Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 12 (13.12.1927)
- Article
- Alter Geist und neue Form
- Date
- 1927-12-13
- Page
- Seite 359 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 559 die in oft schreiender Art auf ihren Wohlstand Hinweisen wollte, die in Nachahmung fremden Gutes, in Anhäufung vergangener Stile sich selbst entäußerte, die Masse und Menge mit innerem Gehalt verwechselte. Diese Ära zu überwinden hat unsere Zeit in harten Kriegsjahren gelernt. Die nüchterne Sachlichkeit, die anzuwenden eine unerbittliche Notwendigkeit uns zwingt, der Ernst, der durch die Not geboten ist, führt von selbst zu Ehrlichkeit und Schlichtheit. Wir empfinden die Not als Tugend, wenn wir nicht mehr durch kostbares Material prunken, wenn ein beschränkter Raum durch gute Proportionen, durch einfachen Schmuck, durch stimmungsvolle Beleuchtung geadelt wird. Aus solchem Geist ist die Synagoge entstanden, über deren feierliche Eröffnung bereits das Oktoberheft der Gemeindezeitung berichtet hat. Wenn wir nicht anftehen, diese Schöpfung, so klein sie in ihrem äußeren Ausmaße ist, als einen ganz bedeutsamen Fortschritt auf dem Gebiete des Synagogenbaues zu bezeichnen, so trifft diese Anerkennung nicht nur den Architekten, Herrn Regierungsbaumeifter Kleinfteuber, sondern auch das Kuratorium und die Leitung der Anstalt, die verständnisvoll auf die mutigen Anregungen des Künstlers eingegangen sind, der keinen vorhandenen Stil nachahmen, sondern aus dem Geist unserer Zeit heraus schaffen, richtunggebend für die Zukunft sein wollte. Die Synagoge, im Erdgeschoß des Lehrerseminars gelegen, betritt man durch einen Vorraum, der den einzigen Schmuck durch den Farbenzusammenklang eines warmen Rot der den Fußboden deckenden Fliesen mit dem Ocker der Wand erhält. Der Raum der Synagoge selbst ist nicht groß; er bietet für etwa hundert Menschen Platz. Der Eintretende wird gefangen genommen durch den Ernst und die feierliche Stimmung, die aus der Raumgestaltung und Farbenhebung erwachsen. Es ist ein Raum, der ohne ablenkenden Schmuck zur inneren Sammlung führen kann. Hier ist nicht die Andachtsftätte einer durch Gold, Weihrauch, rauschende Musik ins Mystische abgleitenden, ins Ekstatische sich verlierenden Seele, es ist der Betraum des in der Reinheit klaren Denkens sich sammelnden Geistes. Einen feierlichen Ernst, aber zugleich auch heimelige, „gemütliche" Stimmung löst dieser Raum aus, wie etwa eine der alten Betstuben. Nur das einfachste Material ist bei dem Bau angewendet; getünchtes Mauerwerk, Holz und Eisen. Aber welche Wirkung weiß der Architekt aus diesem Material zu holen; wie warm wirkt das Graugrün des gebeizten Kieferholzes, aus dem Aron hakodesch, Almemor, Kanzel und Gestühl hergeftellt sind; wie gefällig die Decke mit den spitzkantig gestellten (gefalteten) buntbemalten Lärchenbalken; der Boden ist auch hier mit roten Klinkerplatten bedeckt. Die beigegebenen Abbildungen lassen den Reiz der sparsamen Verwendung der Farben weniger gut erkennen als die im Raum und in den einzelnen Gegenständen waltende Harmonie der Formen. Ob ihrer besonderen Originalität muß die Bemalung der Wände hervorgehoben werden. Diese wurden in dreizehn Flächen aufgeteilt, von denen jede den Platz für einen Kalendermonat bot. Hier sind nun nach Tagen geordnet die Namen der Stiftung ausgezeichnet, deren Iahrzeittage in der Synagoge gehalten werden. Selbstverständlich sind Freiflächen zur Ergänzung der Namen offengelaffen. Diese sinnige Einrichtung dient einerseits dem religiös-praktischen Bedürfnis, die Namen der verstorbenen Wohltäter usw. aufzuzeichnen, sie ist aber zugleich ein würdiges und sehr dekorativ wirkender Schmuck. Diese Beschriftung der Wände, die von Schülern der Anstalt selbst hergestellt wurde, erinnert an die Synagogen von Bechhofen und von Kirchheim (im Luitpold-Museum in Würzburg). Sie berührt sich mit diesen weit bekannten Wandmalereien, die hebräische Gebete in ornamentalen Umrahmungen zeigen, durchaus in dem Was: eine Ornamentik, die sich die so starke dekorative Wirkung der hebräischen Schrift zunutze macht, nicht aber in dem Wie: dort, in den Synagogen des achtzehnten Jahrhunderts, der Ernst der Gebete, die Feierlichkeit der Schrift aufgelöst durch die Anmut und Heiterkeit der sie einrahmenden Formen, hier, dem Ernst des Zweckes, der Erinnerung an Tote entsprechend, einfache, durch ihre Schlichtheit monumental wirkende Buchstabenreihen, in ihrer Gleichförmigkeit auch die Gleichheit der Dahingeschiedenen symbolhaft andeutend. Für den religiös-praktischen Gebrauch der Iahrzeitfeier wurde auch ein handgeschmiedeter Leuchter hergegeftellt, der vor den jeweiligen Monat gehängt wird. An einem sägeartig ausgekerbten Stab (vergleiche die „Säge" der Schabboslampe) hängen zwei horizontale Reihen Seelenlichter, die mit einer sinnreichen Hebelvorrichtung in die Höhe oder herunter- Scheunensynagoge Bechhofen: Ostwand