Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 12 (13.12.1927)
- Article
- Aus der Geschichte des jüdischen Schulwesens in München
- Date
- 1927-12-13
- Page
- Seite 356 (sequence 3)
- Language
- German
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356 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 12 um fünfzig Gulden erhöhen. Obwohl eine Anzahl von Familienvätern in einer Eingabe erklärten, „die jüdische Schule ist notwendiger als aller Aufwand auf den Kultus", obwohl die Regierung des Isarkreises auf die Lehrer Lemberg und Richter als „sehr brauchbare, geschickte und vorzüglich qualifizierte Lehrer" hinwies, lehnte unter Führung Pappenheimers die Administration, welche eben den Bau der prächtigen Synagoge an der Westenriederftraße vollendet hatte, jede grundlegende Änderung des Schulbetriebs ab. 1828 löste sich das Institut Lemberg-Richter auf, da das Schulgeld „nicht einmal einen kärglichen Lebensunterhalt abwarf". Der Mißerfolg schreckte den geprüften Lehrer Benedikt Mainer nicht ab, im gleichen Jahre ein Institut für Knaben, Meier Kohn ein solches für Mädchen zu gründen. Die Frau des Lehrers Kohn, welche früher an der von dem bekannten Schulrat Stephani geleiteten Töchterschule in Ansbach gewirkt hatte, unterrichtete in französischer Sprache und in Handarbeiten. Nachdem 1853 Raphael Beer Levi infolge seines hohen Alters mit einer Pension von zweihundert Gulden in den Ruhestand trat, bestellte die Administration die beiden staatlich als Volksschullehrer qualifizierten Institutslehrer als Religionslehrer. Eine tiefgreifende Organisation des Religionsunterrichts beginnt: Ein Lehrplan wurde von Rabbiner Aub und den Lehrern ausgestellt und von der Administration durchberaten und genehmigt, es wurde Sorge getragen für die Teilnahme der Jugend am Sabbat- und Feiertagsgottesdienst, öffentliche Schulprüfungen wurden eingerichtet und Preisbücher als Prämien für gute Leistungen verteilt. 1836 nahmen zweiundsiebzig Schüler an der Prüfung teil — aber von Jahr zu Jahr sank die Besuchsziffer der Religionsschule, da besser situierte Eltern ihre Kinder immer noch von Privatlehrern zu Hause unterrichten ließen. Vergeblich petitionierten die beiden Lehrer darum, „allen zum Religionsunterricht nicht Befugten daö Handwerk zu legen und die Winkelschulen aufzulösen". Ein Beschluß des Gemeindeausschusses, alljährlich mit den Lehrern einen neuen Kontrakt zu schließen und alljährlich eine Konkurrenz um Bewerbungen auszuschreiben, rief den Protest des ersten Administrators Marx auf, „der Religionsunterricht der Jugend ist keine Ware, deren Preis durch Konkurrenz herabgedrückt werden soll, und alle Vorwürfe, die einem solchen Verfahren gemacht werden könnten, wären gerecht. In der Konkurrenz liegt die größte öffentliche Beleidigung für die seitherigen Lehrer. Wenn unsere Gründe bei der ersten Wahl nicht unrichtig und unerwogen waren, so müssen wir um unser selbst willen die erste Wahl ehren und dürfen keinesfalls so untadelhaste Männer als die seitherigen Religionslehrer geflissentlich herabsetzen und beleidigen." 