Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 3 (15.2.1928)
- Article
- Dybuk
- Date
- 1928-02-15
- Page
- Seite 40 (sequence 2)
- Language
- German
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40 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 3 in Wahrheit, ist nicht Leah durch Bestimmung und Neigung ihm verkettet?, Der Sohn des Talmud ist aus Leahs Nähe geflohen, den Sohn der Kabbala zieht es mächtig zu ihr hin. Von Birnitz hat er schmerzliche Galuth angetreten, in Brinitz endet sie. Jetzt gälte es die Brücke zu schlagen von jener Traumwelt herüber in die Welt der Wirklichkeit, in die er, zurückgekehrt, angstvoll hineinsieht. Aus welchen Steinen baut der Kabbalist die Brücke? Kann er sie bauen? Klaffen nicht zwei Welten hier, abgrundtief getrennt? Wo ist die Brücke? So fetzt jetzt An-Skis Ouvertüre ein. Findet die Seele, in tiefe Wirklichkeit geschleudert, wieder hinüber, hinauf zur hohen Heimat? Ja, sie muß die Brücke finden, klingt es troftvoll zurück. Der erste Akt. Da stehen sie schon vor uns, die zwei Welten, abgrundtief getrennt. Hier das Volk des Beth-hamidrafch, Menschen der Wirklichkeit. Sehen sie das andere Ufer, die Welt der hohen Geheimnisse nicht? O, wer kannte jene Welt besser als die Söhne des Chassismus! Sie haben sie ja herübergezogen in ihr Reich der Wirklichkeit, haben dem Geheimnis das irdische „Gewand" gegeben. In frohem Beten, ja in frohem Trinken bringen sie Kranken Heilung, helfen sie den Kreißenden, — soweit sie können. Das Weitere kümmert sie nicht. Das tut Gott. Was Gott tut, ist recht. Auf der andern Seite Chanan. Ifts nicht, als möchte er, umgekehrt wie jene, die Welt des Irdischen hinüberziehen in seine Traumwelt? Die Welt der Wirklichkeiten, ihm ist sie nicht wirklich. Ein schauriger Fährmann ist da; Bote der einen zur andern Welt, wandelt er zwischen beiden. Ist er der Bote des Schicksals, der Himmelswillen und Erdengeschehen wunderlich ineinander webt? Dient er, wie er's einmal ausspricht, dem Webstuhl der Zeit, zusammenknüpfend warmschlagende Menschenherzen und himmelstrebende Seelen, trennend und wieder 'IJ&mh&L \'perusasfassss. ># nmssk wridimelhwiiekl^^ Aass-Schneiderei - A^disches BelwerK. bindend Erdenleben und seine Sehnsucht? Hier flicht er Geburt an Tod, hier ebnet er die Straße, hier fällt er dem eilenden Wagen ins Rad. Wo Irdisches in geheimnisvolle Nähe tritt zur Welt des „Drüben", da erscheint er, der schaurige Fährmann. Er, der Meschullach, - hier schon muß es gesagt werden — macht erst den „Dybuk" zum tiefen Drama, dem Drama zweier Welten. Ohne ihn wäre nur die Kluft; und wir sähen entweder lauter wahnsinnige Puppen, oder, von der andern Seite, lauter blutlose Gespenster. (Ob es wohl Darsteller gibt, die es vermögen, die Seylla hier, die Charybdis dort zu meiden?) Chanan sieht Leah wieder, einen Augenblick nur, doch lang genug, um zu wissen, daß die Liebe in ihr noch lebt, lang genug, um zu erkennen, daß seine Sehnsucht auf geradem Weg sich nicht erfüllen wird. Wird er einen anderen Weg suchen? Wo ist die Brücke zur Wirklichkeit, hier braucht er sie. Er findet sie nicht. Wird er mit der Kraft der Mystik seinen Augen den Zauber verleihen, der Leahs Vater bezwingt? Soll er, bittere Ironie, nach der Zauberformel suchen, die ihm plötzlich einen Sack mit Gold vor Füßen legt um einen reichen Vater zu kirren? Soll er magisch jeden Freier bannen, der seiner Leah die Hand reichen möchte? Oder wird er gar der Überwelt letzten fürchterlichen Schlüssel finden, der alle Fesseln jäh zersprengt, die die Erde schmiedet? — Die Wirklichkeit siegt. Sender tritt vergnügt ins Bethamidrasch. Er hat für seine Tochter einen Bräutigam .gefunden. Lang hat es gedauert, bis die Parteien handelseinig waren. Das Beth-hamidrasch freut sich, singt, tanzt. Chanan hört. Tief, tief trifft ihn die Botschaft. Er ist unterlegen, alles war umsonst. War alles nur ein Unsinn? Da kommt der Augenblick, wo tiefstes Entsetzen eins wird mit höchstem Entzücken. Der Tod? „Jetzt Hab' ich ihn, den letzten Schlüssel. Ich, ich habe gesiegt!" Chanan sinkt entseelt zu Boden. Hat der Schreck den Zerrütteten getötet? Der schaurige Fährmann weiß es besser: „Hinüber hat er geblickt, da mußte er sterben." Der zweite Akt. In Leah ist viel vorgegangen, feit Chanan starb. Erft feit diesem Tod merkt sie, wie nah er ihr war. War? Nein, er i ft ihr nah, mehr mit jedem Tag. Aus Legenden, die sie gehört hat, aus Träumen, aus trauernder Liebe knüpft sie ein seltsames Netz: Wenn ein Licht vorzeitig erlischt, zündet man es nicht neu an, daß es leuchtet, bis es niedergebrannt ist? Und jung verlöschtes Leben soll nicht weiterleben irgendwo, zu Ende singen das Lied vom Leben, von Freude, vom Blühen und Früchtetragen, vom frohen Beten und heiligen Schaffen! Die Toten, die um Mitternacht im Gotteshaus stehen, sie beten ihr Gebet, das mitten abgerissene. Das tote Paar, dessen Grab auf unserem Markt steht, diese beiden jungen Toten, die unterm Trauhimmel von grausamer Hand gemordet wurden, sagt man nicht, daß sie bei jeder Hochzeit leise Gäste sind, ihren zerstörten Hochzeitsreigen tanzend? Ja, dies tote Paar, mit dem ist Leah eng vertraut geworden. Hat nicht auch ihr den Bräutigam ein plötzlicher Tod geraubt? Da ist ihr Sinnen schon wieder bei Chanan! Nein, er ist bei ihr, ständig fühlt sie seine Gegenwart, sieht sein Bild in Träumen. Er umflüftert sie, er sucht sie, sie fühlt es. Ist sie überhaupt noch sie selbst? Ist sie noch Leah die Braut, oder trägt sie zwei Seelen in ihrer Brust? Wo ist ihr Ich, ist sie nicht selbst — Chattan?! Ha, wer hat ihr den entsetzlichen Gedanken hineingegeben! Das ist ja Wahnsinn, das ist ja verrückt!