Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 3 (15.2.1928)
- Article
- Dybuk
- Date
- 1928-02-15
- Page
- Seite 41 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 3 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 41 „Das ist der Dybuk, die Seele des anderen fährt in dich." Mit entsetzlicher Wahrheit raunt es ihr der schaurige Bote zu. Was um sie vorgeht, sie lebt es nicht mit. Eine Hochzeit wird bereitet, ihre Hochzeit. Sie selber tanzt mit den armen Leuten; sie lebt es nicht mit, fühlt nur kalte Finger sie betasten. Das Lachen der Freundinnen rüttelt an ihr, weckt sie. Ihr Vater tritt zu ihr: Ihre tote Mutter soll sie zum Fest laden. Sie geht, sie lädt; sie lädt — Chanan. Der Brautseffel wird bereitet. Sie setzt sich, träumend; sie horcht in sich hinein. In ihr ist Chanan. Der Bräutigam naht ihr, will sie berühren. Da, da bricht's in ihr heraus: „Du bist mein Bräutigam nicht!" Das ist nicht mehr ihre Stimme. „Begraben habt ihr mich, aber ich bin wieder da, ich bin bei meiner Braut, ich laste sie nicht mehr!" Grauen umfaßt die umstehenden: „Was ist das? Ist sie besessen?" Ein furchtbarer Schrei: „Mörder!!" Der schaurige Boet weiß alles: „Der Dybuk ist in.ihr!" Der dritte Akt. Rabbi Asriel, der Zaddik von Miropol, ist eine mächtige Persönlichkeit. In ihm haben die Geheimnisse zweier Welten sich in wunderbarer Harmonie geeint. Er hat die Brücke gefunden, die sie verbindet. Herr in der Welt der Kabbala ist er, und Herr im Reich der Wirklichkeiten. Herr in der Kabbala: Er stammt aus dem Geschlecht derer, von denen die Chassidim erzählen, daß sie Totkranke heilen, Tote wecken, Tote vor ihren Stuhl rufen. Denn ihr Stuhl ist der Richterstuhl der Thora, die über Lebende und Tote herrscht. Rabbi Asriel ist ein würdiger Sproß. Aber Rabbi Asriel ist mehr, er ist ein Heiliger. Die Verantwortung fühlt er auf sich, wie sie auf dem heiligen Hohepriester liegt, wenn er am heiligen Tag am heiligsten Ort den heiligsten Namen spricht. Rabbi Asriel ist mehr. Noch mehr? Er steht trotz alldem nicht jenseits der Menschen, er steht mitten bei ihnen. Er ist, was alle nicht sind, die, wir gesehen haben: er ist ein Mensch in seiner Ganzheit, ein Mensch mit einfachen, tief-menschlichen Gefühlen. Nicht wie das Volk der Chassidim, deren dunkler mystischer Mantel voll Erdklumpen hängt, daß er wie gescheckt erscheint. Nicht wie Chanan, der eingesponnen in seinem Bereich vergeblich den Weg zu den Menschen sucht. Nicht so Rabbi Asriel. Alles Leid der Menschen schlägt an die Saiten seines Herzens, das voll Erbarmen ist. Voll Mitleid folgt er dem Gedrückten, voll Mitleid auch dem Verirrten, voll Mitleid selbst den sündigen Seelen, die noch im Grabe die Ruhe flieht. Ein Mensch in höchstem Sinne, ist Rabbi Asriel der Heilige selber ein Suchender. Voll Kraft, wo es zu helfen gilt, weiß er bei sich die eigene Kleinheit, bittet weinend seinen eigenen Diener, daß er mit ihm bete, ihm helfe zum richtigen Weg. Nie starr, stets ringend steht Rabbi Asriel der Kabbalist mitten unter seinen Menschen. Er hat die Brücke gefunden, weil er ein großer Mensch ist. In diesem