1842 mußten Mainer und Kohn ihre Institute auflösen. Mainer trat als Sekretär, Kohn als zweiter Kantor in den Dienst der Gemeinde über. Wieder entbrannte der Streit um die öffentliche jüdische Schule wie im Jahre 1820, die diesmal von der Mehrzahl der hundertzehn Familienväter gewünscht wurde. Die Regierung mahnte am 6. November 1842 die Administration an den „pflichtschuldigen Gehorsam" und drohte im Falle eines Saumsals mit einer Strafe von zehn Reichsthalern gegen jedes Adminiftrationsmitglied. Zwölf Steuerpflichtige verweigerten die Zahlung der Kultussteuern bis zur Regelung der Schulfrage. Zwischen Administration und Ausschuß war die Spannung so stark, daß es zum Abbruch gemeinsamer Tätigkeit kam. Heillos war die Verwirrung in der Gemeinde und nicht einmal der Tatkraft eines Marx gelang es, den Schulwagen ins rechte Geleise zu bringen. Da fand Abraham Wolfsheimer, ein junger, aber zielbewußter Schulmann mit bedeutendem Organisationstalent, den Weg zur Hilfe. Er legte der Vertretung der Gemeinde einen großzügigen Plan zur Errichtung einer Religionö- und Elementarschule vor, deren finanzielle Gestaltung der Gemeinde keine großen Lasten aufbürdete. 1842 eröffnete Wolfsheimer mit zwei Vorklassen für die sechs- und siebenjährigen Schüler und drei Elementarklassen seine Schule. 1846 erweiterte er sie durch einen Abschlußkurs für Schüler von dreizehn bis vierzehn Jahren. Der Prospekt dieser Oberklasse nennt als Lehrgegenftände: Religion (Mischna und Kommentar der heiligen Schrift), Denklehre, deutsche und französische Sprache, Geographie, Geschichte, Arithmetik und Geometrie, Naturlehre, Seelen- und Körperlehre, Kalligraphie. Dieser Klasse wurden auch für den Religionsunterricht die wenigen Schüler der lateinischen, polytechnischen und Gewerbeschule zugewiesen. Die Schule wurde von der Gemeinde mit bedeutenden Mitteln subventioniert und endlich 1866 als G e m e i n d e s ch u l e vollständig übernommen. In Lazarus Baum (gestorben am 29. März 1884 als Religionsoberlehrer) und in Mathias Kohn (gestorben am 11. Oktober 1904 als Leiter einer Privathandelsschule) hatte Wolfsheimer tüchtige Mitarbeiter. Eine Übersicht der Schülerzahlen zeigt die Aufwärtsbewegung und die Beliebtheit der Schule und das Wachstum von Gemeinde und Schülerzahl nach Aufhebung des Matrikelzwanges (1861). 1842/43 64 Schüler 1852/33 85 „ 1862/63 215 „ 1866/67 ' 214 „ (Gemeindeschule) 1871/72 164 „ Das beste Zeugnis stellte der Schule der 1870 als erster weltlicher Schulrat und Schulkommissär nach München berufene Marschall aus. Nachdem er sie mehrmals inspiziert hatte, faßte er in einer Programmschrift (Reform des Münchener Volksschulwesens von G. N. Marschall S. 49) sein Urteil in folgende Worte: „Ich will auf eine hiesige sehr gute Schule, die israelitische Gemeindeschule Hinweisen. An dieser hat jede Klasse ihren Klassenlehrer, aber für einzelne Fächer übernimmt ein Lehrer auch den Unterricht in den übrigen Klassen. Diese Schule entbehrt dazu der oberen Klassen, weil ihre Zöglinge fast ausnahmslos an höhere Unterrichtsanftalten übertreten, gewiß ein Beweis von ihrer Tüchtigkeit." 1872 wurde die Schule trotz ihrer Leistungen und trotz des Protestes von führenden Männern, an deren Spitze Rabbiner Dr. Perles, Wilhelm Fränkel, Dr. Herzfelder, Abraham Merzbacher, Louis Schwab, Max von Wilmersdörffer standen, aufgelöst. In einer Eingabe vom 24. März 1872, die zahlreiche Unterschriften aufweist, heißt es: „In den verschiedensten und weitesten Kreisen der Gemeinde wird die israelitische Gemeindeschule als ein kostbares Gut, als die wertvollste Institution in unserem Gemeindeleben betrachtet und jede Bedrohung derselben als eine allgemeine und persönliche Calamität beklagt." Die politische Lage war der Einrichtung von Simultanschulen förderlich und die politisch liberal eingestellte Majorität der Gemeindemitglieder verlangte: „Die Volksbildung ist in zeitge-