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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-12-13 · 12 (13.12.1927) · p. Seite 358

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
12 (13.12.1927)
Article
Alter Geist und neue Form
Date
1927-12-13
Page
Seite 358 (sequence 2)
Language
German
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35 8 Bayerische Israelitische Gememdezellung Nr. 12 Innenansicht der Seminarsynagoge in Würzburg Betätigung siete in Abhängigkeit finden vom zeitgenössischen Kunstschaffen. Die Synagogen und andere Bauten des Mittelalters, so einfach und schmucklos sie waren, zeigen sich doch beeinflußt von romanischem und gotischem Stil. Wenn die Renaissance in der Architektur bei den deutschen Juden keine Spuren hinterlassen hat (im Buchdruck ist ihr Einfluß unverkennbar), so rührt das daher, daß jene Zeiten für die Juden Deutschlands die schlimmsten gewesen sind, in denen sie kaum seßhaft waren, geschweige denn, daß sie zum Bau von Gotteshäusern hätten schreiten können. Wie seltsam bestätigt sich nun die Wahrnehmung der Abhängigkeit jüdischen Kunstschaffens im achtzehnten Jahrhundert, da in der Zeit des zu Ende gehenden Barock die spielerische Anmut des Rokoko auch in den Synagogen Einzug gehalten hat. Es ist, als ob der erste Sonnenstrahl der Freiheit, deren sich die Juden nach unglückseligen Jahrhunderten jetzt in der Voremanzipationszeit erfreuen durften, als ob der erste Windstoß einer neuen Zeit genügt hätte, um auch unsere Vorfahren an der gefälligen Heiterkeit ihres glücklichen Zeitalters teilnehmen zu lassen. — Luftig und luftig sind die Ornamente, mit denen viele besonders der fränkischen Synagogen geschmückt erscheinen, wenn auch ihr Äußeres, einfach und schmucklos, nicht ahnen läßt, was das Innere birgt; die anmutige Feierlichkeit barocker Formen, die wir in der Architektur der Synagogen des achtzehnten Jahrhunderts erschauen, schmückt viele Kultgeräte — in manchen ist sie bis auf den heutigen Tag lebendig geblieben. Es ist kein Zufall, daß vieles, was hier zu nennen ist, in Mittel- und Unterfranken sich findet. (Bechhofen insbesondere und Kirchheim, dessen Synagoge jetzt ein Schmuckstück des Luitpold-Museums in Würzburg bildet). Würzburg, die Stadt, in der das Barock von seinen schweren, fast schwermütigen Anfängen her sich bis zu jener leichten Eleganz der edelsten. Rokokoformen entwickelt, in der der Formenreichtum jener Kunstperiode so besonders glänzend sich darbietet, ist nicht umsonst die Hauptstadt des Gaues, in welchem die genannten Erscheinungen sich zeigen. Wie nahe hätte es gelegen, diesem genius loci Tribut zu zollen, als es galt, dem Lehrerseminar in Würzburg eine neue kleine Synagoge zu schaffen, diesen neuen Betraum in irgend einer bekannten gefälligen, dort besonders vertrauten Formensprache reden zu lassen. Doch hier hat der Künstler, dem diese Aufgabe anvertraut wurde, die Verantwortung gefühlt, die er unserer Zeit und dem in ihr lebenden Geschlecht schuldete. Was früher selbstverständlich war, wäre heute zu tadeln gewesen. Des Künstlers Aufgabe lautet: Schaffen; das heißt nicht: Vorhandenes benützen, eine Sprache reden, die uns vielleicht leicht von den Lippen fließt, aber doch innerlich fremd ist, sondern: etwas eigenes sagen. Schaffen heißt den eigenen Geist zur Geltung bringen und durch ihn den Geist der Zeit bereichern,'so wie der Geist der Zeis auch uns formt und bestimmt. Was ist der Geist unserer Zeit? Es ist vielfach ein Widerspruch gegen den Geist, der vor dem Kriege geherrscht, gegen die Zeit,

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