Hause hat jeder seine Heimat; sogar Meschullach, der rastlose. Hier zum erstenmal sehen wir ihn ruhig sitzen, erzählen. Hier versteht man den Boten des Schicksals. Rabbi Asriel ist ihm ebenbürtig. Ein ebenbürtiger Freund? Nein, aber ein ebenbürtiger Partner. Asriel ist Meschullachs Gegenspieler. Bald wird es sich zeigen. — Vor Rabbi Asriel erscheint Sender, tief gebeugt. „Rabbi, hilf meiner Tochter!" Rabbi Asriel ist ein herrlicher Seelenarzt. Nicht den Hergang läßt er sich schildern, die Ursache sucht er, die Schuld. „Ihr habt die Stimme erkannt, die aus dem Mädchen spricht. Habt ihr dem, dem die Stimme im Leben gehörte, unrecht getan?" „Ich weiß es nicht, ich erinnere mich nicht," zögert Sender. Was tun? Hier ist der Weg versperrt. So läßt der Rabbi das Mädchen kommen . Das gehorsame Mädchen will näher treten, der Dybuk sträubt sich. Wie der Kranke das Messer des Arztes fürchtet. Leah steht vor Rabbi Asriel. Klar sieht Asriel, der Kabbalist, der Arzt, der Mensch seine Aufgabe: Was da in Leahs Herzen wohnt, das ist ein Toter. Der Tote darf nicht bei den Lebenden sein. Er muß seine Ruhe gewinnen. Das Erbarmen gebietet, ihn zu erlösen. Wo er jetzt ist, da zerstört er sich, und zerstört den Körper, in dem er haust. Doch nicht Zureden, nicht Drohen will die Ärmste von ihrer Doppelseele befreien. Krankhaft verkrallt sich der Dybuk. Ist er nicht da, wohin ihn die Sehnsucht rief? — Da geht Asriel, nach den Gesetzen der Kabbala den Dybuk zu bannen, zitternd und doch voll heiliger Kraft. „Bringt die Schofaroth, bringt die Tallesim!" Es geschieht, doch der Meschullach stört: „Ein Tallis zuviel! Fehlt jemand?" Ein kleiner Anlaß, und er wird alles entscheiden. Rabbi Asriel erinnert sich, daß er den Raw der Stadt nicht gerufen hat, wie es das Gesetz des Bannes verlangte. — Der Raw, Raw Schimschon, kommt, hört. Als er Sender sieht, da gewinnt ein Traum der letzten Nacht Bedeutung, den er kaum beachtet hat: Ein alter Freund, Nissan, ist ihm erschienen und hat verlangt, der Raw solle Sender vor sein Gericht fordern. Sender habe seinetwegen Blutschuld auf sich geladen. Zögernd, gedrückt beschließt Rabbi Asriel: „Jetzt ist's spät in der Nacht. Morgen früh soll das seltsame Gericht stattfinden. Dann folge der große Bann. Ist erst das Mädchen von seiner entsetzlichen Last befreit, dann soll sofort die Hochzeit sein. Das Mädchen wird wieder klar sein, wieder es selber sein, und ihr Bräutigam wird die Leere ausfüllen, die ihrem Geist von neuem verhängnisvoll werden könnte." „Der Bräutigam wird pünktlich sein", sagt zweischneidig der schaurige Fährmann. Vierter Akt. Der nächste Morgen. Das grausige Gericht beginnt. Zur Seite der Lebenden, durch magische Grenze geschieden, steht unsichtbar ein Toter und klagt. Klagt, daß Sender, alte Bande vergessend, eines Freundes Sohn in den Tod getrieben, in ein ruheloses Nichts, das seine Seele gespenstisch irren ließ. Klagt, daß seine, Niffans, Kette damit grausam abgerissen: Kein Sohn, kein Enkel lebt ihm, der einen Kaddisch spräche. Sender hat sie getötet. - Da schwindet Senders letzter Stolz. Gebrochen steht er. I. J. SCHRAMM^^