befähigt hat, und ich beanspruche für mich nicht, was allein Gott gehört. Der Pharisäer sagte nicht: „Seht, wie gut ich bin", er dachte überhaupt nicht daran, wenn er glaubte, daß er „Verdienst" erworben hatte. Er empfand, daß in seiner Stellung als sittliches Wesen sich etwas geändert hatte; das war eine objektive Tatsache, die er erfassen konnte, so wie irgendeine andere Tatsache. Aber er wußte ganz gut, daß cs die Hilfe Gottes war, die feine Handlung möglich machte. Der Gebrauch des Wortes „Verdienst", das diese beiden Faktoren einschließt, verwandelt also etwas ganz Harmloses in etwas, was moralisch anfechtbar ist. Diese feine Unterscheidung wurde, obgleich sie meines Wissens nirgends ausdrücklich durchgeführt wird, offenbar deshalb gemacht, weil sie erklärt, wie einerseits ein Pharisäer oder Rabbi sehr wohl wissen konnte, daß er diese oder jene gottgefällige Tat vollbracht hatte und dabei doch demütig und ergeben bleiben konnte. Es gibt kaum eine Tugend, auf die in der rabbinischen Ethik mehr Gewicht gelegt wird als auf die Demut; und was noch mehr ist, ihre Literatur, die eine höchst ehrliche Enthüllung der pharisäischen Seele darftellt, zeigt keinesfalls, daß Selbftgerechtigkeit ihr besonderer Fehler war. Freilich setzte die Theorie vom „Verdienst" den Pharisäer der Gefahr der Selbstgerechtigkeit aus, so wie die Theorie der Halacha ihn der Gefahr der Heuchelei aussetzte, und ich will nicht sagen, daß der Gefahr immer begegnet worden ist. Aber in dem einen wie im anderen Falle war die Theorie vollkommen klar und richtig, und die praktische Verwirklichung führte im großen und ganzen nicht zu den bedauernswerten Ergebnissen, die gewöhnlich nichtjüdische Kritiker ihr zugeschrieben haben. Schließlich wußte der Pharisäer viel besser, wie es mit ihm bestellt war, als gewöhnlich feine nichtjüdischen Kritiker. Sowohl „Verdienst" wie auch „Lohn" waren die natürliche Folgeerscheinung aus der Erfüllung einer gottgefälligen Tat, wobei unter „Verdienst" das „Hinzngefügte" und unter „Lohn" die „bessere Lage" zu verstehen ist. Beide Auffassungen waren das unvermeidliche Ergebnis eines Systems, das die Erfüll u n g des göttlichen Willens vor alles andere stellte. Der Pharisäer legte seine Theorie von „Verdienst" und „Lohn" in Ausdrücken der Thora dar, indem er lehrte, daß ein Mensch „Verdienst" durch die Erfüllung der Mizwoth erwerben und auch zu Recht auf „Lohn" durch ein solches Handeln hoffen könne. Die ganze Absicht dieser Theorie war in einem berühmten Ausspruch zusammengefaßt: „Der Heilige, gelobt sei Er, wollte Israel Verdienst verleihen, deshalb gab er ihnen viel Thora und Mizwoth." Diejenigen, die gewohnt sind, von der Last des Gesetzes zu sprechen, und die sich die Juden als hilflose Gefangene in seinen eisernen Fesseln verstellen, würden gut tun, über den Sinn dieses Ausspruches nachzudenken, denn er drückt wahrlich wie kein anderer die Art aus, wie die Pharisäer die Thora und Mizwoth betrachteten und Gott für beide dankten. Nach dem, was hier zur Erklärung des Ausdrucks „Verdienst", wie die Pharisäer ihn verstanden haben, gesagt wurde, wird es leicht sein, die Auffassung von dem „stellvertretenden Verdienst" und besonders die Auffassung von dem „Verdienst der Väter" als eine weitere Entwicklung zu verstehen. Da Verdienst als psychologisches Faktum betrachtet wurde und nicht als eine selbstgerechte Einbildung persönlicher Vortrefflichkeit, wurde die Ansicht vertreten, daß das Verdienst eines Menschen, der viel Verdienst hatte, denjenigen, die wenig oder keines hatten, zugesprochen werden könne. Es gab zwei Gründe, die zu dieser weiteren Entwicklung führten, und beide folgen aus der Tatsache, daß Israel eine Gemeinschaft war, deren einzelne Glieder füreinander eine gewisse Verantwortung hatten. Der eine Grund war, daß ein Mitglied, das viel Verdienst hatte, durch Verteilung seinen Brüdern, die wenig oder keines hatten, helfen konnte; der andere Grund war die Erwägung, daß, seitdem die Gemeinschaft trotz ihrer Sünden und Fehler oft aus Gefahren befreit worden war und in verschiedenster Weise den Segen Gottes erfahren hatte, dies dem Verdienst der Heiligsten und Besten unter ihnen zu verdanken gewesen sei. Das Verdienst war nicht da, um nutzlos dazuliegen, sondern um unter der Vorsehung Gottes Gutes zu bewirken. Die rabbinische Erörterung verweilte lange bei der Beziehung zwischen dem Verdienst des Gerechten und den Segensgütern, die empfangen worden sind. Der nachgewiesene Zusammenhang ist oft phantastisch, wie die Lehrer selbst gewiß sehr wohl wußten, aber was sie lehrten, war die Solidarität Israels, die Wahrheit, daß „kein Mensch für sich allein lebt", und daß die Juden für einander bürgen. Sie lehrten, daß jeder durch treuen Dienst Gottes zugleich auch seinem Nebenmenschen dient, und daß einer, der wenig oder kein eigenes Verdienst habe, dankbar derer gedenken könne, die durch ein gerechtes Leben auch für ihn viel getan haben. Das war das wahre Ergebnis der Lehre von dem zugeschriebenen Verdienst, eine Lehre gegenseitigen Dienstes und brüderlicher Liebe, niemals aber eine bloße Kalkulation der Selbftgerechtigkeit. Derjenige, der seine eigenen Verdienste Gott vorhält, findet Erhörung um der Verdienste anderer willen; wer aber für die Verdienste anderer eintritt, um seiner eigenen willen. In diesen und vielen anderen Aussprüchen wurde vor der Gefahr gewarnt, sich auf die Verdienste anderer als Entschuldigung für die eigene Schwäche zu verlassen. Hier wie auch sonst ist die pharisäische Theorie sittlichen Gefahren auögefetzt und stellt große Anforderungen an die Menschen, die nach ihr leben. Die Gefahren aber wurden erkannt und man schützte sich sorgsam gegen sie; und was immer von einer u priori- Beurteilung der Theorie hätte erwartet werden können, in Praxis hat sie die Bedürfnisse jener Menschen befriedigt, die sowohl ihre Religion wie ihre Sittlichkeit toternft nahmen und sich nicht fürchteten, Gott in jener gefahrvollen Weise zu dienen, die sie aber für den von Gott gewiesenen Weg hielten.

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